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05. September 2018, 07:53 Uhr

Deutscher Oscar-Anwärter "Werk ohne Autor"

Wenn große Kunst entsteht

Aus Venedig berichtet

Florian Henckel von Donnersmarcks Epos "Werk ohne Autor" feiert Weltpremiere in Venedig - vorher wurde der Film schon zum deutschen Oscar-Anwärter erkoren. Zu Recht?

Wie macht man einen kreativen Prozess sichtbar? Wie erzählt man das, was Florian Henckel von Donnersmarck kürzlich in einem Interview "Alchemie" nannte, die Verwandlung bleierner privater Traumata in künstlerisches Gold im visuellen Medium Kino? Der 45-jährige Regisseur, der 2007 mit seinem Erstlingsfilm "Das Leben der Anderen" den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann, findet dafür in seinem neuen, dreistündigen Epos ähnlich griffige und emotional aufgeladene Bilder wie sein mehr oder minder heimliches Vorbild Steven Spielberg.

"Werk ohne Autor" feiert am Dienstagabend beim Filmfestival in Venedig seine Weltpremiere, wurde aber bereits vor dem Kino-Start am 3. Oktober zum deutschen Oscar-Anwärter erkoren. Es lastet viel Hoffnung und Erwartung auf Donnersmarcks Comeback nach seinem misslungenen Hollywood-Debüt "The Tourist" (2011). Diesen Druck hält der brillant inszenierte Film über die meiste Zeit seiner vier Jahrzehnte deutsche Geschichte umfassenden Story aus - weil es dem zu Großspurigkeit und Egomanie neigenden Regisseur gelingt, im großen Panorama die entscheidenden Details im Auge zu behalten.

In einer frühen Szene muss der kleine Kurt Barnert ansehen, wie seine Lieblingstante Elisabeth (Saskia Rosendahl) von Sanitätern gewaltsam in eine Ambulanz verfrachtet wird. Sie soll in ein Sanatorium gebracht werden, angeblich ist sie schizophren. Zuvor hatte sie mit ihrem Neffen in Dresden die Wanderausstellung "Entartete Kunst" besucht. Es ist 1937, die Nazis beginnen ihre gründliche gesellschaftliche "Säuberung".

Elisabeth ist ein libertärer Geist in zwanghaften Zeiten: Gern bittet sie die Busfahrer im Depot, alle gleichzeitig zu hupen, während sie sich vor die Wagen stellt und im Fanfarensound badet. So fühle es sich an, wenn große Kunst entsteht, sagt sie zu Karl. Später sitzt sie nackt am Klavier und entdeckt im zweifach gestrichenen A die Weltformel. Als sie merkt, dass Karl sie beobachtet, dreht sie sich zu ihm um, Scham und Brüste entblößt - und ruft ihm zu: "Sieh niemals weg!" Und so, "Never Look Away", lautet auch der internationale Titel von Donnersmarcks Film.

Als Elisabeth, die sich wild wehrt, betäubt und fortgebracht wird, um später in die Gaskammer des Nazi-Euthanasie-Zentrums Großschweidnitz geführt zu werden, sieht Kurt hin. Aber nur durch die Finger seiner vors Gesicht gehaltenen Hand. Die Realität verschwimmt im Hintergrund der Bilder von US-Kamerameister Caleb Deschanel, Kurts Finger, sein späteres Handwerkszeug als Künstler, bleiben scharf.

Später im Film wird man dieser Unschärfe wieder begegnen, wenn der erwachsene Kurt (Tom Schilling) an der Düsseldorfer Kunstakademie zu seiner ureigenen künstlerischen Identität findet: Er nimmt eine Fotografie von ihm als Kind mit Tante Elisabeth - und überträgt sie fotorealistisch auf die Leinwand, um diese gemalte Momentaufnahme dann mit einem Spachtel zu verwischen. Gerhard Richter, der bedeutendste deutsche Gegenwartskünstler, hat in seiner Düsseldorfer Zeit so gearbeitet. Auf seiner Biografie basiert Donnersmarcks um viel Fiktion erweiterter Film.

Ein Windstoß offenbart die Wahrheit

Richters zufällige familiäre Verquickung mit dem SS-Obersturmbannführer Heinrich Eufinger verdichtet Donnersmarck zu einer Geschichte darüber, wie Täter und Opfer nach dem Krieg zusammen unter einem Dach leben - und sich die Wahrheit über diese perverse Konstellation letztlich durch den Instinkt des Künstlers offenbart.

Als sich die Bilder von Elisabeth und Eufinger, der hier Seeband heißt und von Sebastian Koch verkörpert wird, im Atelier durch einen vielleicht göttlichen Windstoß überlappen, dröhnen zwar keine Omnibus-Hupen, aber der Soundtrack von Neo-Klassiker Max Richter wallt zu höchster Dramatik auf. Als Künstler ist man Revolutionär und Freiheitskämpfer, gibt Beuys-Pendant Antonius van Werten (Oliver Masucci) seinen Studenten zu Beginn im Düsseldorfer Plenarsaal mit auf den Weg. Den Rest klären dann die Achtundsechziger. Politisch wollte auch Gerhard Richter sein Werk nie sehen.

Auch Donnersmarcks Film vertieft sich vor allem in die künstlerische Erweckung seines Protagonisten, den Schilling mit gewohnter Feinnervigkeit spielt. Schön arbeitet der Film auch heraus, wie sich die feindliche Einstellung zu progressiver Kunst beim Übergang vom Faschismus zum DDR-Sozialismus kaum ändert, als Barnert öde Arbeiter-Ikonografie an die Wände der Kaderschmieden pinseln muss. Erst nach der Flucht in den Westen darf er seinen Talenten freien Lauf lassen. Die Ausstattung des Films ist bis zum kleinsten historischen Busticketknipser authentisch - und bietet opulente Farbwelten beim Übergang von Dreißigerjahre-Sepia zu Fünfzigerjahre-Knalligkeit bis zu den längeren Schatten der Sechziger.

Zu kurz kommt dabei die Rolle von Barnerts Frau und Gefährtin Ellie, die ihre Karriere als Modeschöpferin aufgibt und ihrem Kurt vor allem in mehreren Sex- und Nacktszenen als Muse dient. Dabei wird ihr im Film das größte Leid angetan - vom eigenen Vater. Man hätte der hervorragenden Paula Beer mehr Raum gewünscht.

Ähnlich wie Richter einst der als überkommen verpönten Malerei, ringt auch Donnersmarck der klassischen Form des epischen Erzählkinos ein mitreißendes Werk ab - das jedoch inhaltlich zu respektvoll und formal zu gediegen ist, um diese Kunstform neu auszuloten. Statt selbst als Autor in den Vordergrund zu drängen, stellt sich der Regisseur nahezu komplett in den Dienst seiner Geschichte, um einem großen Künstler auf die Finger zu schauen. Dafür gab es nach der Pressevorführung am Dienstag in Venedig viel Applaus beim Fachpublikum. Die Oscar-Wetten können beginnen.

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