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Filmfestival Venedig: Zerknirschung made in USA

Von , Venedig

Die Guten waten im Blut, verlieren ihren Glauben: Das Filmfestival in Venedig liegt nach dem heiteren Start ganz im Bann US-amerikanischer Selbstkritik. Besonders unerbittliche Kritik am Irak-Krieg übt Brian de Palma mit "Redacted".

Venedig - Die Regenwolken über dem Lido haben sich am Freitag wieder verzogen, die Zaungäste und Fotografen am roten Teppich vor dem Festivalpalast jubeln in kindlichem Überschwang beim Wiedererkennen bekannter (und wohlgeformter) Nasen aus dem Weltkino wie denen von Diane Krüger, Daryl Hannah oder George Clooney, aber drinnen in den Kinos geht es jetzt finster zu. Die kapitalistische Weltordnung und ihre kriegführende Vormacht, die Vereinigten Staaten von Amerika, sitzen auf der Anklagebank, dabei kommen gleich drei Regisseure zu einem niederschmetternden Resultat: Es ist etwas grundsätzlich faul im Land der Tapferen und Freien.

Brian de Palma in Venedig: Massive Kritik am Irak-Krieg.
REUTERS

Brian de Palma in Venedig: Massive Kritik am Irak-Krieg.

Vergleichsweise dezent und entlang klug verschlungener Handlungsfäden erzählt der 1956 geborene Regisseur Tony Gilroy in dem Film "Michael Clayton" von den Winkelzügen und Fallstricken des realen amerikanischen Rechtssystems, das mit Gerechtigkeit manchmal wenig zu tun hat. George Clooney spielt den Titelhelden, der für eine New Yorker Anwaltskanzlei als Ausputzer in kniffligen Fällen einspringt, untreuen Ehemännern und fahrerflüchtigen Millionären dabei hilft, sich vor ihrer Verantwortung zu drücken. Als einer seiner Chefs eine Art Nervenzusammenbruch erleidet, stößt Clayton eher zufällig auf die Machenschaften, die seine Kanzlei im Auftrag eines großen Nahrungsmittelkonzerns betreibt. Die Firma hat ihren Kunden giftige Ware angedreht und drückt sich mit allen Mitteln davor, die Zeche zu zahlen.

Clooney als Außenseiter

Es ist großartig, Clooney dabei zuzusehen, wie er hier mal nicht den coolen Max, sondern einen zerknitterten, spielsüchtigen, sympathisch verlorenen Außenseiter spielt, der durch blankgewienerte Büroräume tigert wie einst Inspektor Columbo. Seine Gegenspielerin ist Tilda Swinton als Chefin des betrügerischen Konzerns, und die Kunst des Regisseurs Gilroy besteht vor allem darin, sie nicht als grundböse Schurkin darzustellen. Er zeigt sie als zitterndes Nervenbündel, die zu Hause vor dem Badezimmerspiegel jeden ihrer Auftritte in Firmenkonferenzen und Anwalts-Meetings trainiert und er lässt keinen Zweifel: Korrupt und zum Morden gedrillt ist nicht allein diese Frau, sondern vor allem das System, in dem sie funktioniert.

Allerdings dann doch um einige Härtegrade entschlossener geht der in Kanada geborene und durch "Crash" 2004 berühmt gewordene Paul Haggis in dem Film "In The Valley of Elah" mit seiner USA-Kritik ans Werk. Sein Thema sind der Krieg im Irak und das, was er mit den Menschen anstellt, die ihn führen. Tommy Lee Jones spielt einen alten Mann, der selbst in der Army war. Sein älterer Sohn ist vor Jahren bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen, sein jüngerer Sohn hat in Bosnien und im Irak gedient und ist angeblich seit ein paar Tagen aus dem Irak zurückgekehrt. Nur leider ist er verschwunden. Also macht sich der alte Herr auf, den Sohnemann zu suchen.

In der Kaserne an der Grenze zu Mexiko, in der sein Sohn vermisst wird, schafft es der Vater, das Handy des Jungen in der Jacketttasche verschwinden zu lassen. Darauf finden sich seltsame, erst mithilfe eines Computerbastlers zu entschlüsselnde Kriegsbilder aus dem Irak. Tags darauf erfährt der Vater: Sein Sohn ist tot, ermordet. Sein verstümmelter Leichnam liegt in der Wüste, eine halbe Stunde von der Kaserne entfernt.

Wie Tommy Lee Jones seinen Glauben verliert

Tommy Lee Jones spielt einen Mann, der an Amerikas Werte, an Gott und das Sternenbanner glaubt, jeden Abend zwanghaft seine Schuhe putzt und allmählich von seinem Glauben abfällt. Er findet eine Helferin, eine von ihren Kollegen gemobbte Polizistin (Charlize Theron beweist mal wieder ihre erstaunliche Verwandlungskraft). Gemeinsam ermitteln sie die Wahrheit über seinen Sohn. Der ist im Irak, so scheint's, von einem gedrillten Musterknaben zu einem seelisch kranken, gemeingefährlichen Unmensch geworden, und es ist fast überflüssig zu sagen, dass nicht seine Moral allein verrottet ist, sondern die des Landes, für das er kämpft.

Wo Haggis noch den Verlust der Ideale bedauert und sich um Einfühlung bemüht, bolzt Brian De Palma noch viel radikaler los in seiner Abrechnung mit dem elenden Krieg im Irak. De Palmas Film "Redacted" ist die Fiktion eines Dokumentarfilms, zusammengebaut aus Handkamerabildern von Soldaten an der Front, Internet-Videos von Enthauptungen und Bombenanschlägen arabischen Terrornetz-Seiten, Reportagen arabischer TV-Sender und Überwachungskameraaufnahmen aus US-Camps. Ein Puzzle aus Grausamkeit, Verrohung, Blutdurst auf beiden Seiten der Barrikade - und ein Kriegsfilm von unerhörter Gnadenlosigkeit und Rücksichtslosigkeit auch gegenüber dem Zuschauer.

1989 hat Brian De Palma "Casulties of War" gedreht, 18 Jahre später simuliert er in "Redacted" eine Kriegsrealität, die noch bedrückender, verstörender und unentrinnbarer scheint. Neunzig Minuten lang wird der Zuschauer mit dem Morden im Irak, mit der Langeweile und der Brutalität der Soldaten, mit der Angst und der Ballerei an von der Army eingerichteten Checkpoints konfrontiert, und De Palma erspart ihm fast nichts. Nicht die Abschlachtung amerikanischer Soldaten und nicht die Vergewaltigung eines 15-jährigen irakischen Mädchens durch US-Jungs, die sich wie Bestien aufführen. Die Good Boys aus USA waten im Blut.

De Palmas spektakuläres, mit wenigen Geldmitteln und unter fast privaten Produktionsbedingungen gedrehtes Lehrstück "Redacted" (der Titel bedeutet in etwa "redigiert" und spielt an auf die Medien-Montagetechnik des ganzen Werks) ist ein Pamphlet gegen die Weiterführung eines offensichtlich sinnlosen Krieges. Dass er in den US-Kinos viele Zuschauer findet, steht nicht zu erwarten. Die Jury in Venedig aber, in der unter andrem Catherine Breillat, Paul Verhoeven und (als Präsident) Zhang Yimou sitzen, dürfte bei der Vergabe der Löwen am Ende des Festivals kaum an De Palmas unerbittlichem, oft unerträglichem Anti-Kriegsfilm vorbeikommen.

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