Filmfestival von Cannes: Großes Kino mit Sarko

Von , Paris

Novum bei den Filmfestspielen in Cannes: Erstmals wird mit Nicolas Sarkozy ein amtierender Präsident Frankreichs in einem Spielfilm vorgeführt. Ehefrau Carla hat es besser, sie taucht leibhaftig in Woody Allens Festival-Eröffnungsfilm "Midnight In Paris" auf.

Sarkozy in Cannes: Machtgier und Nebenrolle Fotos
AP

Nicolas Sarkozy legt Wert auf die genaue Inszenierung seiner öffentlichen Auftritte. Geplant werden Kameraeinstellungen, Hintergrundfarben und die Größe der handverlesenen Statisten - denn den Lenker der Nation soll möglichst niemand überragen. So jedenfalls verfährt der Präsident bei Besuchen in Frankreichs Regionen, bei Visiten vor Ort, bei unauffällig arrangierten spontanen Treffen mit Landsleuten oder Parteifreunden. Alle Auftritte des ersten Staatsschauspielers sind in der Videothek des Élysée verfügbar.

In der Kino-Produktion, die beim Filmfestival von Cannes gezeigt wird, wird Sarkozy sehr viel weniger günstig ins Licht gerückt. Denn hier fungiert Frankreichs Präsident nicht als Selbstdarsteller in politischer Mission. In dem Leinwandspektakel, das beim Festival an der Côte d'Azur Premiere feiert und am 18. Mai in 400 Sälen startet, ist er der Held einer süffig erzählten, rasanten Kinogeschichte: "La Conquête" (Die Eroberung), ein Film des bisher vorrangig für das Fernsehen tätigen Regisseurs Xavier Durringer, zeichnet nach, wie sich der ehemalige Bürgermeister von Neuilly mit harten Bandagen bis zum höchsten Amt durchboxt. Dabei sagt er so prägnante Sätze wie: "Vergessen Sie nicht, dass ich ein Ferrari bin. Wenn Sie die Motorhaube öffnen wollen, dann nur mit weißen Handschuhen!"

Ungewöhnlich, denn Filme über Frankreichs Präsidenten sind eher rar. Bekannt wurde 2005 "Le Promeneur du champ de mars" (deutscher Titel: "Letzte Tage im Elysée"), ein Spielfilm von Robert Guédiguian über die letzten Lebensjahre von Francois Mitterrand. Auch der Nachfolger des Sozialisten wurde ein Jahr später in einem preisgekrönten Dokumentarfilm beschrieben: "Dans la peau de Jacques Chirac" (Etwa: In Jacques Chiracs Haut) geriet dabei zur ziemlich bissigen Abrechnung mit dem Ex-Präsidenten. Der amtierende Staatschef war hingegen durchaus schon Gegenstand von Dokumentationen; am 26. April widmet ihm der Sender France 2 eine Folge seiner Dokumentarfilmreihe "Un jour, un destin" (Ein Tag, ein Schicksal).

Ein Novum aber ist, dass der amtierende Mann im Élysée Hauptfigur eines Spielfilms wird - das verspricht politische Resonanz auch weit über Cannes hinaus. Bisher galt der aktuelle Staatschef als Tabuthema. Produktionsfirmen hätten das Sujet wie eine heiße Kartoffel behandelt, sagt Eric Altmayer, der den Film mit seinem Bruder Nicolas produzierte, und hätten trotz zuvor geäußertem Interesse den Schwarzen Peter stets weitergereicht: "Diese subtile Selbstzensur erklärt, warum es in Frankreich fast nie Filme über Politik gibt". Auch die meisten Fernsehstationen schreckten davor zurück, sich an dem Sechs-Millionen-Euro Film zu beteiligen. Nur der Privatsender Canal+ gehört mit einer Million Euro zu den finanziellen Unterstützern des Projekts.

Heimliche Freude am Polit-Voyeurismus

Der Film über die "Geschichte eines Mannes, der die Macht gewinnt, aber seine Frau verliert", so die kurzgefasste Inhaltsangabe von Verleiher Gaumont, zeigt Sarkozy als machtgierigen Sozialaufsteiger, getrieben von Ehrgeiz und Egozentrik. Denis Podalydès hat Erfahrung mit der Darstellung von bekannten Persönlichkeiten; er verkörperte große Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre ("Sartre, l'âge des passions") oder André Malraux ("Un crime très populaire"). In der Vorschau, die im Internet kursiert, ahmt er mit großer Genauigkeit den zappelnden Habitus des Präsidenten nach und spielt mit Lockenperücke überzeugend dessen Gefühlsausbrüche und emotionale Einsamkeit.

Auch der Rest der Polit-Elite ist gut getroffen: Ex-Ehefrau Cécilia etwa, die die Karriere ihres Mannes mit Verve betrieb, wird gespielt von Florence Pernel ("Drei Farben: Blau"). Die Trennung von ihr löste beim gerade gewählten Präsidenten Depressionen aus und brachte Frankreich beinahe an den Rand einer Staatskrise. Bis ins Detail nachempfunden sind auch die taktischen Spiele seines mit Sarkozy in Hassliebe verbundenen Vorgängers Chirac oder die Winkelzüge des damaligen Premiers und Konkurrenten Dominique de Villepin - der sich derzeit als Gegenkandidat zum real existierenden Sarkozy für die Präsidentenwahl 2012 in Stellung bringt.

Natürlich ist der Blick hinter die Kulissen der Macht geprägt von einer Schlüsselloch-Optik - recherchiert und geschrieben hat das Szenario aus Fakten und Fiktion der Historiker und Dokumentarfilmer Patrick Rotman. Wobei aus dem Umfeld des Präsidenten, das den kompletten Film aber auch noch nicht zu sehen bekam, der fiktionale Aspekt betont wird. Doch schon allein die heimliche Freude am Polit-Voyeurismus dürfte deshalb für satte Besucherzahlen sorgen.

Für den zu erwartenden Publikumserfolg des anderen Films mit Élysée-Besetzung dürfte hingegen eher der Regisseur verantwortlich sein. Woody Allens "Midnight in Paris", einer der 19 Beiträge im Hauptprogramm, ist vielversprechend - nicht wegen, sondern eher trotz des Auftritts von Sarkozys jetziger Ehefrau Carla Bruni. Bei den Dreharbeiten, so tuschelte seinerzeit Tout-Paris, soll der Filmemacher mit seiner prominenten Darstellerin ziemlich unzufrieden gewesen sein.

Könnte der fiktive Nicolas damit der echten Carla womöglich eine Palme streitig machen? Ausgeschlossen, denn beide Filme laufen in Cannes außer Konkurrenz. Eine neuerliche Ehe- oder Staatskrise bleibt Frankreich somit wohl erspart.

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