Filmfestspiele von Cannes Ein schlechtes Jahr für Kleintiere

Ein blutiges Festival nähert sich dem Ende. Während sich die junge deutsche Regisseurin Katrin Gebbe in ihrem Film "Tore tanzt" in Gewaltexzessen verliert, findet der Iraner Mohammad Rasoulof schlüssige Bilder für eine Welt der Paranoia und des Terrors.

Aus Cannes berichtet Lars-Olav Beier

ZDF/ Junafilm

Es war wieder mal kein gutes Jahr für Kleintiere. Kaum tauchten auf dem diesjährigen Festival von Cannes Hunde oder Katzen auf der Leinwand auf, wurden sie überfahren, niedergeschossen, ertränkt oder erwürgt. Den Huftieren erging es nicht besser. Pferde stürzten zu Tode oder wurden misshandelt, ein Kuhstall ging in Flammen auf, eine Giraffe wurde von einem Magier auf Nimmerwiedersehen weggezaubert. Immerhin sah man, wie ein Fohlen zur Welt kam.

Noch Besorgnis erregender war allerdings der Mangel an Menschenschutz. Köpfe, Arme und Beine wurden abgetrennt, Augen zerschnitten, einer Frau wurde ein Schwert in die Gebärmutter gestoßen, zwei Männern der Penis angezündet. Man fragt sich, ob die normale, zivilisierte Welt wirklich gut beraten ist, uns Cannes-Besucher nach zehn Tagen Dauergemetzel wieder aufzunehmen. Wäre nicht es ratsamer, das gesamte Palais in eine geschlossene Anstalt zu verwandeln und niemanden von uns mehr rauszulassen?

Der deutschen Regisseurin Katrin Gebbe gelang es in ihrem Film "Tore tanzt", der in der Reihe "Un Certain Regard" lief, zwei der neuen Subgenres, um die Cannes das Kino in diesem Jahr bereicherte, miteinander zu verbinden: das Katzenmeuchel-Drama mit dem Pimmelverstümmelungs-Schocker. Erst zeigt sie, wie ein Mann mit großem Vergnügen eine Katze in einer Regentonne ersäuft. Dann erzählt sie von zwei Frauen, die sich einen Spaß daraus machen, einem jungen Mann den Penis abzuschneiden.

"Tore tanzt" ist der einzige deutsche Spielfilm im Programm des Festivals. Für alle Nationen, die möglicherweise gerade neidisch auf unser Land schauen, hält er eine beruhigende Botschaft bereit: Auch bei uns ist nicht alles gut. Gebbe erzählt von Tore (Julius Feldmeier), der Mitte Zwanzig ist und den Jesus Freaks angehört. Sie haben sich der Keuschheit und Friedfertigkeit verschrieben. Im Laufe des Films wird Tore auf die übelste Weise drangsaliert.

Film gewordenen Sadismus

Er muss vergammeltes Fleisch essen, sich prostituieren, ein Fernseher wird auf seinem Gesicht zertrümmert, eine Zigarette wird ihm in eine offene Wunde gedrückt. Warum die Menschen Tore all dies antun, bleibt völlig unklar. "Tore tanzt" ist eine Aneinanderreihung sich steigernder Gewaltakte, für die es keine nachvollziehbare Motivation gibt. So gewinnt der Zuschauer immer mehr den Eindruck, dass es sich um Film gewordenen Sadismus handelt, auch wenn das gewiss nicht die Absicht der Regisseurin war.

Wie man von extremer Gewalt erzählen kann, ohne sich in Exzessen zu verlieren, beweist Mohammad Rasoulof in seinem Film "Manuscripts Don't Burn". Der Iraner erzählt von drei Schriftstellern, die von Schergen des Regimes verfolgt werden. Die Handlung dreht sich um das Manuskript eines Romans, dessen Veröffentlichung um jeden Preis verhindert werden soll. Der noch in Iran lebende und arbeitende Regisseur zeigt Zensur und staatliche Willkür, Unterdrückung und Folter.

2010 wurde Rasoulof wegen seiner regimekritischen Arbeiten zu sechs Jahren Haft verurteilt; später wurde die Strafe auf ein Jahr mit Bewährung reduziert. Klandestin hat er diesen Film gedreht, eigentlich sollte "Manuscripts Don't Burn" ohne Nennung des Regisseurs in Cannes laufen, um Rasoulof zu schützen. Nun lief er ohne Vorspann, die Namen der Schauspieler und Teammitglieder sollen geheim bleiben. Was Rasoulof nach diesem Film in Iran droht, ist nicht abzuschätzen.

"Manuscripts Don't Burn" funktioniert wie ein Paranoia-Thriller. Regimegegner werden abgehört und mit Überwachungskameras rund um die Uhr observiert. Wer die Wohnung verlässt, durchsucht vorher seine Taschen, um sicherzustellen, dass er auch wirklich nichts bei sich führt, was ihn in irgendeiner Form belasten könnte. Die Gewalt ist in diesem Film schon zu spüren, lange bevor der erste Mord zu sehen ist.

Rasoulof wechselt ständig den Blick zwischen den drei Schriftstellern, deren Lage immer bedrohlicher wirkt, und einem der beiden Killer, die auf sie angesetzt werden. Es ist überaus verstörend zu sehen, dass Quälen und Töten für diesen Mann etwas ganz und gar Alltägliches geworden ist. Im letzten Bild lässt Rasoulof ihn in einer Menschenmenge verschwinden. Die Mörder sind unter uns.



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Seite 1
shootergamer 24.05.2013
1. Zensur
Zitat von sysopZDF/ JunafilmEin blutiges Festival nähert sich dem Ende. Während sich die junge deutsche Regisseurin Katrin Gebbe in ihrem Film "Tore tanzt" in Gewaltexzessen verliert, findet der Iraner Mohammad Rasoulof schlüssige Bilder für eine Welt der Paranoia und des Terrors. http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmfestspiele-cannes-2013-tore-tanzt-manuscripts-don-t-burn-a-901793.html
Wenn man diesen Artikel liest muss man sich nicht wundern, dass es kaum Leute bei uns interessiert, dass auch bei uns Filme zensiert werden. Es kannt doch ruhig Gewalt gezeigt werden, wenn der Film für Erwachsene ist. Wenn ihr das ach so schlimm findet dann guckt sie doch einfah nicht als darüber zu berichten, dass die Filme so gewalttätig sind.
der besucher 26.05.2013
2. Jesus Freaks
Hier wird behauptet, Fass die Jesus-Freaks eine Sekte sind. Anscheinend ist hier mal wieder schlampig recherchiert worden. Die Jesus -Freaks sind KEINE SEKTE, es grenzt an Rufmord, so etwas zu behaupten. Ist das so schwer zu begreifen?
vondersternburg 26.05.2013
3. Jesus Freaks die
Ich habe diesen Artikel mit erstaunen gelesen und muß zugeben das mir weder die Filme noch die Macher etwas sagen. Erstaunt war ich darüber das die "Jesus Freaks" hier als "Jugendsekkte" bezeichnet werden. Dazu möchte ich sagen das ich seit gut 4 Jahren selbst bei den Jesus Freaks bin und ich so aus eigenem Erleben sagen kann das wir weder eine Sekte sind, das bestätigen uns auch die Sektenbeauftragten mehrerer Bundesländer, und Zweitens sind wir auch keine Jugendkirche. Die meisten Jesusfreaks mögen sich dennoch Geschmeichelt fühlen von dem Bezug zur Jugend, doch das liegt ehr daran das der Altersdurchschnitt in den meisten Gemeinden alles anders als jugendlich ist. Ich würde mich freuen wenn der Autor dieses Artikels sich nochmal mit diesem Thema auseinadersetzen würde. Er könnte dabei noch eine ganze Menge lernen und hätte, glaube ich auch genügend Matrial für einen neuen Artikel zu diesem Thema.
spon-facebook-540631848 27.05.2013
4. Wo war Herr Lars-Olav Beier?
Ach übrigens: Ja, ich bin ein Jesusfreak! Und ich bin richtig stolz drauf einer zu sein. Trotz irgendwelcher Verunglimpfungen auf Spiegel Online, die mal wieder nicht wissen, wie man „Recherche“ buchstabiert. Ich kann auch sehr gut zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden. Sicher, es geht hier nur um einen „Film“. Eben Fiktion. Aber die Nennung von „Jesus-Freak“ und „Sekte“ in einem Satz nervt mich langsam. So etwas erfüllt den Tatbestand von Rufmord. Es gibt viele Jesusfreaks die richtig gute Straßenarbeit machen, sie sich um Drogenabhängige kümmern, Obdachlose, die in Krankenhäuser gehen und einsame Menschen besuchen. Auch um gestrandete Jugendliche kümmern die sich zum Teil aufopferungsvoll. Den Satz „ohne die Jesusfreaks wäre ich heute tot“ habe ich in den vergangen Jahren mehrfach gehört. So ein Reporter kann es durch seine Dummheit und Inkompetenz leicht schaffen, dass Spender unseres (als gemeinnützig und mildtätig anerkannten) Vereins ausbleiben. Aber auch, dass Mutti ihrem Sohn verbietet, zu den Freaks zu gehen, denn sie hätte im Internet gelesen, das wäre eine gefährlich "Jugendsekte". Und das finde ich scheiße. P.S.: Der Film soll übrigens gut sein und die Jesusfreaks werden überhaupt nicht negativ dargestellt und schon garnicht als Sekte. Vielleicht hat der Reporter Lars-Olav Beier den Film garnicht gesehen?
mitdenkende_leserin 27.05.2013
5. Danke für Artikel-Korrektur
Vielen Dank an spiegelonline, dass die fehlerhafte Bezeichnung der Jesus Freaks gestrichen wurde. Weitere Kommentare in diese Richtung kann man sich also sparen.
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