Bilanz von Cannes 2018 Die Kämpfe gehen weiter

Als Festival im Aufbruch präsentierte sich Cannes in diesem Jahr. Politisches Engagement mit Gehalt suchte man vergebens. Dafür zeigten die Filme Neugier aufs Leben - jenseits von Arroganz und Übersättigung.

Khadja Nin bei der Abschlussfeier der Filmfestspiele in Cannes
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Khadja Nin bei der Abschlussfeier der Filmfestspiele in Cannes

Aus Cannes berichtet


Mit der linken Faust kämpferisch in den Himmel gestreckt, ging Asia Argento am Samstagabend über den roten Teppich zur Abschlussgala des diesjährigen Wettbewerbs in Cannes. Kurz bevor der Preis für die beste Schauspielerin bekannt gegeben wurde, trat die italienische Darstellerin und Regisseurin auf die Bühne des Grand Thêatre Lumière und mahnte das Festival, wofür es viel zu lange gestanden hatte: "1997 wurde ich hier in Cannes von Harvey Weinstein vergewaltigt. Ich war 21 Jahre alt. Dieses Festival war sein Jagdgebiet."

Ähnlich kämpferisch wie Argento hatte sich Cannes selbst im Vorfeld gegeben: gegen Netflix, gegen Sexismus, für neue Themen und Talente hatte man sich in Stellung gebracht. Nach elf Tagen Festival kann aber keiner der Konflikte als gewonnen gelten. Im Gegenteil.

Die Rede von Asia Argento im Video:

Besonders die Maßnahmen gegen Missbrauch und Sexismus ließen zu wünschen übrig. Einen Verhaltenskodex, der Übergriffe explizit ausschließt, verabschiedete Cannes nicht. Stattdessen wurde eine Hotline eingerichtet, an die sich Opfer von Übergriffen wenden konnten. Ersten Berichten zufolge soll von dieser Hotline mehrfach Gebrauch gemacht worden sein, eine Betroffene oder ein Betroffener soll zudem von den Mitarbeitern der Hotline zur örtlichen Polizei geleitet worden sein, um Anzeige zu erstatten.

Ein bisschen Politik

Eine genauere Auswertung will das Festival in den kommenden Tagen vorlegen, in der Zwischenzeit freute es sich, dass es mit dem Defilee von 82 Frauen über den roten Teppich zur Mitte des Festivals eine Solidaritätsgeste zu bieten hatte, die auch noch eine tolle "photo opp" für die anwesende Boulevardpresse war. Derweil ging fast unter, dass zwei der im Wettbewerb vertretenen Regisseure, der Iraner Jafar Panahi und der Russe Kirill Serebrennikov, in ihren Heimatländern massiven politischen Repressionen ausgesetzt sind und zur Weltpremiere ihrer neuen Filme nicht anreisen durften.

"Free Kirill" war auf Buttons und T-Shirts russischer Kolleginnen und Kollegen zu lesen, Cannes hingegen unterließ solche Statements. Und nachdem die Nebenreihe "Un Certain Regard" noch mit "Donbass", Sergey Loznitsas brillanter Anklage gegen die russische Intervention in der Ostukraine eröffnet hatte, konnte man es nur der internationalen Presse entnehmen, dass der von Russland entführte ukrainische Regisseur Oleg Sentsov nach vier Jahren Haft in Hungerstreik getreten ist. Auf dem roten Teppich war davon nichts zu hören und zu sehen.

Prekär und gespalten

Immerhin versuchte Cannes, sich in den ausgewählten Filmen neuen politischen Verhältnissen zu nähern. Prekäre Lebensumstände und soziale Spaltung waren Themen, die sich quer durch den Wettbewerb zogen - selbst in Asghar Farhadis Starkino "Todos lo saben" ("Everybody Knows") mit Penélope Cruz und Javier Bardem war es die spanische Wirtschaftskrise, die zur Entführung eines Kindes und in der Folge zur Enthüllung einiger schmerzhafter Familiengeheimnisse führte. In seinem Debütfilm "Yomeddine" schickte der Ägypter A.B. Shawky einen von Lepra gezeichneten Müllsammler und einen jungen Waisen auf beschwerliche Reise quer durchs Land, nur um festzustellen, dass es ihnen in ihren bisherigen Gettos noch am besten ergangen war.

Gar nicht erst aus den Slums von Beirut heraus schafften es in "Carphanaüum" der zwölfjährige Zein (Zain Alrafea) und sein unfreiwilliger einjähriger Wegbegleiter Yonas (Treasure Bankole). In den Szenen, in denen sich die zwei Kinder allein durchschlagen mussten, gelang Regisseurin und Co-Autorin Nadine Labaki eine einzigartige, von dokumentarischer Detailliertheit getragene Intensität, die ihr Sozialdrama in den Augen vieler auch für höchste Cannes-Ehren empfahl.

Dass es am Ende auf den Prix du Jury, den dritten Platz, hinauslief, war dennoch eine kluge Entscheidung der Jury, denn in "Carphanaüm" verpackt Labaki auch eine Anklage gegen die Unterschicht, die ihrer Ansicht nach zu viele Kinder zu bekommen scheint, als dass sie sich noch sinnvoll um sie kümmern könnte. Im libanesischen Kontext ist das möglicherweise eine radikale, weil auch religionskritische Aussage, doch in europäischen Diskursen mit ihren rechtspopulistischen Ausreißern stellt sich das als eine mehr als erklärungsbedürftige Position dar.

Männerwelten, Frauenwelten

Bemerkenswert war gleichzeitig, wie sehr sich in den Wettbewerbsfilmen die Welt in männliche und weibliche Sphären aufteilte. Gleich zwei Filme hatten einen jungen Slacker zur Hauptfigur, in dessen Leben erst Bewegung kommt, als die von ihm begehrte Frau verschwindet. Der US-Amerikaner David Robert Mitchell baute in "Under the Silver Lake" ein Hipster-Labyrinth aus obskuren Indiebands, Filmzitaten, Underground-Zines und Hundemördern, in das er Ex-Spider-Man Andrew Garfield auf der Suche nach seiner mysteriösen Angebeteten schickte.

Viel interessanter inszenierte der Koreaner Lee Chang-dong die alte Kinodirektive "Cherchez la femme". In "Burning", dem Film mit den besten Kritiken des Festivals, wandelt sich die Suche nach der Geliebten zu einem Duell der Konkurrenten und mittelbar ihrer Gesellschaftsschichten: Auf der einen Seite der Uni-Absolvent Jongsu (Yoo Ah-in), der auf der Couch seines Vaters schlafen muss, während er sich mit seinem ersten Roman abquält, auf der anderen Seite der Selfmademann Ben (Yeun Steven), der Porsche fährt und zu Dinnerpartys in sein Loft in Gangnam einlädt.

Mindestens der Darstellerpreis wäre angemessen gewesen für die herausragend gegeneinander in Stellung gebrachten Yeun und Yoo. Stattdessen triumphierte Marcello Fonte mit seiner Schoßhündchen-Nummer aus Matteo Garones "Dogman" - einem geistlosen Film, der so wenig Verwendung für Frauen hatte, dass sie nur am Rande als niedliche Tochter und willfährige Prostituierte auftraten.

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Bei den Frauen kamen für den Schauspielpreis eigentlich nur die Kirgisin Samal Yesyamoya aus "Ayka" sowie die Chinesin Zhao Tao aus "Jiang Hu Er Nv" ("Ash is Purest White") infrage, beide von ihren Regisseuren auf härteste Bewährungsproben gestellt - erste in der Schattenwelt der Illegalen in Moskau, zweite im organisierten Verbrechen Chinas. Die Wahl der Jury fiel schließlich auf Yesyamoya; dem Festivalpublikum dürfte sich jedoch Zhao als eine der besten Schauspielerinnen der Welt ins Gedächtnis gebrannt haben.

Festival ohne Fantasie

Dass Zhao in einer entscheidenden Szene des Films offenbar ein Ufo zu Gesicht bekommt, gehörte zu den wenigen fantastischen Momenten des Festivals. Ernüchternd oft setzten die Wettbewerbsfilme auf die naturalistische Darstellung von prekären Lebensverhältnissen, selten wurde abstrahiert oder überrascht - und entsprechend wenig gelacht. Kore-eda Hirokazus Gewinnerfilm "Shoplifters" schaffte es immerhin, weibliche und männliche Lebenswelten zu vereinen und in einem heruntergekommenen Einzimmerhaus inmitten Tokios zu einer fragilen Gemeinschaft der Marginalisierten zusammenzuführen.

Dass von sozialem Bewusstsein getragene Erzählungen weder Poesie noch Fantastik ausschließen müssen, bewies Alice Rohrwacher mit ihrem hinreißenden "Lazzaro Felice". Der Drehbuchpreis, zumal geteilt mit Nader Saeivar für Jafar Panahis "Se Rokh", stellt viel zu wenig Anerkennung für Rohrwacher dar. Aber passend zum feinen Humor des Films lieferte er zum Schluss eine der besten Pointen des Festivals: Als eine der letzten Meldungen aus Cannes erreichte uns die Nachricht, dass Netflix "Lazzaro Felice" gekauft hat.

insgesamt 3 Beiträge
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keine-#-ahnung 20.05.2018
1. Ja nö, Leudz ...
... mal 'n Resümee von Cannes, ne: mietuh läuft wie geschnitten Brot. Aus der Vorwoche. Politik war nich fiel, Frauen auch nich! Und das die Genossinnen aus Arabien viele Kinder haben, darf FRAU als Religionskritik sagen. Aber nicht den Rechtspopolisten verraten, bloss nich!! Un nechstes Jahr berichte ich wieder vom Weltkongräss radikaler Jungfeministinnen - dann wird das sicher viel besser!
murksdoc 20.05.2018
2. #me jo-jo
Ich (Atheist) schwöre zu Gott (zu jedem, den es gibt), daß ich mir keinen einzigen dieser Filme je anschauen werde und eine Asia Argento mit publicitywirksam geballter Kommunistenfaust zwar lächerlich finde, aber für "Comedy" wieder zu blöd.
mina2010 20.05.2018
3. Und ...
wird nur einer dieser Filme auch nur ein Deut besser, weil uns sogenannter Experten vorschreiben was wir gut zufinden haben? Vermutlich dürfen die Steuerzahler, diese Selbstbeweihräucherungen noch mit finanzieren.
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