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Cannes-Tagebuch: Glutvoll schmachtende Blicke

Aus Cannes berichtet

"Marguerite et Julien": Deftigen Skandal gewittert Zur Großansicht
Cannes Film Festival

"Marguerite et Julien": Deftigen Skandal gewittert

Schwierige Themen, unausgegorene Filme: Die zweite Woche des Cannes-Festivals begann mit dem Drogenkriegs-Thriller "Sicario" von Hoffnungsträger Denis Villeneuve und einem missglückten Inzestdrama aus Frankreich.

"Willkommen in Juarez", raunt Benicio del Toro, wie es nur Benicio del Toro kann: mit mokanter Verachtung, die ahnen lässt, dass man hier alles andere als willkommen sein wird. Der Schauspieler, um den es zuletzt etwas stiller geworden war, kehrt dieses Jahr mit zwei Filmen zurück - und bleibt beide Male dem Sujet seines letzten großen Auftritts in Oliver Stones "Savages" 2012 treu: dem Drogenkrieg zwischen den USA und Lateinamerika. In "Escobar" (Start 9. Juli) spielt del Toro einen berüchtigten kolumbianischen Kartellboss. Zunächst aber verkörpert er in Denis Villeneuves Thriller "Sicario", der in Cannes um die Goldene Palme konkurriert, einen mexikanischen "Hitman", der sich von den US-Geheimdiensten anheuern lässt, um in den Drogenumschlagplätzen hinter der Grenze ein bisschen Ordnung zu schaffen.

Doch auch wenn amerikanische Kritiker am Dienstag nach der Pressevorführung ziemlich aus dem Häuschen über den sehr brutalen und von Kamera-Ass Roger Deakins schön trist in Szene gesetzten Thriller sind, wird es "Sicario" im Wettbewerb schwer haben.

Schuld daran ist weniger Denis Villeneuve, der mit seinem oscarnominierten "Die Frau, die singt", "Prisoners" und nun als letztem Film "Sicario" eine Art lose Trilogie über in extreme Gewalt mündende Rache abschließt: Der Regisseur zeigt einmal mehr sein beeindruckendes Gespür für Stimmungen und Spannungen, sein Vertrauen in aussagekräftige Landschaften und Gesichter, und stellt in einer bemerkenswerten Action-Sequenz in einem Verkehrstau unter Beweis, dass er Rasanz selbst dann inszenieren kann, wenn alles stillsteht.

Drogenkriegs-Bestandsaufnahme "Sicario": Immerhin Benicio del Toro überzeugt Zur Großansicht
Lionsgate

Drogenkriegs-Bestandsaufnahme "Sicario": Immerhin Benicio del Toro überzeugt

Was den Film aber eklatant schwächt, ist das arg unausgegorene Drehbuch-Debüt des "Sons of Anarchy"-Schauspielers Taylor Sheridan. Der will nicht die Geschichte des schweigsamen "Sicarios" (mexikanischer Slang für Killer) erzählen, sondern die der jungen FBI-Agentin Kate (Emily Blunt), die in El Paso nahe der Grenze arbeitet und von einem dubios-jovialen CIA-Mann (Josh Brolin) in eine Art Sonder-Taskforce übernommen wird. Beschützt von martialischen Federales in Jeeps mit aufmontierten Maschinengewehren geht es gleich mal rüber nach Juarez, um den Handlanger eines Drogenbosses zu kidnappen und dann zu foltern, um an Informationen zu gelangen.

Keinerlei Hintergrundgeschichte für die Hauptfigur

Bald beginnt die erst eingeschüchterte, dann verstörte und als Köder missbrauchte Kate sich zu fragen, was ihre Rolle in diesem blutigen Black-Ops-Spiel ist. Emily Blunt versucht mit Reh-Blicken zwischen Wut und Panik zu retten, was zu retten ist. Aber auch ihr Spiel bleibt dünn, weil Sheridan für die offensichtlich toughe, aber auch einsame und frustrierte Gesetzeshüterin keinerlei Hintergrundgeschichte parat hat.

Da nutzen dann auch die verstümmelten, gruselig von Autobahnbrücken hängenden Kartell-Leichen nichts mehr: Villeneuves Drogenkriegs-Bestandsaufnahme mag atmosphärisch dicht sein, verstolpert sich aber in den zahlreichen Löchern der Story und lässt den Zuschauer mit einer Heldenfigur zurück, die eben nur das Potenzial gehabt hätte, ähnlich zu schillern wie Jessica Chastain in "Zero Dark Thirty" oder gar Jodie Foster in "Das Schweigen der Lämmer". Immerhin: Benicio del Toro - wortkarg, brütend, verschlagen - überzeugt.

Nicht viele Worte wechselt auch das Geschwisterpärchen, um das sich der Wettbewerbsfilm "Marguerite et Julien" dreht. Valérie Donzellis Film genoss ebenfalls reichlich Vorschusslorbeeren. Zum einen, weil die junge Französin seit ihrem autobiografischen Krebsdrama "Das Leben gehört uns" ("La guerre est déclarée", 2011) und einer Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film als Hoffnungsträgerin gilt. Zum anderen, weil tout Cannes beim Wort "Inzestdrama" bereits einen deftigen Skandal witterte. Denn Marguerite und Julien, die spätmittelalterlichen Legendenfiguren, auf denen die Story beruht, sind nicht nur Bruder und Schwester, sondern auch seit zartester Kindheit ein Liebespaar.

In sündiger Liebe vereint: Marguerite und Julien Zur Großansicht
Cannes Film Festival

In sündiger Liebe vereint: Marguerite und Julien

Donzellis Film beginnt durchaus vielversprechend: Einige junge Mädchen in einem Schlafsaal wälzen sich lustvoll giggelnd in ihren Nachthemden, weil sie sich ausmalen, wie Marguerite und Julien auf der Flucht vor ihren Häschern wild im Wald kopulieren. So eine Szene kommt gegen Ende dann tatsächlich, aber bis dahin hat man als Zuschauer längst jede Lust an dem als Märchen inszenierten Drama verloren.

Die Schlafsaal-Mädchen bekommen die Geschichte der Geschwister von einer älteren Mitschülerin erzählt, die es mit Orten, Zeiten und historischen Gegebenheiten nicht so genau nimmt. So kommt es, dass die Häscher befederte Mützchen und pluderige Hosen tragen wie einst der Prinz in "Drei Nüsse für Aschenbrödel", der fiese Steuereintreiber Lefebvre aber, an den Marguerite zwangsverheiratet wird, einen protzigen Mustang fährt. Kostüme und moderne Apparate, Mittelalter und Moderne wirbeln durcheinander, allerdings nicht so munter und schwungvoll inspirierend wie in Baz Luhrmanns "Romeo + Juliet" oder Sofia Coppolas "Marie Antoinette", die Donzelli offensichtlich als Vorbilder dienten.

Anaïs Demoustier als Marguerite: Nahendes Unheil Zur Großansicht
Cannes Film Festival

Anaïs Demoustier als Marguerite: Nahendes Unheil

Zu lahm und zaghaft bleibt ihre Inszenierung, zu sehr verlässt sie sich auf ihre Hauptdarsteller (Anaïs Demoustier und Donzelli-Partner und Co-Autor Jérémie Elkaïm), denen allerdings angesichts des dünnen, jedes Risiko scheuenden Drehbuchs auch nicht viel mehr als immer glutvoller schmachtende Blicke bleiben, die ein nahendes Unheil antizipieren, das dann selbstverständlich auch eintritt.

Die Moral der tragischen Geschicht'? An einem Stoff, der einst schon Altmeister François Truffaut zu problematisch war, versuch' auch du dich besser nicht!

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