Cannes-Tagebuch Kinder und Tiere gehen (fast) immer

Menschliches und Allzumenschliches lässt sich immer auch in allerlei Getier spiegeln. Im deutsch-italienischen Wettbewerbsbeitrag "Le Meraviglie" in Cannes wimmelt es geradezu davon. Auch im Dystopie-Thriller "The Rover" geht es ganz schön animalisch zu.

Aus Cannes berichtet

DPA

Ein bisschen belämmert guckt es, das Kamel in "Le Meraviglie" ("The Wonders"), als es sich plötzlich auf einem Bauernhof in Umbrien wiederfindet. Lämmer gibt es dort auch, und als die zum Scheren abgeholt werden, sagt einer der Arbeiter mit Blick auf das Wüstentier: Was für ein Zirkus hier.

Kann man so sagen. Denn der entlegene Hof wird vom Exil-Deutschen Wolfgang (Sam Louvyck), der offenbar eine bewegte Vergangenheit im Deutschen Herbst hatte, wie ein rigide geführtes Königreich betrieben. Aus dem linken Kämpfer von einst ist ein Tyrann geworden, der zwei Frauen, eine deutsch, eine Italienerin und vier kleine Töchter unwirsch herumkommandiert. Den Lebensunterhalt bestreitet der Verkauf von Naturhonig, den Wolfgang, fleißig unterstützt von seiner ältesten, allmählich pubertierenden Tochter Gelsomina, aus eigenen Bienenstöcken gewinnt. Als Gelsomina die Imkerei jedoch ohne Wolfgangs Wissen bei einer lokalen Reality-Castingshow anmeldet, bei der die größten Naturwunder der Region gekürt werden, beginnt das von Paranoia geprägte Patriarchat zu bröckeln.

"Le Meraviglie" ist der zweite Spielfilm der italienischen Regisseurin Alive Rohrwacher, die 1981 in Umbrien geboren wurde. Ungefähr Ende der Achtziger spielt auch die Handlung, man kann also davon ausgehen, dass Rohrwacher auch einen Teil ihrer eigenen Erfahrung und Generationskonflikts verarbeitet hat. Ihre effizient und eindringlich erzählte, aber dennoch poetische Schilderung eines alternativen Aussteiger-Idylls, das in ein Terror-Regime kippt, ist einer der bisherigen Höhepunkte des Cannes-Wettbewerbs. Die junge, viel zu früh in die Verantwortung genommene Gelsomina, die erkennen muss, dass ihr einst vergötterter Vater ein planloser Despot ist, wird von der Newcomerin Alexandra Lungo verkörpert, einer Entdeckung des Festivals.

Banale Hundeoper

Ein kleines Mädchen spielt auch die Hauptrolle in dem im Certain Regard laufenden ungarischen Film "Fehér Isten" ("White God"), was sich allerdings nur auf die menschlichen Parts bezieht. Denn die Stars sind der besonders aufgeweckte Mischlingshund des Mädchens, der kurioserweise Hagen heißt, sowie etwa 200 seiner Artgenossen, die im straßenhundefeindlichen Budapest den Aufstand proben. Klingt irre, zumal komplett mit echten, also nicht animierten Hunden gedreht. Ist aber leider gar nicht so irre gut, denn Regisseur Kornél Mundruzcó lässt so ziemlich alle Chancen und Möglichkeiten fahren, die ihm seine Prämisse einer Art "Spartacus" mit Kötern geboten hätte.

Stattdessen geriet ihm sein durchaus ambitioniertes Projekt zur seichten, zu jeder Zeit banalen und vorhersehbaren Hundeoper. Immerhin gab es bei der Premiere wohl eine kleine Novität in Cannes: Auf die Bühne gebeten wurde nämlich als Hauptdarsteller tatsächlich Hagen höchstpersönlich samt Tiertrainerin. Eine Rede hielt er nicht, aber das Festival setzt so sehr auf den Niedlichkeitsfaktor, dass "Fehér Isten" bis Ende kommender Woche gleich dreimal gezeigt wird. Wenn nichts mehr geht, Kinder und Tiere gehen immer.

Animalisch geht es auch im außer Konkurrenz gezeigten Zukunftswestern "The Rover" des Australiers David Michôd zu, der wegen seiner vermeintlich existenzialistischen Kargheit bereits im Vorwege des Festivals für Raunen gesorgt hatte. Guy Pearce spielt darin einen einsamen Mann im Outback, dem von Gangstern sein Auto, kein Rover, geklaut wird. Erbittert nimmt er die Verfolgung auf und gabelt nebenbei noch den Bruder eines der Schurken auf, einen von "Twilight"-Beau Robert Pattinson kühn-kahlgeschoren verkörperten Halbidioten. Das ganze hat ein paar Längen, ist aber ein durchaus unterhaltsamer und spannender Thriller, der zehn Jahre nach einer nicht näher benannten globalen Katastrophe spielt.

Fressen oder gefressen werden

Diese dystopische Zuspitzung hätte es aber eigentlich gar nicht gebraucht, denn einige ländliche Gegenden von Australien, Afrika oder den USA stellt man sich schon heute als soziale wie wirtschaftliche Brachen vor, in denen sich jeder nimmt, was er braucht, und wenn es Widerstand gibt, wird eben geschossen. Hier braucht es gar keine Tiere, hier ist der Mensch schon längst wieder bei seinen Urinstinkten angelangt: Fressen oder gefressen werden. Ein Hund, kommt allerdings trotzdem vor, allerdings ein toter. Schönste Szene in "The Rover": Als der kunstvoll verheerte Pattinson nachts allein im Wagen sitzt, im Radio einen Popsong hört - und schön schief falsettierend den Refrain mitsingt: "Please don't hate me for being beautiful." Brüller.

Dieses Motto hätte sich wohl auch Yves Saint Laurent auf die Fahnen oder teure T-Shirts drucken lassen können. Mit dem Modeschöpfer-Biopic "Saint Laurent" des französischen Regisseurs Betrand Bonello wollte Cannes wohl klarstellen, dass man sich Frankreichs Ikonen nicht von den Deutschen streitig machen lassen will. Im Februar lief auf der Berlinale nämlich bereits die sehr brav und linear erzählte Filmbiographie "Yves Saint Laurent" von Jalil Lespert.

Bonello, besser ist es, macht alles anders und setzt auf reinen Impressionismus: Personen und Ereignisse werden weder erklärt noch richtig eingeführt, was den ästhetisch durchaus schönen Film, seinem Sujet gerecht, über weite Strecken zur reinen Oberflächenbetrachtung werden lässt. Immerhin: Welcher Ansatz nun der richtige ist, um dem Exzentriker Saint Laurent nahe zu kommen, darüber lässt sich unter Kritikern sicher noch ein paar Tage streiten, sollte der Wettbewerb in den nächsten Tagen so richtig vor die Hunde gehen. Was wir natürlich nicht hoffen.



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