"Bling Ring"-Premiere in Cannes Die Kids sind verkorkst

Reiche, verschließt eure Anwesen! In Cannes feiert Sofia Coppolas amüsanter, aber sehr beunruhigender Film "The Bling Ring" Premiere, die wahre Geschichte einer Bande Jugendlicher aus L.A., die Promi-Villen ausraubten, um sich wie Paris Hilton oder Lindsay Lohan zu fühlen.

Festival De Cannes

Aus Cannes berichtet


Früher war es üblich, dass die Reichen und Schönen sich durch Palastmauern, mindestens aber Wachpersonal vor den Blicken und Begehrlichkeiten des Pöbels schützten. In ihrem Kostümdrama "Marie Antoinette" zeigte Regisseurin Sofia Coppola vor sieben Jahren am Beispiel des französischen Königshofs kurz vor der Revolution, wie sich so ein Leben innerhalb der Blase anfühlt; all die ganzen schönen Dinge, Prunk und Reichtümer, und doch ist alles irgendwie leer.

Mit ihrem neuen Film "The Bling Ring", der am Donnerstagabend die Reihe "Un certain regard" eröffnet, wechselt Coppola, deren Werk sich immer auch über ihre eigenen Erfahrungen als Kind der reichen Hollywood-Gesellschaft definiert hat, erstmals die Seiten, zumindest ein bisschen. Denn die fünf Kids, um die es geht, sind erst einmal ganz normale Jugendliche, die mehr oder minder gut situiert in Los Angeles leben. Die inhärente Dekadenz dieser weichgezeichneten Metropole des Überflusses, des Schauwerts und des "Bling", der automobilen, immobilen und modischen Statussymbole, ist ihnen trotzdem in Fleisch und Blut übergegangen: Sie langweilen sich.

Und wer sich langweilt und ständig auf Partys rumhockt, wo sich Sternchen wie Paris Hilton tummeln, der kommt vielleicht auf dumme Ideen oder denkt, er gehöre zum Jet-Set dazu. Und dann könnte man ja eigentlich auch bei Hilton, Orlando Bloom oder Lindsay Lohan zu Hause einbrechen und sich ein paar Sachen ausborgen. Ausborgen? Quatsch, einfach mitnehmen! Fällt Paris doch eh nicht auf, ob sie ein Paar Louboutin-Schuhe mehr oder weniger hat. Orlandos Rolex-Sammlung? Geht mit. Ebenso wie die Knarre bei Megan Fox unterm Bett. Chanel-Kleider, teure Taschen und Schmuck sowieso.

2010 wurde diese Geschichte durch die "Vanity Fair"-Reporterin Nancy Jo Sales publik. Ihre Reportage "The Bling Ring: How a Gang of Fame-Obsessed Teens Ripped Off Hollywood and Shocked the World" diente Coppola als Vorlage und Inspiration für ihren Film. "Ich glaube, es waren die Aussagen der Kids: Wie sie überhaupt kein Gefühl dafür hatten, etwas Verbotenes zu tun. Und wie sie am meisten an dem Ruhm interessiert waren, den sie durch die Einbrüche genossen", sagte die Regisseurin in einem Interview.

American Dream extrem

Jugendliche, die ihren Glamour-Idolen nacheifern und sich ein Stück vom Luxus-Kuchen holen wollen? Das allein wäre keine allzu schockierende Geschichte, doch "The Bling Ring" ist eben keine amerikanische Fassung der deutschen Revolutionsfarce "Die fetten Jahre sind vorbei", in der es um den Kontrast zwischen Arm und Reich geht. Sondern eher die Verlängerung dessen, was Harmony Korine unlängst in "Spring Breakers" zeigte: Befeuert von der ständigen Präsenz der Promis und ihres Lebensstils auf Twitter, TMZ oder bei Perez Hilton, glauben die Kids, dass sie ein natürliches Anrecht darauf haben, genauso zu leben. American dream extrem: Ich hole mir einfach, was mir zusteht.

So richtig schwer wurde das den vier Mädchen und ihrem modebesessenen Klassenkameraden übrigens nicht gemacht: Über Websites wie celebrityaddressaerial.com oder schlicht Google Maps bekamen sie heraus, wo ihre Lieblingsstars wohnten. Online-Dienste verrieten ihnen, wann diese auf Reisen waren. Dass die meisten Anwesen keine aktive Alarmanlage hatten oder irgendwo eine Tür offen stand, ist der Sorglosigkeit der Eigentümer zuzuschreiben - oder ihrem bis dato mangelnden Bewusstsein, wie öffentlich ihr Leben eigentlich geworden ist.

Coppolas Film zeigt die Statusbesessenheit der Kids in einem für sie ungewöhnlichen Stil: schnell geschnitten, digital gefilmt, oft mit collagenhaften Einblendungen von Facebook-Posts und Tweets. "The Bling Ring" ist amüsant und rasant, aber nicht moralisierend. Wie immer operiert Coppola, die mit ihrem letzten Film "Somewhere" in Venedig gewann, an der Oberfläche, lässt Bilder wirken und überlässt die Deutung dem Zuschauer. Was wie immer eine gewisse Leere hinterlässt, denn an der Hypothek, dass die unglaubliche Geschichte, die sie erzählt, wahr ist, trägt "The Bling Ring" durch seine demonstrative Dokumentarhaltung schwer. Das dürfte auch der Grund sein, warum Coppolas fünfter Film es nur in eine Nebensektion geschafft hat - für den Wettbewerb ist er ein bisschen zu bedeutungslos.

Begeisternd ist jedoch das Spiel des zum großen Teil aus Newcomern rekrutierten Ensembles: allen voran Katie Chang als von Lindsay Lohan faszinierte "Bling Ring"-Gründerin Rebecca und Israel Broussard als einziges männliches Mitglied Mark, der ein Faible für High Heels hat. "Harry Potter"-Star Emma Watson spielt Nicki, deren reales Vorbild, Schauspiel-Aspirantin Alexis Neiers, sogar Star der Reality-Soap "The Pretty Life" war, bevor die Raubgemeinschaft aufflog und vor Gericht landete. Neiers Mutter, ein Ex-Playboy-Model, wird im Film von Komödiantin Leslie Mann dargestellt - als typisch esoterisch-durchgeknallte Hollywood-Mom, die ihre Kinder zu Hause im Sinne des Selbsthilfeunsinns "The Secret" erzieht. Grundthese: Du kannst alles erreichen, wenn du dich an die rules of attraction hältst - sei schön, dann wirst du reich und berühmt. Kein Wunder, dass die Kids so verkorkst sind.



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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
twaddi 16.05.2013
1.
Eine interessante Parallele zu "The Great Gatsby "! Pervertierter American Dream 100 Jahre später .
quarax 16.05.2013
2. Der echte Bling-Ring
Erschreckend ist vor allem der Artikel über den echten Bling-Ring. Wohlstandsverwahrlosung vom Feinsten, kombiniert mit medialer Verblödung und einem unrealistischen Selbst- und Weltbild, das im Verein mit Drogenkonsum und schon fast krankhafter Unreife noch zu etlichen biographischen Bauchlandungen führen wird. Wo sind die Eltern dieser als Teenager verkleideten, verzogenen Kleinkinder, möchte man fragen? Traurige Antwort: Die "Eltern" sind genauso unreif wie ihre Kinder. Fast möchte man sagen: Hier wurde die Verwahrlosung genetisch vererbt und nicht anerzogen.
WhereIsMyMoney 16.05.2013
3.
Einer der dümmsten Filme des Jahres. Dass es nicht DER dümmste ist, ist besorgniserregend.
derlachendemann 16.05.2013
4. Haha
Die Kids sind verkokst triffts eher.
dosmundos 16.05.2013
5.
Zitat von WhereIsMyMoneyEiner der dümmsten Filme des Jahres. Dass es nicht DER dümmste ist, ist besorgniserregend.
Haben Sie da auch noch eine wie auch immer geartete Begründung dafür, oder soll die Tatsache, dass die Aussage von Ihnen kommt, uns Normalsterblichen genug sein?
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