Filmfestspiele in Venedig Klarer Fall von Porno-Autismus

Venedig als ältestes Filmfestival trumpft mit klugem Mainstream-Kino auf: David Cronenberg erzählt, wie die Psychoanalyse die Welt erobert - und ein Analytiker eine Patientin. Der Brite Steve McQueen inszeniert mit Kunst und Kälte einen Sex-Maniac. Altstar Al Pacino fühlt sich wie im siebten Kinohimmel.

Aus Venedig berichtet


Al Pacino toppt alle, was die gute Laune angeht auf dem Lido in Venedig. Mag die Hitze so drückend sein, dass nicht mal ein paar Regenschauer wirklich Abkühlung bringen, mögen die Fotografen auf dem roten Teppich herumschreien, dass einem die Ohren schmerzen, und mögen gerade die besten Filme des 68. Festivals von Venedig von den allerfinstersten menschlichen Abgründen erzählen: Pacino zwinkert mit den Augen und bleckt seine berühmten Raubtierzähne für ein Al-Pacino-Grinsen, er rudert mit den Armen und strahlt, als möchte er die ganze Welt und jede schöne Frau umarmen, er schüttelt Hände, verteilt Komplimente und schwitzt und scherzt mit einer unfassbaren Energie, damit auch wirklich jeder kapiert: Für diesen Mann ist das älteste Filmfestival der siebte Kinohimmel.

Und tatsächlich hat Venedig in diesem Jahr das Glück, mit aufregenderen Stars und unterm Strich sehr viel prächtigeren Filmen auftrumpfen zu können als die Festival-Konkurrenten in Cannes und Berlin. Das kann man jetzt schon sagen - obwohl das Festival erst am Wochenende mit der Verleihung der Goldenen Löwen zu Ende geht; obwohl nach Keira Knightley, Gwyneth Paltrow, Kate Winslet und diesmal wirklich zahlreichen Konsorten jetzt erst mal die tollsten Auftritte der Hollywood-Helden durchgewinkt sind; und obwohl der Film, den Al Pacino als Regisseur mit zum Festival gebracht hat, eher ein Akt irregeleiteter Liebe ist als ein Meisterwerk.

In "Wilde Salome", der in Venedig außer Konkurrenz läuft, bestürmt der 71-jährige Pacino mit großer Leidenschaft erstens eine porzellanblasse Frau, zweitens ein Dichtergenie und drittens die Theaterkunst als großes Ganzes. Er filmt die Proben zu einer Theaterproduktion in Los Angeles, in der die sehr aparte Jessica Chastain (die in Terrence Malicks "Tree of Life" ihre bisher größte Filmrolle hatte) die Salome in Oscar Wildes Drama spielt. Er reist auf den Spuren von Oscar Wilde nach Dublin und um die halbe Welt. Und er redet und schwärmt mit Theaterleuten darüber, wie grandios die Arbeit auf der Bühne doch sei.

"Ich hatte eine Vision, aber ich hatte keine Story, also habe ich mich auf die Suche gemacht, ohne zu wissen, wo die Reise hingeht", sagte Pacino in Venedig. Das sieht man dem Film an. Der wirre Mix aus pädagogischer Unterweisung, Wackelkamera-Impressionen und Theaterkulissen-Gemurmel ist vor allem dann lebendig und lustig, wenn Pacino wieder mal irgendwo auf seiner Tour von den Menschen geherzt wird: ein grundsympathischer Wonnebrocken versprüht da wie auf dem venezianischen roten Teppich seine Euphorie und zelebriert den Spaß des Lebens.

Doktor Jung wird zum Popo-patschenden Zuchtmeister

Im Wettbewerb des Festivals ist denn auch eine Komödie für viele Kritiker bislang der große Favorit für die Hauptpreise, Roman Polanskis Verfilmung des Theaterstücks "Der Gott des Gemetzels". Genaugenommen auch eine Huldigung ans Theater, aber mit perfekt aufs Erzählen seiner Story konzentriertem Regisseur und sich virtuos abrackernden Darstellern wie Kate Winslet und Christoph Waltz.

Gut gehandelt in den Umfragen, wer denn nun abräumen wird bei diesem Festival, werden diesmal keineswegs spröde Außenseiterfilme wie sonst oft bei den großen Filmfestspielen, sondern kluges Mainstream-Kino: George Clooneys ziemlich ergreifendes Politikerdrama "The Ides of March" zum Beispiel und David Cronenbergs "A Dangerous Method".

In Letzterem sieht man den Schauspielern Michael Fassbender und Viggo Mortensen dabei zu, wie sie durch schöne mitteleuropäische Landschaften spazieren und Carl Gustav Jung und Sigmund Freud spielen, es geht um die Jahre vor dem ersten Weltkrieg und die Zeit, in der die Psychoanalyse die Welt eroberte. Das Ereignis des Films ist aber, wie der von Fassbender verkörperte Mann nach und nach seine stocksteife Fassung verliert, wie dieser Doktor Jung seinen blasierten Blick hinter runden Brillengläsern fallen lässt und in der Affäre mit einer masochistischen Patientin (Keira Knightley) plötzlich zum Popo-patschenden Zuchtmeister wird: eine naturgemäß höchst lehrreiche Expedition ins Wunderreich der Triebe.

Derselbe Michael Fassbender spielt im finstersten, aber bislang großartigsten Film des Wettbewerbs einen New Yorker Großstadthelden, dem Sex auf eine Art zur Obsession geworden ist, die ihm die Luft zum Leben abschnürt: "Shame" heißt der Film des britischen Regisseurs und Videokünstlers Steve McQueen.

Im Inneren von Sexualphantasien okkupiert

Brandon, die Hauptfigur von "Shame", hat einen gutbezahlten Job in einem Büro voller junger Erfolgsmenschen, die an ihrer Karriere basteln und nach Feierabend miteinander ausgehen. Er ist teuer angezogen, hat ein elegantes Apartment zwischen Wolkenkratzern - und er guckt Pornos, wann immer er kann. McQueen zeigt einen Mann, der Sex für seinen zentralen Lebensinhalt hält. Der auf der Bürotoilette onaniert und sich Huren nach Hause bestellt, der mit einer Barbekanntschaft irgendwo im Freien vögelt; der stets sofort zum Vollzug kommen will. Als er einmal mit einem hübschen Mädchen in der U-Bahn flirtet, verfolgt er es anschließend, als habe er plötzlich seine Manieren und seinen Verstand verloren.

Die Kraft von "Shame" entsteht dadurch, dass McQueen erst nach und nach offenbart, wie sehr sein Held zum Porno-Autisten geworden ist. Nach außen hin scheint Brandon perfekt zu funktionieren. In seinem Inneren aber ist er so vollkommen von seinen Sexualphantasien okkupiert, dass kein Platz ist für Mitgefühl und Selbstbesinnung. Die eigene Schwester, eine seelisch labile Sängerin (Carey Mulligan), behandelt er fast immer wie Dreck, zu einer halbwegs gesitteten Date-Konversation mit einer schönen Kollegin im Restaurant muss er sich mühsam zwingen.

McQueen hat vor ein paar Jahren mit seinem ersten Kinofilm "Hunger" von einem Mann erzählt, der seinen Körper im Gefängnis aufs Äußerste malträtiert. Diesmal zeigt er einen Helden in Freiheit, der seinen durchtrainierten Body zwanghaft in Posen zwingt, die er für ästhetisch hält. Die zahlreichen Sexszenen in diesem Film sind mit großer Kunst arrangiert - und mit einer Kälte inszeniert, die einen schaudern lässt.

So erzählt "Shame" vom Unglück eines Mannes, der scheinbar die hitzige Leidenschaft sucht und schließlich auf eine Odyssee durch die Nacht aufbricht - und dem es ganz am Ende vielleicht tatsächlich gelingt, aus der mit Kopulierbildern tapezierten Gefrierkammer seines Herzens auszubrechen.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
hauptkommissartauber 06.09.2011
1. Was um Himmels Willen ist "Porno-Autismus"?
Und außerdem finde ich es sehr makaber, wie hier wieder das Wort Autismus verwendet wird. Entweder wissen die Redakteure es nicht besser und sie wollen gezielt Autisten diskriminieren.
eggshen 06.09.2011
2. Voll Porno...
Die Kraft von "Shame" entsteht dadurch, dass McQueen erst nach und nach offenbart, wie sehr sein Held zum Porno-Autisten geworden ist. Hierzu ganz spontan ein Zitat aus 'Der Partyschreck': Ich habe keinen Ihrer großen Filme vermisst.
Muddern 06.09.2011
3. Bitte geben Sie keinen Titel für den Beitrag an!
Zitat von hauptkommissartauberUnd außerdem finde ich es sehr makaber, wie hier wieder das Wort Autismus verwendet wird. Entweder wissen die Redakteure es nicht besser und sie wollen gezielt Autisten diskriminieren.
This. Aber hauptsache, mal wieder "Porno" gesagt.
Mardor 06.09.2011
4. ...
Zitat von eggshenDie Kraft von "Shame" entsteht dadurch, dass McQueen erst nach und nach offenbart, wie sehr sein Held zum Porno-Autisten geworden ist. Hierzu ganz spontan ein Zitat aus 'Der Partyschreck': Ich habe keinen Ihrer großen Filme vermisst.
Hmmm. Wie heißt es im Original? Etwa "I missed none of your great movies?" Dann wäre es mal wieder ein klassischer Übersetzungsfehler, da "to miss" sowohl vermissen als auch verpassen meint.
svenkoch 06.09.2011
5. Shame - Das Buch zum Symptom
Pornosucht? Na, aber hallo. Das muss sich nicht erst Hollywood ausdenken. Stimmt: Hauptsache mal Porno gesagt. http://www.epubli.de/shop/buch/meinem-Kopf-Hugluhuglu-alias-Th%C3%A9o-9783844205527/9852
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