Filmfestspiele Venedig Endlich Champagner!

Der Katzenjammer am Lido hat ein Ende: Die Regisseure Jonathan Demme und Mario Bechis wecken das bislang verschnarchte Festival aus dem Dämmer des Mittelmaßes. Und ein deutscher Hysteriker schlägt sich mit seinem Film sehr achtbar.


Jede noch so toll arrangierte Party steht und fällt mit der Laune der Gäste. Dass dieses Gesetz auch für die Reichen und Geschniegelten gilt, zeigt sich besonders hübsch bei einem altehrwürdigen Filmfestival wie dem in Venedig.

Da rief zum Beispiel der edle Modekonzern Gucci zur Verleihung des neu geschaffenen Festivalpreises "Gucci Premium Award" an den cleveren schwarzen Künstler und Filmemacher Steve McQueen ("Hunger") in den Palazzo Grassi, man sauste mit allen möglichen schönen oder wichtigen Menschen per Gucci-Taxiboot durch die grünen Wellen der Lagune und dann passierte praktisch: nichts.

Die Sonne senkte sich malerisch über Mestres Industrieschornsteinen, Isabelle Huppert und Amira Casar stelzten in verwegenen Abendroben über den Bootssteg, aber nicht mal das Festgerede des Gucci-Oberchefs über "Passion" und "Mission" hinderte die Gäste an der Flucht nach wenigen Minuten. Lag’s daran, dass es nur minimalst zu trinken und zu essen gab? Champagner predigen und dann streng limitiert Prosecco ausschenken – die Luxusgötter bei Gucci zeigten als Party-Planer nur ein mittelglückliches Händchen.

Genau darum, um eine perfekt geplante Party und deren stimmungsmäßig schwer labile Gäste, geht es in dem Film, mit dem am Mittwoch der amerikanische Regisseur Jonathan Demme Tragödienkunst, Witz und Bewegung in einen lange Zeit schlimm verschnarchten Biennale-Wettbewerb brachte.

Feuchte Augen und flatternde Hände

"Rachel Getting Married" heißt Demmes neuer Film, in dem Anne Hathaway mit schwarzumrandeten Augen ein suchtkrankes Mädchen namens Kym spielt, das nach neun Monaten aus einer Rehab-Klinik entlassen wird. Sie will mitfeiern bei der Hochzeit ihrer großen Schwester Rachel, zu der sich eine riesige Partygesellschaft inklusive der geschiedenen Eltern und vielen Musikern in jenem Haus einfindet, das mal das Heim einer halbwegs glücklichen Familie war.

"Rachel Getting Married" beginnt fast wie der berühmte Dogma-Film "Das Fest" von Thomas Vinterberg, zeigt die verlegenen Umarmungen von Familienmitgliedern, die sich länger nicht mehr gesehen haben, feuchte Augen und flatternde Hände. Man zieht an Kleiderzipfeln und an Zigaretten, man schätzt einander ab, küsst sich und keift sich an.

Rosemarie Dewitt spielt als Rachel eine Braut, die einen coolen schwarzen Kerl aus dem Musikgeschäft heiratet und das Fest ihres Lebens perfekt inszeniert haben möchte. Schon beim Probelauf für die große Party aber geht natürlich das Allermeiste so schief, wie es auf Familienfeiern gern schief geht. Mama kommt zu spät, die Trauzeugin muss ihr Amt abgeben, es gibt peinliche Liebesgeständnisse und wüste Hass-Attacken.

Im Drogenrausch mit dem Auto verunglückt

Die Kunst des Regisseurs Demme besteht darin, dass er die ulkigen und die traurigen Eskapaden dieser scheinbar ganz gewöhnlichen Festgemeinschaft zeigt, ohne über seine Figuren zu urteilen. Er hält diese Balance selbst dann noch, als herauskommt, dass Kym eine eben doch nicht alltägliche, weil nicht wieder gut zu machende Katastrophe verschuldet hat: Ihr kleiner Bruder ist Jahre zuvor gestorben, als sie im Drogenrausch mit dem Auto verunglückte.

"Rachel Getting Married" ist durchaus hemmungsloses amerikanisches Heulkino im schraddeligen Independentlook, aber zugleich ein Kunstwerk an Lässigkeit. Ständig wird hier musiziert, wird geflennt oder sogar mal im Gartenhaus gevögelt, doch sowohl die Darsteller als auch die Musiker verbieten sich jede Zudringlichkeit. Selbst die Songs, die in diesem Film gesungen werden, sind auf eine sympathische Weise eben grade nicht aufpoliert bis ins Letzte, sondern locker hingenudelt wie der ganze Film.

Die Souveränität und Pfiffigkeit von Demmes Film wirkt fast wie eine Erlösung in Venedig, wo zwischendurch fast alle Festivalbesucher den Blues hatten. Sehr mittelmäßig ist das Wettbewerbsprogramm des venezianischen Festivalchefs Marco Müller diesmal, stöhnten viele nach wirrem Actionkino wie Yu Lik-Wais chinesisch-brasilianischer Gangsterballade "Plastic City" oder trüben Kolportage-Machwerken wie Pupi Avatis italienischen Historienschinken "Giovannas Papa".

Aufgekratzter Opernschwulst

In einer Konkurrenz von oft ätzend langsam abfotografierten Nicht-Dramen schlug sich der große alte deutsche Hysteriker Werner Schröter mit "Nuit de Chien" ganz achtbar. Bei ihm herrscht der aufgekratzte Opernschwulst, für den er berühmt und berüchtigt ist. Er zeigt einen Mann auf der Flucht, den französischen Schauspieler Pascal Gregory, der durch feuchte Gassen irrt; ein kleines Mädchen trägt einen Blumenstrauß, ein wunderlicher Mann bunte Luftballons; dazu erklingen immer wieder Liszts "Preludes" wie einst im Nazi-Rundfunk, bevor Hitler sprach.

"Nuit de Chien" zeigt eine von faschistischen und anderen totalitären Milizen bedrohte nächtliche Stadt im Kriegszustand. Das surrealistische Schauermärchen ist die Verfilmung eines Romans von Juan Carlos Onetti, die portugiesische Stadt Porto bietet eine grandiose Kulisse, Darstellerinnen wie Amira Casar zeigen nackte Haut und vom Folterschmerz verzerrte Mienen.

Sehr überzuckert und bizarr ist das alles anzusehen, als Folterkammer dient ein Kirchenraum samt Kruzifix, vor dem auch mal ein Penis lustig herumgeschlenkert wird, als wolle dessen Besitzer im Stil von Josephine Baker tanzen.

Aber immer wenn es schwer erträglich ist, setzt Schröter wunderschöne Musik von Mozart, Rossini oder Haydn ein. Einer der zentralen Sätze des Helden lautet denn auch: Er sei in dies Stadt gekommen, weil man hier wenigstens mit Musik sterben könne.

Scheinbar grundloser Selbstmord

Zum Schluss noch der einzige echte Überraschungshit des bisherigen Wettbewerbsprogramms: Der 53-jährige, in Chile als Sohn italienischer und chilenischer Eltern geborene Regisseur Marco Bechis erzählt in seinem Film "Birdwatchers – das Land der roten Menschen" sehr packend vom Kampf einer Indio-Gemeinschaft gegen die Macht der weißen Rinderzüchter, die im brasilianischen Amazonasbecken große Teile des Regenwalds gerodet haben.

Bechis hat Laiendarsteller eines Indiostammes dazu gebracht, vor der Kamera eine Geschichte nachzuspielen, die der brasilianischen Realität offenbar ziemlich nahe kommt. Unter anderem erzählt sie davon, wie sich die in Reservaten eingesperrte jungen Indios im heutigen Brasilien als Erntehelfer und Touristenstaffage verdingen; auch erfährt man, dass sich viele gerade der jungen Leute scheinbar grundlos umbringen.

Im Urwald auf Vogeljagd

Ein Häuptling der Ausgegrenzten beschließt in Bechis’ Film eines Tages, mit seinen Getreuen das Reservat zu verlassen. Man campt nahe der Zufahrt zu einer Rinderfarm, schlachtet eines der Tiere und geht im angrenzenden Urwald auf Vogeljagd, am Ufer des Flusses beginnt zwischen einem der Indiojungs und der Tochter des Farmbesitzers eine Romeo-und-Julia-Geschichte mit garantiertem Ökozertifikat.

Der Regisseur Bechis tritt in Venedig als kämpferischer Moralist für die Sache der Indios auf, sein Film aber ist klüger als sein Schöpfer und beobachtet die Figuren mit Geduld und sanftem Humor. Die reichen Weißen etwa wirken eher hilflos als böse und wie Schachfiguren in einem schwer durchschaubaren globalen Wirtschaftsspiel.

Am Ende kommt es natürlich doch zur tödlichen Konfrontation - und vielleicht ist es gerade dieser fast ein bisschen enttäuschende Schluss, der "Birdwatchers" im Kampf um die Goldenen Löwen, die Wim Wenders und die übrigen Jurymitglieder am Wochenende vergeben, den entscheidenden Vorsprung verschafft.



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