Filmfestspiele Venedig Gottes Werk und Zombies Beitrag

Wunden gibt es immer wieder - so auch beim Filmfest in Venedig, wo Zombies, Revolutionäre und postapokalyptische Nomaden ums Überleben kämpfen. Und Wunder? Passierten auch am Lido: Ein Film über Lourdes hatte missionarische Kraft.

2929/Dimension Films

Aus Venedig berichtet


In Venedig verdeckt in diesem Jahr ein Bauzaun, der ungefähr so hoch ist und auch ein bisschen ähnlich aussieht wie die Berliner Mauer, den zentralen Platz vor dem Casino. Hinter diesem Zaun soll in den nächsten Jahren ein neuer Festivalpalast gebaut werden; im Schatten der Absperrung aber gaben sich in den letzten Tagen der venezolanische Staatschef und selbsternannte Sozialrevolutionär Hugo Chavez, die superreiche Partynudel Paris Hilton und immerhin ein Sohn von Silvio Berlusconi die Ehre.

Alle drei verursachten natürlich mehr Radau, als es Kinostars wie Eva Mendez, Isabelle Huppert oder Richard Gere gelang, aber egal: Wenn ein Kulturspektakel es schafft, gleich ein paar der umstrittensten Personen der Gegenwart ins Rampenlicht zu stellen, dann ist das ein beachtliches Kunststück.

Überhaupt ist die Stimmung in Venedig eigenartig euphorisch in diesem Jahr. Auf dem Lido sind sich die meisten angereisten Kritiker einig, dass das diesjährige Festival, in dessen Wettbewerb am Donnerstag Fatih Akins "Soul Kitchen" als deutscher Beitrag antritt, erfreulich gut bestückt ist. Da stört es nicht mal, dass die meisten Glanzstücke des bisherigen Programms von eher finsteren Themen erzählen - selbst dem Weltuntergang kann man diesmal in Venedig noch großartige Kinomomente abgewinnen.

Tödliche Visionen

Zu den Höhepunkten im Wettbewerb zählt zum Beispiel John Hillcoats "The Road", die Verfilmung eines Romans von Cormac McCarthy, in der ein Vater (Viggo Mortensen) und sein Sohn durch ein postapokalyptisches Amerika taumeln. Es ist eine schlammbraune, von bösen Kannibalen, Erdbeben und Rauchsäulen verfinsterte Welt, die man hier zu Gesicht bekommt. Die klaustrophobische Schäbigkeit dieser Endzeitvision zieht einen mehr in den Bann als die eher dürftige, mit Horroreffekten aufgemotzte Handlung und ein zwangsläufig fast pausenlos verängstigtes Schauspielerpersonal.

Ein universaler Krieg aller gegen alle herrscht auch in "Between Two Worlds", dem staunenswert unverständlichen Beitrag des Singhalesen Vimukthi Jayasundaria, der uns Sri Lanka als wuchernd grünes Paradies zeigt, in dem sich die Menschen die Hölle bereiten: Irgendwelche Revolutionäre zertrümmern hier alle Computer und Fernsehschirme, Menschen stürzen aus heiterem Himmel ins Meer, ein gefesselter Vogel wird in einem hohlen Baumstamm versenkt. Und wenn der flüchtende Held plötzlich mal eine Frau trifft, dann presst sie Muttermilch aus ihrer Brust und träufelt sie ihm als Liebesbeweis in die Augen. Ein bizarres, sturzschönes Gruselmärchen!

Handfester, aber gleichfalls zappenduster ist die Grundsituation in Claire Denis' "White Material". Isabelle Huppert spielt in diesem französischen Film eine weiße Herrenfrau in Afrika, die nicht vor dem Bürgerkrieg in dem unbenannten Land fliehen will, in dem sie eine Farm, einen ungeliebten Gatten und einen missratenen Sohn ihr eigen nennt. Natürlich geht die Sache katastrophal schief, versinken die Beteiligten in Mord und Wahnsinn, werden Kindersoldaten schrecklich abgemurkst. Aber für den merkwürdigen, leicht unlogischen Erzählstrudel, in dem die Regisseurin das abhandelt, traut man ihr in Venedig nun einen Preis im Wettbewerb zu.

Kino und Revolte

Im diesem Wettrennen finden sich allerlei hochinteressante Genrefilme wie ein superbrutaler israelischer Kriegsfilm ("Lebanon"), der fast ausschließlich im Inneren eines Panzers spielt, und der neueste, ein bisschen lahme Zombiefilm von George A. Romero, der "Survival of the Dead" heißt und wie ein Western inszeniert ist.

Als Favoriten für die Vergabe der Goldenen Löwen aber gelten bislang und ganz zu Recht zwei von Frauen gedrehte Filme. "Women Without Men", das Kinodebüt der in Iran geborenen Künstlerin Shirin Neshat, und "Lourdes", ein in französischer Sprache gedrehter Film der Österreicherin Jessica Hausner, die schon für "Hotel" viel gelobt wurde.

Neshat schildert in penibel arrangierten, sonnensatten Tableaus die Story von vier iranischen Frauen zur Zeit des von der CIA ferngesteuerten Militärputsches im Jahr 1953. Unter anderem geht es um eine Prostituierte, die sich vor ihren Freiern ekelt, und um ein Mädchen, das in den Widerstand der Studenten gegen die Putschisten verwickelt wird.

Die Faszination des Films aber entsteht aus der Ruhe, mit der die Regisseurin Gesichts- und Wüstenlandschaften ausleuchtet; mit der sie selbst Straßenschlachten so wunderschön arrangiert, als seien ihre Helden alle Schlafwandler, die auf vorgezeichneten Bahnen ihrer Wege ziehen.

Gewidmet hat Neshat ihren Film, der auch ein grandioser Schmachtfetzen ist, allen iranischen Freiheitskämpfern von Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur grünen Revolution der Gegenwart.

Dran glauben im Kino

Kurioserweise sind auch die aberwitzig präzise arrangierten, wirklich prachtvollen Bilder von Jessica Hausners "Lourdes" das Werk eben jenes Kameramanns, der auch "Women Without Men" fotografiert hat: der Österreicher Martin Gschlacht dürfte sich hier in Venedig einen Spezialpreis verdient haben.

Hausner und Gschlacht widmen sich einer jungen Frau (Sylvia Testud), die im Rollstuhl sitzt und schon viele andere Wallfahrten hinter sich gebracht hat. Ausgerechnet nach dem Besuch eines Bades in Lourdes aber kann sie tatsächlich wieder laufen und tanzen, wenn auch nur für kurze Zeit.

Hausner schildert das so langsam und liebevoll, als erstarre sie selber immer wieder vor der Eleganz der Speisezimmer und Tanzsäle und der Naturräume, in denen sich ihre Protagonisten bewegen. Manchmal scheint sie sich lustig zu machen über die uniformierten Helfer und die Geistlichen, die hier Wunder beschwören.

Ihr Thema sei, "dass diese absoluten Ansprüche, wie man sie an Gott stellt, weder Gott noch die Menschen erfüllen können", sagt Hausner; und sie erzählt davon auf eine so anrührende, völlig unfromme Art, dass man auch als Ungläubiger ein bisschen enttäuscht ist, wenn die scheinbare Wunderheilung ihrer Heldin dann doch nicht die glückliche Wendung bringt.

Politik und Pop

Jetzt aber noch zu den drei wirklich illustren Gästen auf dem venezianischen Lido. Der Berlusconi-Sohn kam hier vorbei, um für einen der vielen mittelmäßigen italienischen Filme des Festivals auf dem roten Teppich zu flanieren und in die Kamera zu winken. Paris Hilton war für die Galavorstellung von Werner Herzogs "Bad Lieutenant: Port Of Call New Orleans" und die anschließende Party am Strand da. Und Hugo Chavez, den manche für einen neuen Fidel Castro halten, für einen Mann, der Lateinamerika in eine rote, von den USA womöglich weitgehend unabhängige Zukunft führen kann?

Er kam für eine Dokumentation von Oliver Stone nach Venedig. In "South of the Border" wird Chavez von dem amerikanischen Regisseur geradezu untertänigst porträtiert als ein braver Mann, den man in den USA verleumdet und den die Bush-Administration und ihre CIA-Agenten fast um die Ecke gebracht hätten. Dass der gelernte Berufssoldat einst einen (gescheiterten) Putsch organisiert hat und bis heute politische Gegner einsperrt, erwähnt Stone eher nebenbei.

Chavez erscheint in "South of the Border" als beflissen angehimmelter Heilsbringer, der sogar sehr menschlich beim unbeholfenen Fußballkicken gezeigt werden darf. Auf dem roten Teppich in Venedig ließ sich der lateinamerikanische Politiker an Stones Seite dann auch feiern wie ein Superstar.

Im Kinosaal aber ließen ein paar humorbegabte Cineasten nicht etwa Chavez hochleben, sondern riefen im Chor: "Viva Oliver!"



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