Filmfestspiele Venedig Wir sind alle Betrüger

George Clooney und Brad Pitt sorgen zum Auftakt des Festivals mit ihrem Agentenfilm "Burn After Reading" für fröhliches Gebrüll. Christian Petzolds "Jerichow" zeigt tolle Charakterschauspielerei, aber wenig Wahnsinn. Und Italiens Kulturminister erregt sich über einen SPIEGEL-Bericht.

Aus Venedig berichtet


Vorschriftsmäßig azzurro der Himmel, sanft der Wind und lustig plätschernd die Adriawellen, es herrscht Kaiserwetter auf dem Lido von Venedig. Am Mittwochabend zeigten zur Eröffnungsgala Brad Pitt und George Clooney ihre schönen, weiß blitzenden Zähne auf dem roten Teppich, schüttelten die Hände kreischender Teenagermädchen und alberten für die Fotografen herum.

Der ziemlich gebrechliche Festivalpalast ist dekoriert mit weißglänzenden Plastikplanen und ein paar riesigen goldenen Löwen, die sehr gut mit dem eleganten goldglänzenden Kleid von Tilda Swinton harmonierten, die mit Clooney und Pitt bald auch kumpelhaft ihre Regisseure unterhakte, die US-amerikanischen Brüder Joel und Ethan Coen. Überall tolle Frauen, wichtige Männer in dunklen Anzügen, Blitzlicht und Jubelstimmung: Es gibt schon allerhand Aufregendes zu beglotzen und zu bereden an so einem Glamourabend im glücklichen, stolzen Italien.

Und was finden die italienischen Gastgeber dieser 65. Filmfestspiele, die 1932 gegründet wurden und damit die ältesten der Welt sind, nun wirklich aufregenswert zum Auftakt des Festivals? Es ist, ungelogen und in aller Unbescheidenheit, ein Artikel aus dem SPIEGEL dieser Woche, der hier für einigermaßen lebhafte Diskussionen sorgt. Sandro Bondi, der Kulturminister der Berlusconi-Regierung, hat am Mittwoch eine Presseerklärung herausgegeben, in der er "auf die Kritik des Wochenmagazins DER SPIEGEL" an der diesjährigen Festivalauswahl reagiert.

Es ist natürlich erfreulich und treibt den Puls in die Höhe, wenn ein Text, den man selber geschrieben hat, einen Minister zu einer Stellungnahme anstiftet – aber worum geht’s? Darum, dass das Festival in Venedig in diesem Jahr ungewöhnlich viele italienische Filme im Hauptprogramm präsentiert, allein vier im Wettbewerb um den Goldenen Löwen. Der Festival-Vorbericht im SPIEGEL stellt fest, dass sich in Italien und vor allem im Programm der diesjährigen Biennale ganz offensichtlich ein neuer italienischer Kinopatriotismus breitmacht, der kaum durch internationale Anerkennung gedeckt ist.

Denn international genießen italienische Filme seit vielen Jahren sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik wenig Ansehen, daran haben auch die beiden diesjährigen Cannes-Achtungserfolge "Gommora" und "Il Divo" wenig geändert. Minister Bondi betont nun "die absolute Unabhängigkeit" des venezianischen Festivals und seines Chefs Marco Mueller, die niemand angezweifelt hat.

Mueller bauchpinselt derweil weiter den italienischen Kulturstolz, in dem er auf die Frage, ob "eine neue goldene Ära des italienischen Kinos" begonnen habe, die ihm das Film-Fachmagazin "Screen International" gestellt hat, antwortet: Zumindest in diesem Jahr sei die Ausbeute schlicht "ziemlich sensationell". Ob die italienischen Wettbewerbsfilme, darunter ein Werk des routinierten Haudegens Pupi Avati, dieses Versprechen einlösen? Noch lief keiner von ihnen, aber spätestens in zehn Tagen, wenn die Jury unter dem diesjährigen Chef Wim Wenders die Goldenen Löwen vergibt, sind wir schlauer.

Jetzt aber ab ins Kino. Der außer Konkurrenz startende Eröffnungsfilm "Burn After Reading" war der nahezu vorausgesagte Triumph. Der Film, der in Deutschland im Oktober anläuft, ist ein brachialer Spaß über Ehebruch und sexuellen Notstand, Geldgier und Agenten-Machogehabe, der das Festivalpublikum in fröhliches Gebrüll ausbrechen ließ. Stars wie Frances McDormand und John Malkovich, Swinton, Pitt und Clooney dürfen dem Schauspieleraffen Zucker geben, indem sie lauter Menschen spielen, die ein bisschen dümmer sind, als sie glauben. Jeder versucht in der durchgeknallten Story, die anderen übers Ohr zu hauen.

Sex im Kopf

Ein gefeuerter CIA-Beamter (Malkovich), der mit einem Enthüllungsbuch auf den großen Knüller hofft; der blondierte Fitnesstrainer (Pitt) und seine Kollegin (McDormand), die zufällig an die CD-Rom mit dem Manuskript geraten; ein anderer, supereitler CIA-Amtsstubenhocker (Clooney), der immer nur Sex im Kopf hat. Den Coen-Brüdern gelingt hier ein toller, prächtig geölter Komödienstreich, der einem nur in ganz seltenen Momenten auf die Nerven geht, wenn sich die in diesem Jahr ja auch schon (für "No Country For Old Men") Oscar-gekrönten Regisseure allzu sehr in ihrer eigenen Brillanz sonnen.

Kurioserweise spürt man auch in Christian Petzolds Film "Jerichow", einem von zwei deutschen Beiträgen im Wettbewerb von Venedig, eine der Coolness der Coen-Brüder verwandte Souveränität, die manchmal ins Nervtötende kippt. Auch in "Jerichow" betrügt jeder jeden. Der Film ist eine deutsche Version von James M. Cains "Wenn der Postmann zweimal klingelt", statt Jessica Lange und Jack Nicholson fallen hier Benno Fürmann und Nina Hoss übereinander her, und das geschieht tatsächlich mit einer beeindruckenden körperlichen Wucht.

Selten hat man den eher schwer genießbaren, weil sonst stets mit seiner Gefährlichkeit prahlenden Schauspieler Fürmann so konzentriert und geduckt gesehen: Die Lippen aufeinandergepresst, die Muskelpakete eher versteckend als vorzeigend, so spielt er einen Ex-Soldaten, der in der von Möbelmärkten, grünen Bäumen und Wiesen beherrschten Landschaft der Prignitz ein neues Leben anfangen will.

Liebesraserei - mit Eleganz erzählt

Er stößt auf einen scheinbar vor Energie sprühenden Türken (Hilmi Sözer), der eine ganze Kette von Imbissbuden betreibt, und dessen Frau (Hoss). Und während die drei bald eifrig Fleisch- und Gemüsekisten in einen Lieferwagenkombi packen und am Ostseestrand herumlungern, entsteht ein fataler Magnetismus der Begierde. Man vergisst in diesem Film immer wieder, dass die Story hanebüchen ist bis zum Abwinken (wie oft bei Petzold); man bewundert die grandiosen Landschaftsbilder, versinkt in den Gesichtern der Schauspieler, wartet auf die große, überraschende Implosion, die diesen perfekt austarierten Bilderreigen zum Einsturz bringen könnte.

Statt dieser Überraschungsknall gibt’s nur eine banale Explosion. Doch in den ungelenken Umarmungen zwischen den beiden Männern, beim nächtlichen Herumirren im ostdeutschen Wald und in der Liebesraserei zwischen Fürmann und Hoss zeigt sich die große Kunst eines Regisseurs, der hier das Grobe und Rohe der so genannten Berliner Schule (zu der man Petzold gern zählt) eintauscht gegen eine bewundernswerte, packende, nur manchmal ein bisschen zu selbstbegeisterte erzählerische Eleganz.

Petzold zeigt in "Jerichow" also furioser als je zuvor, dass er ein wirklich herausragender Regisseur ist. Man muss ja deshalb nicht gleich von einem heraufdämmernden goldenen Zeitalter des deutschen Films träumen.



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