Kultur

Anzeige

Venedig-Eröffnungsfilm "First Man"

Mehr Space, bitte!

Das Filmfestival von Venedig eröffnet seine 75. Ausgabe mit einem Hollywood-Epos: Ryan Gosling spielt den "First Man" auf dem Mond in einem zu bodenständigen Film von Oscar-Gewinner Damien Chazelle.

Aus Venedig berichtet

Mittwoch, 29.08.2018   19:07 Uhr

Anzeige

Große Erwartungen konnte man schon haben an den Eröffnungsfilm der 75. Kino-Biennale in Venedig: Regie-Talent Damien Chazelle, erst 34 Jahre alt, hatte mit "Whiplash!" und seinem oscarprämierten Musical "La La Land" bewiesen, dass er dem klassischen Erzählkino Hollywoods neuen Groove geben kann. "First Man", sein vierter Spielfilm, mit dessen Weltpremiere das Festival am Mittwochabend startete, fehlt jedoch über einige Strecken jene tollkühne Balance aus purer, auf der Leinwand entfesselter kinetischer Energie und intimen Beobachtungen von Emotionalität.

Leider. Denn die Geschichte, die Chazelle erstmals nicht als eigener Autor, sondern als Regisseur eines Drehbuchs von Josh Singer ("Spotlight") erzählt, gibt einiges her, selbst wenn die historischen Eckdaten bekannt sind: 1969 machte der US-Ingenieur und Astronaut Neil Armstrong die ersten menschlichen Schritte auf dem Mond; "First Man" illustriert, welche auch privaten Wagnisse und Entbehrungen es brauchte, um diesen auch aus heutiger Sicht noch unwahrscheinlichen Triumph von Technik und Pionierwillen zu vollbringen.

Anzeige

Packend inszenierte Szenen im Innenraum engster, rüttelnder und schüttelnder Flugzeug-Cockpits und Raumfahrzeugkapseln, die buchstäblich nur mit Nieten, Muttern und viel Vertrauen in Mensch und Material zusammenhalten, vermitteln einen Eindruck von der vordigitalen, manichäischen Wucht dieser Mondfahrt und ihrer Vorbereitungen. Das Kino erbebt, wenn das hervorragende Sounddesign den Zuschauer mitsamt Apollo-Mission und Trägerrakete in den Weltraum hievt.

Alle Emotionen Armstrongs

Parallel wird es auch in Armstrongs Familienleben eng: Singer und Chazelle stellen eine Verbindung her zwischen dem Krebstod seiner kleinen Tochter Karen zu Beginn der Sechzigerjahre und dem unbedingten Willen des Piloten, die Mondmission zu ermöglichen: Die Technologie, die den Hirntumor des Mädchens 1961 noch nicht heilen konnte, soll sich nun - verschweißt mit menschlichem Willen, in höchste, überirdische Höhen schwingen. Alle, aber auch wirklich alle Emotionen Armstrongs, auch die verdrängte Trauer, fließen in diesen fast ein Jahrzehnt dauernden Prozess, bis zu dem Punkt, an dem seine zunehmend entfremdete Ehefrau Janet (Claire Foy) ihn zwingen muss, seinen beiden Söhnen selbst zu sagen, dass er von seiner Mondmission vielleicht nicht zurückkehrt.

Anzeige

Die Opfer, Physik und Raum zu überwinden, sind vielfältig und vielschichtig, lernt man: Nicht nur wird Armstrong zum Alien in seinem Umfeld, auch viele seiner Weggefährten im Space-Programm der Nasa lassen ihr Leben, sie explodieren mit der Raumkapsel oder stürzen mit Überschallgeschwindigkeit ab. Als einer der wenigen des sogenannten Gemini-Programms, das dann in die Apollo-Mission mündete, überlebt Armstrong und behält die Nerven, auch in trudelnden, scheinbar ausweglosen Situationen im All das Richtige zu tun. Am Ende darf er den "giant leap" für die gesamte Menschheit auf die Mondoberfläche machen, ein Moonbootabdruck im Staub, für den ein hoher Preis bezahlt wurde. Ryan Gosling, dem Chazelle noch in "La La Land" das Tanzen und Singen beibrachte, darf hier erneut seine Paraderolle des Kontrollfreaks und Stoikers spielen. Gut, aber inzwischen auch ein bisschen langweilig.

Was haben Minderheiten davon, wenn der weiße Mann auf den Mond fliegt?

Das Timing für das von Steven Spielberg produzierte Epos könnte indes nicht besser sein: 2019 jährt sich die Mondlandung zum 50. Mal, was läge näher, als gerade inmitten unruhiger sozialer und gesellschaftlicher Zeiten, an den weltweit beflügelnden Charakter dieser Unternehmung zu erinnern. Auch 1969 waren die politischen Spannungen enorm, wie Chazelle in einer kurzen Fernseh-News-Sequenz verdeutlicht, in der Gil Scott-Heron seinen ätzenden Politschlager "Whitey On The Moon" intoniert: Was haben die von Rassismus und Marginalisierung geplagten Minderheiten davon, wenn der weiße Mann auf den Mond fliegt?

Um diesen Bogen in die Gegenwart aber wirkungsvoll zu schlagen, fehlt "First Man" der richtige Rhythmus. Zu wenig Biss und Dynamik entsteht zwischen den Arbeitsszenen im Space-Zentrum sowie der meistens aus klaustrophobischer Astronautenperspektive gefilmten Weltraumaction und der bedrückenden, sprachlosen Enge im Eigenheim. Teils bedeutende Figuren der Nasa- und Zeitgeschichte, sind sehr gut besetzt (u.a Kyle Chandler als Deke Slayton, Corey Stoll als Buzz Aldrin, Shea Whigham als Gus Grissom), bleiben aber Stichwortgeber. Vor allem aber Claire Foy ("The Crown") erhält zu wenig Raum, ihre wichtige Rolle an der Eigenheim-Front auszuspielen. Sie wird auf wenige Szenen und viele lange, sorgen- und vorwurfsvolle Blicke reduziert. Dabei wollen die Boys doch nur mit ihren Raketen spielen.

Ein kompetent inszenierter, aber unnötig konservativer und bodenständiger Auftakt für ein Festival.

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH