Filmfestspiele von Venedig Was Filmfans wissen müssen

George Clooney und der doppelte Damon, ein Cannes-Favorit im Lido-Exil, Michael Jackson in 3D: Ein Ausblick auf die Highlights der 74. Filmfestspiele in Venedig, die am Mittwochabend beginnen.

Javier Bardem und Jennifer Lawrence in "Mother!"
Paramount

Javier Bardem und Jennifer Lawrence in "Mother!"

Aus Venedig berichtet


Die Oscar-Saison beginnt... in Venedig!

Cannes mag immer noch das wichtigste Filmfestival der Welt sein. Aber der Termin im Mai, der für manche Filme eine Agenda übers ganze Jahr bis zu den Oscars setzen konnte, wird in Zeiten beschleunigter News-Zyklen nicht vorteilhafter. Der Kino-Ableger der Biennale di Venezia hingegen, mit 74 Jahren das älteste der großen A-Festivals (neben Cannes gehört auch Berlin dazu), nimmt mit seinem traditionellen Spätsommer-Platz mehr denn je eine Schlüsselposition in der Awards-Season ein.

Seit Roberto Barbera 2011 die künstlerische Leitung des Festivals am Lido übernahm, bewies er viel Verhandlungsgeschick und ein sicheres Gespür für die Must-haves der Saison. "Gravity", "Birdman", "Spotlight", "La La Land" - vier Jahre hintereinander feierte ein späterer Oscar-Abräumer Premiere in Venedig, und auch in diesem Jahr habe Barbera wieder - fast - alles bekommen, was er haben wollte, sagte er in einem Interview mit "Variety": "Ich bin nur glücklich, wenn ein Film, den ich ausgesucht habe, auch nach Telluride und Toronto geht."

Von links: "Suburbicon", "Downsizing" und "The Shape of Water"
AP/ Paramount; 20th Century Fox

Von links: "Suburbicon", "Downsizing" und "The Shape of Water"

Telluride, das kleine Filmfest in Colorado und Toronto, die große Kino-Drehscheibe für den nordamerikanischen Markt, das sind die beiden einflussreichen Konkurrenten um die begehrten Weltpremieren von US-Ware mit Oscar-Potenzial. Dieses Jahr sicherte sich Barbera für Venedig eine Handvoll der vielversprechendsten Kandidaten: Als Eröffnungsfilm ist am Mittwochabend Alexander Paynes "Downsizing" zu sehen.

In der Science-Fiction-Satire des Regisseurs über Überbevölkerung sind Matt Damon und Kristen Wiig zu sehen. Damon kann dann gleich am Lido bleiben, denn er spielt außerdem eine Hauptrolle im Vorort-Drama "Suburbicon" seines Freundes und Regisseurs George Clooney. Das Drehbuch schrieben die Coen-Brüder, neben Damon sind Julianne Moore und Oscar Isaac zu sehen.

Ebenfalls Oscar-Buzz bekommt bereits jetzt Darren Aronofskys "Mother!" mit Jennifer Lawrence und Javier Bardem. Das Domestic-Horror-Drama könnte nach dem missglückten "Noah" eine Rückkehr zu alter Form für den Regisseur markieren. Ebenso ein Comeback feiert der mexikanische Regisseur Guillermo Del Toro mit seinem düster-verwunschenen Fantasy-Film "The Shape of Water".

Auch das Weltkino glänzt

Man soll nicht unken, aber dass einer, der von Cannes groß gemacht wurde, nach Venedig wechselt, wird in Frankreich gar nicht gerne gesehen. Der neue Film des tunesisch-französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche, der 2013 mit seinem Liebesdrama "Blau ist eine warme Farbe" nicht nur für skandalöse lesbische Sex-Szenen sorgte, sondern auch die Goldene Palme gewann, sollte im Mai in Cannes laufen, doch Kechiche, ewig unbequem und zur Länge neigend, geriet mit seinen Finanziers über Kreuz, weil er zwei statt einen Film drehte.

Am Ende versetzte er seine Cannes-Trophäe, um die Produktion zu retten. "Mektoub, My Love: Canto Uno", laut Kechiche der Beginn einer größeren migrantisch geprägten Familiensaga in Südfrankreich, feiert daher nun nicht an der Croisette, sondern am Lido Weltpremiere.

Von links "Mektoub, My Love Canto Uno", "Zama", "Human Flow"
La Biennale di Venezia

Von links "Mektoub, My Love Canto Uno", "Zama", "Human Flow"

Zehn Jahre mussten Cineasten auf einen neuen Film von Lucrecia Martel warten, mit Filmen wie "The Headless Woman" gehörte sie Anfang der Nullerjahre zu den vielversprechendsten neuen Autorenfilm-Talenten Argentiniens. Nun kehrt sie mit ihrem ersten Historiendrama zurück - allerdings wie so viele Regisseurinnen in diesem Jahr außer Konkurrenz. Ihre Verfilmung des 1956 erschienenen Romans "Zama" von Antonio de Benedetto handelt von einem frustrierten Beamten des spanischen Empire, der auf einen Posten im Hinterland verbannt wird. Vielleicht der Geheimtipp dieses Venedig-Festivals?

Ganz in der Gegenwart verhaftet ist der in Berlin lebende chinesische Künstler Ai Weiwei, der am Lido seinen Dokumentarfilm "Human Flow" zeigt. Die deutsch-amerikanische Co-Produktion wurde mit 25 Filmteams in mehr als zwei Dutzend Ländern gedreht, darunter Syrien und Italien, und spürt den globalen Flüchtlingsströmen nach.

Aufgrund seiner eigenen Exil-Erfahrungen hat sich Ai in den vergangenen Jahren schon oft künstlerisch mit den Schicksalen von Migranten beschäftigt, teilweise ging er dabei auch zu weit, beispielsweise als er selbst die Pose des ertrunkenen Flüchtlingskindes am Strand aus dem weltbekannt gewordenen Pressefoto einnahm. "Human Flow", ob kontrovers oder nicht, wird man sehen, ist seine erste dokumentarische Langfilmarbeit. Der Film kommt am 13. Oktober über Amazon Studios in die Kinos.

Auf der Meta-Ebene des Kinos

Auch in Venedig geht es längst nicht mehr nur um Kino, auch das Fernsehen und die Streamingdienste drängen mit ambitionierten Eigenproduktionen an den Lido. Ob darüber ähnlich hitzig diskutiert werden wird wie im Mai in Cannes, bleibt abzuwarten, im Moment sieht es nicht so aus. Netflix reist mit einem echten Prestige-Projekt an, der sechsteiligen Doku-Miniserie "Wormwood" von Oscar-Preisträger Errol Morris ("The Fog of War"), in der in Oral-History-Form die jahrzehntelange Aufklärung eines mysteriösen Todes nachgezeichnet wird.

Netflix hat mit Robert Redford und Jane Fonda außerdem zwei der größten Stars des Festivals zu bieten: Die beiden New-Hollywood-Veteranen spielen zusammen in der Netflix-Eigenproduktion "Our Souls at Night" von Regisseur Riten Batra, die allerdings außer Konkurrenz gezeigt wird. Das Festival ehrt Fonda und Redford jeweils mit dem Goldenen Ehrenlöwen fürs Lebenswerk.

Von links "Michael Jacksons Thriller 3D", "The Devil and Father Amorth", "This Is Congo"
La Biennale di Venezia

Von links "Michael Jacksons Thriller 3D", "The Devil and Father Amorth", "This Is Congo"

Während sich Festivalfilme sozialen und wirtschaftlichen Missständen auf fiktionaler Ebene nähern, drängt seit längerer Zeit das Dokumentarische in die Festival-Wettbewerbe. Besonders packend und dramatisch verspricht in Venedig "This Is Congo" von Regie-Debütant Daniel McCabe zu werden. Der aufwendig über mehrere Jahre recherchierte Film erzählt entlang mehrerer Einzelschicksale vom zehrenden Kampf um Rohstoffe und Zivilgesellschaft in der Republik Kongo.

Die Probleme Afrikas bleiben ein vom Filmbetrieb und medialer Öffentlichkeit nur kursorisch beachtetes Themenfeld - auch das eine Ressourcenfrage: McCabe, der in New York als Fotograf arbeitet, musste eine Kickstarter-Kampagne starten, um sein Herzensprojekt zu finanzieren.

Auf die Metaebene des Kinos begibt sich "Exorzist"-Regisseur William Friedkin mit seiner dokumentarischen Arbeit "The Devil And Father Amorth", die den inzwischen verstorbenen Priester bei einem echten Exorzismus-Versuch begleitet. Und US-Regisseur John Landis reist mit einem seiner Klassiker an: Michael Jacksons einst bahnbrechendem Videoclip-Epos "Thriller"- in 3D. Drei Jahre brauchte Landis ("Blues Brothers"), um den Jackson-Erben die Erlaubnis abzuringen. Dafür kann er nun die Zombies am Lido rhythmisch zucken lassen. Es wird ein Fest, garantiert.


Die Filmfestspiele von Venedig laufen vom 30. August bis 9. September. SPIEGEL ONLINE wird regelmäßig von den Filmfestspielen berichten.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels bezeichneten wir "This Is Congo"-Regisseur Daniel McCabe irrtümlich als mehrfach Emmy-nominierten TV-Produzenten. Mit diesem Daniel McCabe hat der New Yorker Fotograf jedoch nichts zu tun. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.



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