Filmförderung Hamburg: 20 Jahre Sex, Drugs and Rock'n'Roll

Von Christian Bartels

Vor zwanzig Jahren, zur Blütezeit des Neuen Deutschen Films, wurde das Hamburger Filmbüro gegründet: Angestoßen von Schlöndorff, Herzog, Wenders und Co. wurde es zur wichtigsten Geldquelle für unabhängige Filmemacher.

Wim Wenders
Concorde

Wim Wenders

Es war die große Zeit des Neuen Deutschen Films: Fassbinder lebte noch, Schlöndorffs "Blechtrommel" gewann 1980 als erster deutscher Film einen Oscar, Werner Herzog bereitete "Fitzcarraldo" vor, Reinhard Hauff drehte "Endstation Freiheit".

Zusammen mit den Regisseuren Wim Wenders und Hark Bohm hatten Herzog und Hauff im September 1979 auf dem "Filmfest der Filmemacher" ihre "Hamburger Erklärung" formuliert: Filmförderung solle "nicht mehr von Gremien, Anstalten, Interessengruppen so wie bisher fremdbestimmt", sondern von den Filmemachern selbst bestimmt werden.

Der Hamburger Senat erkannte seine Standortchance im Wettbewerb mit München und machte zwei Millionen Mark im Jahr frei: Das "Hamburger Filmbüro e.V." entstand Anfang September 1980. Der Verein wählte auf seinen Mitgliederversammlungen nun zwar selbst Gremien - die allerdings funktionierten vergleichsweise transparent und waren unabhängig von Politik, Lobbys und Fernsehen. Jetzt hatte die "Sex, Dugs and Rock'n'Roll-Generation" des deutschen Films ihr Schicksal selbst in der Hand, resümiert der künftige Berlinale-Chef Dieter Kosslick.

Aus dem Hamburger Modellprojekt ist eine bis heute ungekannte Bandbreite an Filmen hervorgegangen: kurze und lange, experimentelle und konventionelle, dokumentarische und fiktive, viel beachtete und kaum gesehene. Darin unterschied sich das Filmbüro von der 1978 gestarteten West-Berliner Filmförderung, mit der die "Frontstadt" ihre Filmwirtschaft unterstützte, und dem Bayerischen Filmpreis, der von Franz Josef Strauß ins Leben gerufen worden war.

Das Hamburger Signal fand Nachahmer: In vielen Bundesländern etablierten sich ähnlich gestrickte Filmbüros. Auch bei weiteren Modifikationen stand Hamburg jeweils mit an der Spitze der Entwicklung: 1982 wurde zusätzlich eine kommerziell orientierte Filmförderung eingerichtet, womit Film als Kulturgut und Wirtschaftsfaktor anerkannt und das so genannte duale System (der Filmförderung, nicht der Abfallentsorgung) geboren war: Eine Vertriebsförderung bezuschusst Verleihe und bringt geförderte Filme so ins Kino. Ein "Location-Büro" unterstützt Produzenten beim Dreh in der Stadt und ist immer noch stolz, James Bond für "Der Morgen stirbt nie" an die Elbe gelotst zu haben.

Vor fünf Jahren wurden die diversen Förderungsorganisationen dann zur FilmFörderung Hamburg GmbH zusammengelegt, die derzeit unter Geschäftsführerin Eva Hubert 19 Millionen Mark pro Jahr vergibt. Auch diese Verschlankung ist ein Trend. Wenn man die Strukturen betrachtet, ist die Hamburger Geschichte eine Erfolgsgeschichte.

Und wenn man die Inhalte sieht? Nicht wenige der interessanteren Filme aus den letzten beiden Jahrzehnten entstanden mit Hamburger Geld. So realisierte der junge Schleswig-Holsteiner Landwirt Detlev Buck sein halblanges Debüt "Erst die Arbeit und dann!?"(1984) und den Nachfolger "Karniggels" (1990).

International geschätzte Außenseiterfilme wie die von Monika Treut und die ersten abendfüllenden deutschen Zeichentrickfilme wie "Der kleene Punker" (1991) finden sich in der Filmografie. Und immer noch kommen überdurchschnittlich viele der anspruchsvollen deutschen Kinofilme aus Hamburg, im vorletzten Jahr Fatih Akins "Kurz und schmerzlos", im letzten "Absolute Giganten". Auch an den "Totmacher" hatten die Hanseaten als einzige geglaubt.

An Fehlschlägen herrscht jedoch kein Mangel. Der Mut zum Risiko ist eben oft auch der zum Flopp. So wurde der schwedische RAF-Thriller "Der demokratische Terrorist" 1991 mit 1,5 Millionen Mark bezuschusst - und hatte seine deutsche Premiere Anfang 2000 spätabends im ZDF. Der Kinofilm "Long Hello and Short Goodbye", mit dem die größte ortsansässige Produktionsfirma Studio Hamburg auftrumpfen wollte, scheiterte mit knapp 58.000 Zuschauern kläglich an den Kassen. Sönke Wortmanns "St. Pauli Nacht" hätte der neuere Hamburg-Film schlechthin sein können (Frank Göhres Drehbuch wurde im Vorfeld preisgekrönt) - stattdessen gilt er jetzt als Musterbeispiel für alle Mängel des neudeutschen Kommerzfilms.

Tatsächlich ist "Die Blechtrommel" immer noch der einzige Oscar-prämierte deutsche Spielfilm. Wer heute die wichtigsten deutschen Filmemacher nennen soll, wird Tom Tykwer nennen (immerhin, auch dessen Debüt "Die tödliche Maria" wurde in Hamburg gefördert) - und muss ansonsten auf die schon damals nicht mehr ganz jungen Herren zurückgreifen, die die "Hamburger Erklärung" unterzeichnet hatten: Schlöndorff und Wenders, Herzog und Bohm drehen auch wieder Spielfilme. Die große Zeit des Neuen Deutschen Films hat das Hamburger Filmbüro wohl nicht verlängert, aber ohne es sähe es düsterer aus.

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