Filmförderung in Frankreich Angriff auf die "kulturelle Ausnahme"

2001 war das Jahr des französischen Kinos. Doch trotz des Erfolgs von "Amélie" & Co. droht Frankreichs größter Medienkonzern Vivendi nun mit einer drastischen Einschränkung der Filmförderung.


Der französische Erfolgsfilm des letzten Jahres: "Die fabelhafte Welt der Amélie"
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Der französische Erfolgsfilm des letzten Jahres: "Die fabelhafte Welt der Amélie"

Frankreich war schon immer sehr eigen, wenn es um die Wahrung seiner nationalen Identität ging. Kein anderes Land in Europa wehrt sich so beharrlich dagegen, englische Ausdrücke in seine Sprache aufzunehmen. Und auch im Kino wollen sich die Franzosen nicht von amerikanischen Blockbustern überrollen lassen, sondern bevorzugen eigene Produktionen.

Die Förderung heimischer Filme ist in Frankreich sogar gesetzlich verankert: "Exception culturelle" ("kulturelle Ausnahme") heißt die Zauberformel, mit der der Staat französischen Produzenten und Regisseuren finanzielle Möglichkeiten bietet, bei denen die europäischen Kollegen vor Neid nur so erblassen. Das Gesetz besagt, dass Kulturprodukte nicht wie normale Handelsgüter behandelt werden dürfen und somit unter besonderem staatlichen Schutz stehen.

Gegen diese Regelung hat sich nun Jean-Marie Messier, Chef des größten französischen Medienkonzerns Vivendi, ausgesprochen und die "kulturelle Ausnahme" für tot erklärt. Dahinter dürfte die Tatsache stehen, dass der von Vivendi im letzten Jahr übernommene französische Sender Canal Plus maßgeblich an der Filmförderung beteiligt ist und jährlich 20 Prozent seines Einkommens in heimische Produktionen stecken muss. Der erfolgreiche Privatsender, der unter anderem den neuen David-Lynch-Film "Mulholland Drive" mit produziert hat, kommt zurzeit für mehr als ein Viertel der Produktionskosten in Frankreich auf.

Dabei hat Frankreich allen Grund, stolz zu sein auf den Erfolg seines einzigartigen Systems der Filmförderung: Die Zahl der Zuschauer, die sich französische Produktionen ansehen, ist im vergangenen Jahr um 50 Prozent gestiegen. In den Erfolgsfilm "Amélie" strömten allein in Frankreich acht Millionen Menschen. Demgegenüber fiel der Marktanteil amerikanischer Produktionen erstmals unter 50 Prozent. In Deutschland beherrscht Hollywood noch dagegen mit über 80 Prozent die Kinolandschaft.

"Messiers Interessen sind amerikanischer Art. Er ist von einem Gedanken besessen: das System explodieren zu lassen. Damit verhindert er das Überleben des französischen Kinos, steigert aber seinen Gewinn", wetterte die französische Wochenzeitung "Le Nouvel Observateur".

Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac sah sich schließlich genötigt, der Filmindustrie seinen Schutz zu versichern. "Kunstwerke und Kulturgüter mit ganz gewöhnlichen Handelsgütern gleichzusetzen, zeugt von tiefer geistiger Verwirrung", versicherte der Staatspräsident den Kulturschaffenden. Die französische Medienlandschaft bleibt indes misstrauisch. So fragte sich die Kulturzeitschrift "Télérama" sogar: "Ist das wunderbare Jahr des französischen Films das letzte gewesen?"



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