Von Lars-Olav Beier
Tatsächlich geben europäische Regisseure wie Haneke oder von Trier ihren Filmen eine kulturelle Identität jenseits nationaler Grenzen. Doch sobald nicht die Vision eines Filmemachers die Beiträge aus den verschiedenen Ländern zu einer Einheit verbindet, wirkt der paneuropäische Film oft wie ein zielloser Wanderer, der sich im Dickicht der Filmbürokratie zu verirren droht und beim Bestreben um Weltgeltung in die tiefste Provinz zurückgeworfen wird.
Bei "Henri 4" etwa verlangten die katalanischen Förderer, die sich an dem Film beteiligten, dass der Schauspieler Roger Casamajor, der aus der Nähe von Barcelona stammt, Katalanisch spricht und nicht Spanisch. "Die Verträge für den Film sind ein Meisterwerk", sagt Ziegler in ihrem Büro in der Berliner Kantstraße. Über zehn Regalmeter nehmen die Ordner für "Henri 4" ein.
Mit Partnern aus Tschechien, Frankreich, Österreich und Spanien hat sie die Produktion gestemmt. Für sie ist das ein Lebensprojekt. Es soll beweisen, dass sie, Deutschlands mächtigste TV-Produzentin, großes Kino kann - auch wenn die französischen Hauptdarsteller Julien Boisselier, der den Titelhelden spielt, sowie Armelle Deutsch und Chloé Stefani in Frankreich keine Kino-, sondern TV-Stars sind, weil "Henri 4" dort nur im Fernsehen laufen wird.
An einem strahlend sonnigen Tag im November kommen sie alle in Köln-Ossendorf zusammen, die Ko-Produzenten aus den verschiedenen Ländern, die vielen Förderer und TV-Redakteure. Eine lange Karawane ist das, die durch die Hallen der MMC-Studios zieht, die letzte Station des Films. Hier wurden für den Film Pariser Straßenzüge nachgebaut.
Die Karawane tapert durch dichten Nebel. Damit die Kinozuschauer auch spüren, was für ein Drecksloch das Paris des 16. Jahrhunderts war, lassen Baier und Kameramann Roll Heilerde durch die Studiohalle blasen. "Mal sehen, wie viel Heil in dieser Erde liegt", grantelt Baier, schnäuzt die Nase und betrachtet das Taschentuch. Ein zweites Mal wird er es nicht benutzen.
Sprachstörung programmiert
Der französische Co-Produzent Christian Charret fährt prüfend mit dem Finger über eine Fuge in der Fassade eines Wohnhauses. "Besser hätten wir Paris in Paris auch nicht hinbekommen", sagt er. Frankreich made in Germany. "Die Franzosen davon zu überzeugen, dass wir Deutsche einen guten Film über Henri IV. drehen können, war nicht leicht", erzählt Baier. "Denn sie glauben letztlich, dass nur sie wissen, wie man gute Filme macht."
Baier wendet den Kopf, gerade schiebt sich aus dem Nebel ein gewaltiges Tier durch die Kulisse. Die Karawane bleibt stehen, alle weichen von der Mitte der Gasse zur Seite, drücken sich an die Häuserwände. Nun ist das Tier zu erkennen: Es ist ein gewaltiger Ochse, zwei Meter hoch, er heißt Littlefood. Alle betrachten das Tier - ein Moment, so bizarr wie in einem Fellini-Film.
"Was ist das denn?", ruft Baier entgeistert, wie ein Ochs vorm Berg vor diesem Berg von einem Ochsen. "Du wolltest doch ein großes Tier!", entgegnet seine tschechische Assistentin Eva beleidigt. "Aber doch kein Monster", gibt Baier zurück. "Neben dem Vieh wirken unsere Schauspieler ja wie Zwerge!" Den Tränen nahe und doch mit stolz erhobenem Haupt folgt die Assistentin dem Tier hinterher und redet auf Tschechisch vor sich hin.
"Manchmal brummt mir der Schädel, wenn Anweisungen in vier Sprachen über den Set hallen", sagt Joachim Król und wischt sich den Staub vom Kostüm. Er spielt Henris Gefährten Agrippa und reist mit der Produktion über vier Monate lang durch Europa. Auch vor der Kamera sprechen alle Schauspieler ihre Landessprache: Boisselier stellt auf Französisch eine Frage, Hoger antwortet auf Deutsch, Casamajor sagt einen Satz auf Katalanisch, Stefani erwidert auf Französisch.
"Es ist nicht einfach", sagt Stefani, "wenn man die Sprache des Dialogpartners nicht versteht. Wie beim Gesang: Man muss seinen Einsatz finden, ohne auf den Inhalt der Texte zu achten. Man muss die Mimik und die Gesten seines Gegenübers lesen, seine Körpersprache verstehen lernen. Allerdings können wir während der Aufnahmen nicht vom Text abweichen, nicht improvisieren."
Bloß groß
Im fertigen Film macht die Synchronisation der Sprachenvielfalt den Garaus. Ein wenig gewaltsam wirkt das, als hätte ein strafender Gott die Menschen gezwungen, wieder in derselben Sprache zu sprechen. So wirken selbst die bisweilen sehr pointierten Dialoge manchmal etwas hölzern, eher bemüht, statt schwungvoll.
"Henri 4" ist kein Film, für den man sich schämen muss. Geistreich, manchmal sinnlich erzählt er seine Geschichte. Doch er leidet am Streben nach Größe, an dem atemlosen Tempo, mit dem er durch die Jahrzehnte hetzt, um das gesamte Leben seines Helden zu erzählen, an der bombastischen Musik des Hollywood-Komponisten Hans Zimmer.
"Henri 4" will unbedingt beweisen, dass man in Europa ähnlich machtvolle Epen auf die Leinwand wuchten kann wie in Hollywood. Er wäre ein größerer Film geworden, hätte er sich damit begnügt, kleiner zu sein.
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