Filmgroßprojekt "Henri 4" Riesig, stressig, babylonisch

Wächst im Kino zusammen, was in der Realität nicht zusammenwachsen will? Der Deutsche Jo Baier drehte mit "Henri 4" ein international besetztes Epos über Frankreichs humanistischen König. Der Film soll beweisen, wie stark gesamteuropäisches Kino sein kann - und scheitert an diesem Wille zur Größe.

Ziegler Film

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Soll sie es tun oder nicht? Die französische Schauspielerin Armelle Deutsch steht in ihrem roten Ballkleid im modrigen Militärarchiv der Stadt Prag, wo Szenen für den Film "Henri 4" gedreht werden, und kaut nervös auf der Unterlippe. Die nächste Einstellung könnte schmerzhaft werden. Deutsch spielt die Tochter Katharina von Medicis, Mitte des 16. Jahrhunderts Königin von Frankreich. Das Drehbuch verlangt, dass die Mutter ihrer lasterhaften Tochter zur Züchtigung in den Hintern beißt.

Die Italienerin Katharina wird von der deutschen Schauspielerin Hannelore Hoger verkörpert. Armelle Deutsch spricht, ihrem Namen zum Trotz, kein Wort Deutsch, doch eines hat sie verstanden: Hoger will fest zubeißen. Hoger fährt sich mit einem Lippenstift über die Unterkanten ihrer Schneidezähne, damit sie im Fleisch deutlich sichtbare Spuren hinterlassen. Deutsch schüttelt den Kopf, ein Double springt für sie ein - eine Tschechin. Die lässt sich mehrfach in den Po beißen und betrachtet die Aufnahmen dann vergnügt auf dem Monitor.

Aufgeregt nimmt Deutsch den deutschen Regisseur Jo Baier beiseite: "Haben Sie nicht den dicken Pickel auf dem Po gesehen?" "Und wenn schon", erwidert Baier knapp. "In der Renaissance haben sich die Menschen wochenlang nicht gewaschen. Die hatten viele Pickel, sogar auf dem Hintern." Ein französisches Starlet, ein deutscher Regisseur, ein tschechischer Po, ein europäischer Film: "Henri 4", die fast 20 Millionen teure Adaption des zweibändigen, etwa 1500 Seiten starken Romans von Heinrich Mann.

Hollywood die Stirn bieten

Gerade hatte "Henri 4", der in dieser Woche in die deutschen Kinos kommt, auf der Berlinale Premiere. Die Reaktionen auf das fast 160 Minuten lange Historienepos waren verhalten. Es gab Buhrufe bei der Gala im Friedrichstadtpalast, das böse Wort vom "Euro-Pudding" machte die Runde. "Ein babylonisches Projekt", sagt die Produzentin Regina Ziegler. "Der Traum von einem gesamteuropäischen Film, der Hollywood Paroli bieten kann."

Diesen Traum träumen zurzeit ziemlich viele Menschen in Europa. Es gibt viele Fördertöpfe für multinationales Kino und länderübergreifende Koproduktionsabkommen. An "Antichrist", dem letzten Film des Dänen Lars von Trier, beteiligten sich mehr als 20 Produktionspartner aus sechs europäischen Ländern. Obwohl der Film in Nordamerika spielt, wurde er in Nordrhein-Westfalen gedreht, weil es dort viele Fördermittel gab.

Andererseits spielten die Filme Lars von Triers noch nie in Dänemark und noch nie in Nordamerika, sondern immer im Von-Trier-Land, in der bizarren Phantasiewelt des Regisseurs. Aber "Henri 4", dessen Vorlage Heinrich Mann Mitte der dreißiger Jahre auf der Flucht vor den Nazis im südfranzösischen Exil schrieb, spielt in einer konkreten Zeit und an einem konkreten Ort: im Frankreich der Glaubenskriege zwischen Protestanten und Katholiken.

Ist es da sinnvoll, die Innenaufnahmen vom Louvre in Prag zu drehen, weil man dort Statisten findet, die echte Zahnlücken haben, und Doubles, die sich in den Hintern beißen lassen? Warum eigentlich nicht? Hollywood dreht heute fast alle Filme, die im Südwesten der USA spielen, in New Mexico, weil es dort üppige Förderung gibt. Sogar der Oscar-Gewinner "No Country for Old Men" von den Coen-Brüdern entstand dort, obwohl die Handlung in Texas angesiedelt ist.

Den Louvre hätte man heute ohnehin nicht mehr in Paris drehen können, weil er im 16. Jahrhundert ganz anders aussah, kleiner und schäbiger, so wie das Prager Militärarchiv eben. Doch weil das Team in Prag keine Dächer findet, die denen von Paris ähneln, zieht es ins mittelfranzösische Bourges um, das etwa 250 Kilometer südlich von Paris liegt. Vor allem architektonische Details wie Giebel und Fenster werden hier gedreht. Die Aufnahmen werden später im Schnitt mit den Bildern vom tschechischen Louvre kombiniert.

Filmische Völkerverständigung

Der deutsche Kameramann Gernot Roll eilt über die Pflaster von Bourges, um noch vor Anbruch der Dunkelheit alle vorgesehenen Aufnahmen zu schaffen. Der Film ist nach den monatelangen Dreharbeiten in Tschechien nun endlich da angelangt, wo er spielt, in Frankreich, und doch wirkt das Team ein wenig wie Touristen auf der Jagd nach Schnappschüssen.

Die Einwohner von Bourges beobachten die umtriebigen Filmemacher etwas befremdet. "Ist doch klar", sagt Roll. "Stellen Sie sich vor, ein französisches Filmteam fiele in Worms ein, um einen Film über Barbarossa zu machen!" Am nächsten Tag werden auf einem Wasserschloss unweit von Bourges Szenen aus der Kindheit des Königs gedreht. Der zehnjährige Kristo Ferkic aus Schleswig-Holstein spielt den jungen Regenten. Die französischen Statisten lächeln, als er über das Set tobt und in einer Sprache redet, die sie nicht verstehen.

Jacques, Statist aus einem Nachbardorf, lädt Heu auf einen Pritschenwagen. Findet er es nicht bizarr, dass die Deutschen einen Film über Henri IV. drehen, den fortschrittlichen König, der 1598 im Edikt von Nantes die Religionsfreiheit gewährte und den Heinrich Mann in seinem Roman als sinnenfrohen Herrscher feierte? Jacques schüttelt den Kopf: "Wir Franzosen haben ja noch keinen großen Film über Henri IV. gedreht. So ist es eben, das neue Europa!"

Tatsächlich? Kann auf der Leinwand zusammenwachsen, was in der Realität nicht zusammen will? "Gesamteuropäisches Kino wirkt oft synthetisch", sagt Daniel Brühl ("Good Bye, Lenin!"), einer der wenigen deutschen Schauspieler, die europaweit bekannt sind. Brühl hat in britischen Filmen Polen gespielt, in französischen Filmen Ungarn und in spanischen Filmen Spanier.

In "Salvador" (2006) verkörperte Brühl, Sohn eines deutschen Vaters und einer spanischen Mutter, den katalanischen Revolutionär Salvador Puig Antich, der 1974 in Kampf gegen das Franco-Regime starb. "Der Produzent hoffte, dass der Film durch mich einen europäischen Appeal bekommt", erzählt Brühl. Tatsächlich war "Salvador" letztlich nur in Spanien erfolgreich und brachte Brühl eine Nominierung für die Goyas ein, die spanischen Filmpreise.

"Ich glaube nicht an einen Film, in dem ein deutscher, ein englischer und ein französischer Star zusammenspielen, inszeniert von einem spanischen Regisseur", meint der Berliner Produzent Stefan Arndt, der in dieser Woche zur Verleihung der Academy Awards reist, die am Sonntag in Los Angeles vergeben werden. Arndts Film "Das weiße Band" ist für den Auslands-Oscar nominiert. "Die Zuschauer wollen lieber kleine, regionale, authentische Geschichten erzählt bekommen", sagt er.

Eine wie in "Das weiße Band" eben. Der Film spielt am Vorabend des Ersten Weltkriegs in einem norddeutschen Dorf und entwirft eine beklemmende Welt provinzieller Enge. Und doch waren es Produzenten aus Frankreich und Österreich, die das Projekt möglich machten. "Ohne sie wäre der Film nie zustande gekommen", sagt Arndt. So gab es ein großes Gerangel um das Herkunftsland des Films, um seine nationale Identität, als "Das weiße Band" im letzten Jahr zum Festival von Cannes eingeladen wurde.

Ist es nun ein deutscher Film, weil seine Geschichte in Deutschland spielt und fast alle Schauspieler Deutsche sind? Oder ein französischer Film, weil der Großteil des Budgets aus Frankreich kommt? Oder gar ein österreichischer Film, weil der Drehbuchautor und Regisseur des Films, Michael Haneke, in Wien lebt? Aber ist Haneke nicht in Deutschland geboren und verbringt einen Großteil seiner Zeit in Paris? Nun segelt "Das weiße Band" jedenfalls bei den Oscars unter deutscher Flagge, als ein "Michael-Haneke-Film".



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