Filmjahr 2013 Fehler im System Hollywood

Dieses Jahr begann Hollywoods System der Eventfilme zu bröckeln. Stars wie Jennifer Lawrence sorgten zwar für volle Kassen, doch die TV-Konkurrenz wurde härter. Zum Glück gab es auch zwei Liebespaare, die uns den Glauben ans klassische Lichtspiel bewahrt haben. Was wir aus dem Kinojahr 2013 lernen können.

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Sandra Bullock in "Gravity": Hollywoods größter Lichtblick im Kinojahr 2013
Warner Bros.

Sandra Bullock in "Gravity": Hollywoods größter Lichtblick im Kinojahr 2013


1. Das Jahr, in dem Hollywoods Zeltstangen wackelten

Mit "Lone Ranger" landete Johnny Depp (links) den größten Flop seiner Karriere
Disney

Mit "Lone Ranger" landete Johnny Depp (links) den größten Flop seiner Karriere

Tent poles (Zeltstangen) heißen in den USA die Event-Filme mit Franchise-Potential, auf denen die Studios mittlerweile ihr Geschäft aufbauen. Das sind Superheldenfilme oder Blockbuster-Fortsetzungen mit Budgets von 100-Millionen-Dollar aufwärts, die sich meist nur rentieren, wenn der Hype groß genug ist, damit die Masse der Fans am ersten Wochenende in die Kinos rennt und mindestens die Hälfte des Budgets einbringt.

Dass mit diesem System ökonomisch etwas nicht stimmt, dämmerte den Studios schon 2012, als Disney mit "John Carter" unterging. 2013 erwischte es dann fast jedes Studio. Ob "Lone Ranger", "R.I.P.D.", "After Earth" oder "White House Down": Reihenweise sind in diesem Jahr tent poles gefloppt und haben selbst Stars wie Will Smith oder Johnnie Depp Verluste von bis zu 150 Millionen Dollar eingefahren.

Dass mit diesem System kreativ etwas nicht stimmt, hat Steven Soderbergh in seiner Brandrede kurz vor den Filmfestspielen in Cannes auf den Punkt gebracht. Sein Biopic über Liberace war den Studios selbst für eine Minimalinvestition von rund 3,5 Millionen Dollar zu riskant. Soderbergh konnte den Film nur für den Abo-Sender HBO realisieren. Wenig später erzählte Steven Spielberg am Rande eines Gesprächs mit Filmstudierenden ganz beiläufig, dass sein Oscar-prämierter Film "Lincoln" aus denselben Gründen sehr kurz davor gestanden habe, als HBO-Fernsehfilm zu enden.

Ein Hollywood, in dem selbst Steven Spielberg keine Filme mehr drehen kann? Vor diesem "new abnormal", wie es die ehemalige Filmproduzentin Linda Obst in ihrer exzellenten Analyse des Business genannt hat (siehe Buchtipp), muss man wirklich Angst haben.

2. Drei Frauen brachten trotzdem das Geld heim

Füllten die Kinokassen: Melissa McCarthy, Jennifer Lawrence, Sandra Bullock
20th Century Fox; Studiocanal; Warner Bros.

Füllten die Kinokassen: Melissa McCarthy, Jennifer Lawrence, Sandra Bullock

Jennifer Lawrence hat in diesem Jahr nicht nur einen Oscar als beste Hauptdarstellerin (für "Silver Linings") eingefahren, sondern auch schätzungsweise 500 Millionen Dollar - mit "Hunger Games 2 - Catching Fire". Sandra Bullock konnte mit "Gravity" ebenfalls einen wahren Blockbuster landen, der mindestens 400 Millionen Dollar Gewinn gemacht hat. Die heimliche Heldin des Box Office ist aber Melissa McCarthy. Der ehemalige Comedy-B-Promi hat nach seinem Durchbruch mit "Brautalarm" 2013 mit "Taffe Mädels" und "Voll abgezockt" gleich zwei hochprofitable Komödien gestemmt. Die drei dürften 2014 ihre eigene Liga bilden, was Gehaltsforderungen betrifft.

3. Es gibt nur sehr wenig, was Jennifer Lawrence nicht kann

Oscar-Gewinn, Box-Office-Triumph, Oscar-Gewinn, Box-Office-Triumph: Gut möglich, dass Jennifer Lawrence 2014 so weiter macht wie 2013. Für ihre Darstellung in "American Hustle" gilt sie schon jetzt als Favoritin für den Oscar als beste Nebendarstellerin. Außerdem steht mit "X-Men: Days of Future Past" die nächste Folge ihres zweiten (!) erfolgreichen Franchise an. Und wie das "New York Magazine" richtig bemerkte: Mit diesem Auftritt gewann Jennifer Lawrence auch den Met Ball in der New Yorker Oper.

Jennifer Lawrence springt beim Met Ball hinter Sarah Jessica Parker ins Bild
Getty Images

Jennifer Lawrence springt beim Met Ball hinter Sarah Jessica Parker ins Bild

4. Liebe braucht Zeit

Jesse und Céline, die dritte: "Before Midnight" mit Ethan Hawke und Julie Delpy
PROKINO

Jesse und Céline, die dritte: "Before Midnight" mit Ethan Hawke und Julie Delpy

Drei Stunden oder gleich drei Filme: Mit "Blau ist eine warme Farbe" und "Before Midnight", der dritten Zusammenarbeit von Richard Linklater, Julie Delpy und Ethan Hawke, zeigte das Kino, was für komplexe Bilder von Beziehungen es zu zeichnen vermag, wenn die richtigen Leute die richtige Menge an Zeit erhalten, um ihre Geschichten zu erzählen.

Dass bei beiden Filmen Regisseur und Hauptdarsteller so eng zusammengearbeitet haben und im Fall von "Blau ist eine warme Farbe" zum ersten Mal in der Geschichte von Cannes die Schauspielerinnen Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos gleichberechtigt mit Regisseur Abdellatif Kechiche die Goldene Palme gewannen, dürfte kein Zufall sein. Für herausragende Beziehungsfilme scheint es auch besondere Beziehungen zwischen den Kreativen zu brauchen.

5. Für die interessantesten US-Filme danken wir einer Frau

Megan Ellison: Mit ihrer Produktionsfirma Annapurna Pictures bestens im Geschäft
Getty Images

Megan Ellison: Mit ihrer Produktionsfirma Annapurna Pictures bestens im Geschäft

Für "Zero Dark Thirty" war sie in diesem Jahr für ihren ersten Oscar nominiert. Nächstes Jahr dürfte sie sich selbst die größte Konkurrenz sein: Megan Ellison hat nicht nur David O. Russells mehrfach für den Golden Globe nominierte Trickbetrüger-Farce "American Hustle", sondern auch Spike Jonzes bejubelten Beziehungsfilm "Her" produziert.

Das Feld bei den Oscars 2014 gilt nicht zuletzt dank der beiden Filme als so dicht, dass das ebenfalls hochgehandelte Drama "Foxcatcher" in die nächste awards season verschoben wurde - auch dieser Film wurde natürlich von Ellisons Produktionsfirma Annapurna Pictures verantwortet. Genauso übrigens wie "The Master" von Paul Thomas Anderson, "Spring Breakers" von Harmony Korine und "The Grandmaster" von Wong Kar-wai. Wer die Frau hinter diesen herausragenden Filmen ist? "Vanity Fair" hat ihr ein sehr lesenswertes Porträt gewidmet.

6. Und im Duell Kino gegen Fernsehen?

Joaquin Phoenix in Paul Thomas Andersons Meisterwerk "The Master"
ddp images/ Planet Photos

Joaquin Phoenix in Paul Thomas Andersons Meisterwerk "The Master"

Steht es unentschieden. Das Fernsehen mag epochale Dramen wie "Breaking Bad" (AMC) und grandiose Comedy wie "Arrested Development" auffahren können. Letzteres Format konnte zudem damit punkten, dass auf neuen Plattformen wie Netflix komplette Staffeln veröffentlicht werden und damit Raum für noch waghalsigere Erzählexperimente geschaffen ist.

Doch das Kino hatte 2013 die unvergesslichen Seherlebnisse "Gravity" und "The Master" zu bieten. Beide Filme erzählten aufwühlende Geschichten von menschlicher Isolation und fanden dafür die perfekte technische Umsetzung - "Gravity" mit überwältigender 3-D-Technik, "The Master" mit wunderschönem 70-Millimeter-Filmmaterial. Mit ersterem Film erwies sich das Kino als zukunftsweisend, mit zweiterem als geschichtsbewusst. Und zusammengenommen ergaben sie die zwei besten Gründe dafür, seine Zeit nicht nur mit dem Anlegen eines halblegalen Netflix-Accounts zu verbringen - sondern weiterhin ins Kino zu gehen.

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insgesamt 55 Beiträge
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Nevis 27.12.2013
1. Putzig
Zitat von sysop20th Century Fox; Studiocanal; Warner Bros.Mega-Budgets, Riesenflops: 2013 war das Jahr, in dem Hollywoods System der Eventfilme zu bröckeln begann. Stars wie Jennifer Lawrence sorgten zwar für volle Kassen, doch die Konkurrenz durchs TV wurde härter. Zum Glück gab es auch noch zwei Liebespaare, die uns den Glauben ans Kino bewahrt haben. http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmjahr-2013-jennifer-lawrence-lone-ranger-und-megan-ellison-a-940600.html
Putzig der Versuch am Ende des Artikels, Kino schönzureden. Vom kreativen Anspruch her ist Kino momentan tot. Aber sowas von!!!! Allerdings war der Kinofilm schon öfters tot. Vielleicht schafft er es ja auch diesmal wieder, irgendwie aus diesem Loch herauszukommen. Aber im Vergleich zu den aktuellen Serienhits sieht Kino einfach nur verdammt alt aus. Und dann noch die Preise!!! Geht mal mal zu zweit ins Kino. Kommen noch ein paar Getränke und etwas Popcorn dazu, legt ihr ganz schnell 40 Euro oder sogar noch mehr hin. Total plemplem! Ne Leute, Kino ist momentan tot! Und es gibt keine ernsthaften Grund, sich einen total überteuerten Kinoabend anzutun. Sich daheim einen Film anzuschauen, kommt genauso gut. Wenn nicht sogar noch besser! Und wer wirklich gut unterhalten werden will, der greift gleich zu einer der neueren Serien.
Phil41 27.12.2013
2. optional
meiner meinung nach kann keine rede davon sein, dass es unentschieden zwischen kino und serien steht. es wird nur EINE großartige, "epochale" serie genannt (braking bad). hier gibt es weitere serien wie "house of cards", "game of thrones", "boardwalk empire", "once upon a time", "arrow", "person of interest", "the walking dead", "falling skies". diese liste könnte man noch sehr viel weiter ausbauen. serien haben das kino überholt, alleine schon, da bei serien eine viel stärkere und langfristigere charakter-/storyentwicklung möglich ist. mag sein, dass serien nicht mit den spezialeffekten des kinos mithalten können, muss aber auch nicht sein. mittlerweile hat man alles an möglichen spezialeffekten gesehen und es langweilt nur noch und ist meistens sowieso zuviel. der stellenwert von serien lässt sich ja auch sehr gut an einer der erfolgreichsten filmfranchises aufzeigen. die marvelcomicverfilmungen sind jetzt auch in serie gegangen ("Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D.")und es ist sicherlich nur noch eine frage der zeit bevor hier mehr gaststars als nur samuel l. jackson auftreten...
rxzlmn 27.12.2013
3. So ein Blödsinn
Lone Ranger, RIPD, und After Earth (!) waren einfach grauenhaft schlechte Filme, und deshalb Flops. Das passiert dauernd, das trotz superhohem Budget und angeblich so tollen Stars der Film einfach nur schlecht ist. Wurden die anderen Blockbuster einfach aussen vor gelassen, damit die Theorie des Autors passt?
bssh 27.12.2013
4. Überraschung?
Nein. Wenn nur noch das Geld zählt, der Film eher Mittel zum Zweck ist, dann kommt sowas dabei heraus. In Hollywood und bei den großen Filmfirmen geben nicht mehr Filmbegeisterte den Ton an, sondern austauschbare Manager, denen das Medium Film herzlich egal ist. Macht nichts, es kommen trotzdem immer wieder gute Filme heraus, und es muss ja nicht Hollywood sein. Die Erfahrungen von Soderbergh sind allerdings für das Hollywood-Kino ein Alarmzeichen.
Tim_D 27.12.2013
5. Stimmt nicht
Zitat von NevisPutzig der Versuch am Ende des Artikels, Kino schönzureden. Vom kreativen Anspruch her ist Kino momentan tot. Aber sowas von!!!! Allerdings war der Kinofilm schon öfters tot. Vielleicht schafft er es ja auch diesmal wieder, irgendwie aus diesem Loch herauszukommen. Aber im Vergleich zu den aktuellen Serienhits sieht Kino einfach nur verdammt alt aus. Und dann noch die Preise!!! Geht mal mal zu zweit ins Kino. Kommen noch ein paar Getränke und etwas Popcorn dazu, legt ihr ganz schnell 40 Euro oder sogar noch mehr hin. Total plemplem! Ne Leute, Kino ist momentan tot! Und es gibt keine ernsthaften Grund, sich einen total überteuerten Kinoabend anzutun. Sich daheim einen Film anzuschauen, kommt genauso gut. Wenn nicht sogar noch besser! Und wer wirklich gut unterhalten werden will, der greift gleich zu einer der neueren Serien.
Kino ist genauso dämlich wie immer. Tot ist es nicht. Die Kinosäle sind nach wie vor brechend voll. Alleine der Hobbit hat wieder Millionen Kinobesucher gelockt und damit wieder Heidengewinne generiert. Und das bei einem Ticketpreis von 15 €. Und es stimmt, wenn man zu zweit ins Kino geht ist man locker 50 € los. Man könnte den Ticketpreis auf 20 € erhöhen und trotzdem würden die Menschen in Scharen die Kinos stürmen. So sind wir Menschen nun mal.
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