Filmkomödie "Actrices" Traurige Tortenschlacht

Erfolgreich, talentiert - und frustriert: Die französische Schauspielerin und Regisseurin Valeria Bruni-Tedeschi inszeniert in "Actrices" kunstvoll ihre eigene Midlife-Crisis. Herausgekommen ist eine charmante und selbstironische Komödie im besten Woody-Allen-Stil.

Von Jenny Hoch


Ein echter Fürst hätte schon drin sein können, befindet die Frau Mama über die verpassten Heiratschancen ihrer Tochter Marcelline. Zusammen mit einer verknitterten Tante hechelt die resolute Alte genüsslich das Liebesleid der Jungen durch. Vielleicht sollte sie sich doch noch den verflossenen Lover Jean schnappen? Dass der inzwischen verheiratet ist und Zwillinge hat, stört die pragmatischen Damen nicht: "Geh hin, schlaf' mit ihm", empfehlen sie.

Doch Marcelline geht lieber in die Kirche. Dort schickt sie ein dramatisches Stoßgebet zu einer eher unbeteiligt dastehenden Statue der Mutter Gottes: "Heilige Jungfrau, gib mir einen Ehemann und ein Kind. Und ich verzichte auf Ruhm und Ehre!" So einfach ist das natürlich nicht, deshalb macht die Unglückliche notgedrungen erstmal das weiter, was sie am besten kann: Als Schauspielerin auf der Theaterbühne all die Leidenschaften und Sehnsüchte durchleben, die ihr in der Realität versagt bleiben.

Diese kurzen Szenen genügen der Regisseurin Valeria Bruni-Tedeschi, um auf herrlich leichte und unangestrengte Weise die Themen ihrer stark autobiografisch gefärbten Tragikkomödie "Actrices …oder der Traum aus der Nacht davor" zu skizzieren: Karriere, Kind und Kirche. Diese drei Ks beherrschen das Denken und Fühlen der gefeierten Theaterschauspielerin Marcelline, gespielt von Bruni-Tedeschi selbst, so sehr, dass sie in eine waschechte Midlife Crisis rutscht und ihr bisheriges Leben grundsätzlich in Frage stellt.

Marcelline ist einsam, sie hat kein Kind - und sie wird demnächst 40. Das ist ziemlich nah dran am Leben der Regisseurin, die selbst 43 Jahre alt ist, unverheiratet und kinderlos und die über ihren Film sagt, er sei "eine Mischung aus Erlebten und Erfundenem". Außerdem hat Marcelline, ebenso wie Bruni-Tedeschi, mit den Dämonen ihres übermächtigen Familien-Clans zu kämpfen: Im Film ist das der Geist des geliebten toten Vaters, der ihr in einer einsamen Minute erscheint und die allzu reale, weil sich überall einmischende Mutter (gespielt von Bruni-Tedeschis Mutter Marisa Borini), die für ihre verdruckste Tochter nur Beschimpfungen und gute Ratschläge übrig hat.

Im wahren Leben ist Valeria Bruni-Tedeschi die Tochter eines inzwischen verstorbenen schwerreichen italienischen Großindustriellen und einer Konzertpianistin. Außerdem ist sie die große Schwester einer gewissen Carla, die ihr regelmäßig die Schau stiehlt: Früher stand die Jüngere als internationales Topmodel und als erfolgreiche Sängerin im Rampenlicht. Jetzt drängelte sich die Schöne pünktlich zur Frankreich-Premiere von "Actrices" auf spektakuläre Art und Weise in den Vordergrund: Sie ehelichte flugs den Präsidenten und stieg unter beispiellosem Medienecho zur Première Dame der Republik auf.

Für die grüblerische Valeria blieb immerhin das Lob der Kritiker und die Tatsache, sich mit ihrer schüchternen, introvertierten Art einen soliden Ruf als Spezialistin für ernsthafte Frauengestalten erarbeitet zu haben. Die Figuren, die sie bei Regie-Größen wie Patrice Chéreau, Claude Chabrol, Francois Ozon und unter ihrer eigenen Regie gespielt hat, berührten stets in ihrer Verlorenheit und bewahrten doch immer eine anmutige Würde.

In ihren eigenen Filmen - vor "Actrices" brachte sie 2003 ihr hoch gelobtes Debüt "Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel" ins Kino - arbeitet Valeria Bruni-Tedeschi sich lustvoll an ihrer eigenen Familiengeschichte ab. Natürlich stets augenzwinkernd und mit einer gewissen "inspiration woodyallénienne", wie der "Le Monde"-Kritiker ihren selbstreferenziellen Regiestil umschrieb.

Tatsächlich kommt "Actrices" in manchen Szenen der Komik Woody Allens ziemlich nahe. Denn so wie stets in den Filmen des Altmeisters, stammen auch ihre Figuren aus privilegierten Verhältnissen und drehen sich mit ihren Neurosen und Ängsten um sich selbst. Der Unterschied ist nur, dass bei Bruni-Tedeschi die derart gemarterten Sensibelchen nicht zum Psychologen gehen, sondern in die Kirche.

Und so spielt Bruni-Tedeschi die Marcelline in unvorteilhaften Klamotten und mit brüchiger Stimme als Alter Ego Woody Allens: Im Vorbeigehen fleht sie einen Priester an, ihr ein Kind zu machen, auf einer Theaterprobe weigert sie sich mit der Begründung "Mein Körper erträgt das nicht!", ein grünes Kleid anzuziehen und als sie mit ihrem mediokren, tyrannischen Regisseur (Mathieu Amalric) aneinandergerät, schreit sie theatralisch: "Sie hindern mich daran, zu leben!" Das geht so lange weiter, bis die Theater-Kollegen ihre Allüren nicht mehr ertragen, und ihr einer entnervt eine Torte ins Gesicht klatscht.

Die Stärke des Films ist, dass es selbst nach der Torten-Schlacht keinen moralischen Sieger gibt. Es gehört zur großen Kunst dieser Schauspielerin und Regisseurin, dass es ihr gelingt, diese Ich-bezogene, überspannte Diva im richtigen Moment trotzdem sympathisch erscheinen zu lassen. Valeria Bruni-Tedeschi nimmt sich selbst niemals zu ernst, sondern entwirft mit "Actrices" ein ironisches und zugleich trauriges Selbst- und Künstlerporträt, in dem Theater und Leben, Realität und Fiktion oft nicht mehr auseinander zu halten sind.



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