Religionskomödie Gott, du mieser, alter Sack!

Schon die Nase voll von weihnachtlicher Besinnlichkeit? Dann ist die Filmpolemik "Das brandneue Testament" genau das Richtige für Sie: Gott ist hier ein übler Zeitgenosse, der Spaß daran hat, den Menschen das Leben schwer zu machen.

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Wie Gott in Frankreich zu leben, das kann man sich leicht vorstellen. Vor einem pittoresken Landhaus in der Sonne sitzend, mit einem Glas Rotwein in der Hand und einem aromatischen Weichkäse in Griffnähe. Aber wie Gott in Belgien? Dafür liefert Jaco Van Dormael mit seinem Film "Das brandneue Testament" die Bilder: Mit Frau und prä-pubertierender Tochter in einer schmucklosen Hochhauswohnung in Brüssel ohne nennenswertes Tageslicht und stets mit einem schmuddeligen Bademantel bekleidet - so lebt Gott in Belgien.

Gott ist hierbei - wie so vieles in dieser herrlichen Komödie - wörtlich zu verstehen: Der übellaunige Mann (Benoît Poelvoorde), der seine Familie bemerkenswert schlecht behandelt, ist in der Tat der Mann, der die Geschicke der Menschheit lenkt. Er tut dies von einem alten Computer aus, der in einem fensterlosen Arbeitszimmer steht. Vor allem tut er dies aber mit jeder Menge Boshaftigkeit. Tagein, tagaus überlegt er sich, wie er die Menschheit weiter drangsalieren könnte - und veranlasst so zum Beispiel als göttliches Gesetz, dass Marmeladebrote immer auf die Marmeladenseite fallen und dass man immer in der langsameren Schlange ansteht.

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"Das brandneue Testament": Leben nach Herzenswünschen
Allerdings hat Gott wie jeder herrschsüchtige Vater Scherereien mit den Kindern: Sein Sohn Jesus Christus hat sich bereits aus dem Staub gemacht, nun wagt auch noch Tochter Éa (Pili Groyne) den Aufstand gegen die wirklich übermächtige Vaterfigur. Mithilfe ihres Bruders (er ist halt ein Erlöser) flieht sie aus der hermetisch abgeriegelten Götterabsteige in die reale Welt. Vorher schleicht sie sich aber noch an den Computer des Vaters und "leakt" sein größtes Geheimnis. Jeder Mensch auf Erden erhält eine SMS, in der ihm der Zeitpunkt seines Todes auf die Minute genau mitgeteilt wird. Die Folge der "Death Leaks" ist eine Welt, in der selbst die Gläubigen nicht mehr darauf hoffen können, dass ihnen Frömmigkeit und/oder Gottes Wohlwollen ein langes Leben beschert. Wenn Sense ist, ist halt Sense.

Das Ende ist nah? Dann her mit dem Gorilla!

Wie wohl alle guten Atheisten empfinden Van Dormael ("Toto der Held") und sein Co-Autor Thomas Gunzig dieses Szenario überhaupt nicht als bedrohlich. Bei ihnen bedeuten die "Death Leaks" vielmehr Befreiung: Wer weiß, dass sein Tod bald bevor steht, lässt den Stift fallen und ward nie mehr bei seiner Arbeit gesehen. Heimlich Liebende offenbaren sich ihren Angebeteten. Transsexuelle trauen sich endlich, ihre wahre Geschlechteridentität zu leben.

In diesen Momenten offenbart sich die ernsthafte, ja ergreifende Seite von "Das brandneue Testament". Der Film zeigt, wie selten Menschen ihr Leben nach ihren Herzenswünschen gestalten und wie groß das Glück ist, wenn sie es denn endlich wagen. Dass dieses Glück für eine von Catherine Deneuve gespielte Frau darin besteht, mit einem Gorilla ins Bett zu springen, zeigt andererseits, dass Van Dormael im Zweifelsfall die derbe Pointe der honorigen Botschaft vorzieht.

Aber das ist ja nicht das Schlechteste für eine Komödie. Im Gegenteil, Van Dormael kennt kein Zögern, wenn es um die filmische Umsetzung der naheliegendsten Gedanken in Sachen Religion geht. Beispiele dafür seien hier nicht genannt, denn ein großer Teil des Spaßes von "Das brandneue Testament" liegt in der Überrumpelung, die Van Dormael ein ums andere Mal mit seiner Buchstäblichkeit gelingt. Kombiniert mit einer unaufgeregten Bildersprache (Kamera: Christophe Beaucarne), die dem teils groben Humor zart-melancholische Grauabstufungen entgegensetzt, hält "Das brandneue Testament" genau die Balance zwischen Polemik und Poesie - mithin ein Geschenk für wirklich die ganze Filmfamilie.

Im Video: Der Trailer zu "Das brandneue Testament"

Das brandneue Testament

Originaltitel: Le tout nouveau testament

Belgien, Frankreich, Luxemburg 2015

Regie: Jaco van Dormael

Drehbuch: Thomas Gunzig, Jaco van Dormael

Darsteller: Benoît Poelvoorde, Yolande Moreau, Catherine Deneuve, François Damiens, Laura Verlinden, Serge Larivière, Didier de Neck

Verleih: NFP

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Start: 3. Dezember 2015

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
vox veritas 03.12.2015
1. Gott?
Um welchen Gott geht es hier genau? Um den aus der Bibel oder um den aus dem Koran? Es sollte ja eigentlich ein und der selbe Gott sein, aber wenn es um Kömodien oder Religionskritik geht, hat man schnell den Endruck es geht immer nur um den "christlichen" Gott, weil der eher vergibt.
spon_3139848 03.12.2015
2.
Der Trailer verspricht einiges. Ich werde mir den Film wohl mal angucken.
spon_2937981 03.12.2015
3. vox veritas
Ich denke doch, dass 'alle Götter' gleichmäßig vergeben. Bei den Gläubigen hingeben gibt es vermutlich Unterschiede. Spielte dieser Film im muslimischen Umfeld, würde ich ihn nicht im Kino ansehen, sondern nur zuhause, wo die Terrorgefahr gering ist...
a-mole 03.12.2015
4.
Zitat von vox veritasUm welchen Gott geht es hier genau? Um den aus der Bibel oder um den aus dem Koran? Es sollte ja eigentlich ein und der selbe Gott sein, aber wenn es um Kömodien oder Religionskritik geht, hat man schnell den Endruck es geht immer nur um den "christlichen" Gott, weil der eher vergibt.
ist doch egal... am ende alles das gleiche.. nur die Anhänger machen daraus eine spitzfindigkeit
condor99 03.12.2015
5.
Ja genau, der ist der A... mit dem Brennglas überm Ameisenhaufen. Und der Gott ist immer der gleiche egal mit welchem Namen er gerade angerufen wird.
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