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Filmkomödie mit Ricky Gervais: Lügen funktioniert. Ehrlich!

Von Daniel Haas

Er hat Kultserien wie "The Office" und "Extras" erfunden, aber kann Ricky Gervais auch eine Kinoromanze drehen? Und auch noch eine mit philosophischem Überbau? Kann er: "Lügen macht erfinderisch" ist ein kleiner feiner Film über das große Thema Moral.

"Lügen macht erfinderisch": Wahrhaftig moralisch Fotos
Universal Studios

Was würden Sie sagen, wenn der Kellner Ihre Bestellung mit den Worten aufnimmt: "Ich bin ein Versager, darum arbeite ich hier." Oder wenn die Bankbeamtin am Schalter erklärt: "Lieber würde ich als Stripperin jobben, aber dafür bin ich zu hässlich." In der Welt von Ricky Gervais' Film "Lügen macht erfinderisch" nähmen Sie daran nicht weiter Anstoß, weil Sie es gewohnt wären, dass alle immer die Wahrheit sagen. Die Idee der Lüge - als Verschleierung, Verdrehung oder Leugnung der Tatsachen - wäre Ihnen in existentieller Weise fremd.

Vielleicht bedurfte es eines Komikers - Gervais erfand das "Stromberg"-Vorbild "The Office" -, um aus dieser philosophischen Prämisse erzählerisches Kapital zu schlagen. Natürlich ist ein Dasein, in dem niemand lügt und alle, selbst die Werber, die Wahrheit sagen (Slogan für Pepsi: "Wenn Sie mal keine Cola kriegen"), ein Witz. Wir wären kaum lebensfähig ohne ein gewisses Maß an Unehrlichkeitskosmetik unserer Verhältnisse. Radikale Offenheit ist pathologisch, sie boykottiert das soziale Gefüge, das zwischen Konventionen und Eigeninteressen immer wieder ausbalanciert werden muss.

Wenn es nun aber keine Alternative zur Wahrheit gibt, wird die Entblößung zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit. Begriffe wie Kränkung oder Beschämung entfallen, weil doch nur einfach artikuliert wird, was ist. Man könnte dieses Szenario als schreckliches Paradies bezeichnen: Die Menschen bewegen sich in taktloser Unschuld durch ihr Leben, in dem ein brutaler Realismus waltet.

Klar, dass in diesem Kosmos die Kunst einen schweren Stand hat. Kinofilme zum Beispiel sind einfach nur abgelesene Drehbücher zu historischen Ereignissen, die mal mehr, mal weniger suggestiv geschrieben sind. Eine Verdoppelung der Realität mit Darstellern und Kulissen wäre eine artistische Lüge - und damit nicht vorstellbar.

Geburt der Unwahrheit aus dem Geist des Trosts

Mark Bellison (Gervais) ist Verfasser solcher Scripts, aber weil seine Arbeit über die Pest im 14. Jahrhundert durchfällt, wird er gefeuert. Auch sein Date mit der hübschen Anna (Jennifer Garner) verläuft entsprechend schlecht: Schon vor den Cocktails sagt sie ihm, dass sie nicht mit ihm schlafen werde und er aufgrund seiner Genetik nicht als Partner für sie in Frage komme.

Und dann muss dieser Underdog mit ansehen, wie seine Mutter stirbt, geplagt von der Angst vor einem gestaltlosen Nichts. Als solches muss sich eine lügenlose Welt die Ewigkeit nämlich denken: Es gibt ja keine Mythologie, die den leeren Raum jenseits unserer Erfahrung mit Geschichten und Ideen ausstaffieren würde.

Es gehört zur humanistischen Signatur dieses kleinen großen Films, dass er die Geburt der Lüge an diesen Moment existentieller Bedrängnis koppelt. Bellison erfindet am Krankenbett eine Geschichte: Im Himmel lebe ein Mann, der richte alles zum Besten. Alle bekämen schöne Häuser, man träfe seine Freunde wieder, wäre guter Dinge und hätte keine Schmerzen. Das Paradies als Kleinbürgeridyll, aber was für eine kulturelle Großtat damit einhergeht: die Geburt der Metaphysik (und der Dramaturgie) aus dem Geist des Trostes.

Gervais wäre nicht der gewiefte Spaßmacher, der er ist, würde er das absurde Potential dieses Kniffs nicht ausspielen: Der Held wird zum Religionsstifter, weil selbstverständlich alle mehr wissen wollen über den Mann im Himmel. Was sind seine Gebote? Wie können wir gut leben? Und wenn wirklich alle Eigenheime kriegen, kann man dann seines auch verkaufen und mit einem andern zusammen ziehen?

Der Lügner als Verkünder letzter Wahrheiten

Bellison, der einzige Lügner in einer Welt von ehrlichen Arglosen, wird als Sprachrohr Gottes zum Medienstar, aber die geliebte Anna will ihn trotzdem nicht. Sie glaubt nach wie vor fest an das Programm einer genetisch kompatiblen Fortpflanzung und in dieser Hinsicht ist der snobistische Schönling Brad (Rob Lowe) einfach die bessere Wahl.

Könnte ihr Bellison nicht eine Lüge auftischen? Sagen, dass die Kinder von stupsnasigen Dickerchen und schönen Frauen laut wissenschaftlichen Tests überragend attraktiv sein werden? Man würde ihm ja glauben, es wäre in der Logik der lügenlosen Welt nur eine weitere neue Wahrheit.

Bellison lügt Anna nicht an, und da erweist sich Regisseur und Drehbuchautor Gervais ein weiteres Mal als konsequenter Moralist. So wie wir das Leiden am Dasein mildern dürfen durch die Lügen der Kunst, mit ihren trostreichen Entwürfen des Anderen, so müssen wir dem Nächsten gegenüber ehrlich bleiben, wenn er am verletzlichsten ist: wenn er liebt.

Und so gelingt dem Film ein stimmiger Kommentar zu einem Problem, an dem sich Denker und Dichter, aber auch wir Alltagsnaturen immer wieder abarbeiten: an der Vermittlung von Ästhetik und Ethik, von der Lüge, die immer Gestaltung verlangt. Und der Wahrheit, die Mut erfordert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
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1. Schuster bleib bei Deinen Leisten
Herzkasper, 08.07.2010
Zitat von sysopEr hat Kultserien wie "The Office" und "Extras" erfunden, aber kann Ricky Gervais auch eine Kinoromanze drehen? Und auch noch eine mit philosophischem Überbau? Kann er: "Lügen macht erfinderisch" ist ein kleiner feiner Film über das große Thema Moral. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,705145,00.html
Klare Antwort: Nein ! Man merkt, das Ricky Gervais in Liebesromanzen fremdelt und sich nicht ganz wohl in seiner Haut fühlt. Das Problem mit seinem neuen Film ist, dass die Charaktere alle samt unsympathisch herüberkommen. Jennifer Garner entpuppt sich als oberflächliches Dummerchen, die der Wahrheit liebe nicht davor zurückschreckt in abscheulichster Weise ihre Mit(unter)menschen zu beleidigt als ob es kein Zwischending zwischen Wahrheit und Unwahrheit gäbe. Schon mal etwas von Liebenswürdigkeit und Höflichkeit gehört, Mr Gervais??? Es ist ein Unterschied ob man ein wahrheitsliebender Mensch ist oder einfach nur alles um sich herum der Wahrheit zu liebe beleidigt und entwürdigt. Man merkt bei seinen amerikanischen Ausflügen, dass der eigentliche Kopf, Steve Merchant mit seinen witzigen und doppelschichtigen Dialogen überall im Script vermisst wird. Gervais ist immer dann gut, wenn er Tabus bricht, wie Rassismus, Homophobie, der Umgang mit Behinderten usw und so fort... Deshalb waren die Serien The Office und Extras sowohl in den Staaten als auch in Großbritanien ein grosser Erfolg.
2. ...
Celegorm 08.07.2010
Zitat von HerzkasperKlare Antwort: Nein ! Man merkt, das Ricky Gervais in Liebesromanzen fremdelt und sich nicht ganz wohl in seiner Haut fühlt. Das Problem mit seinem neuen Film ist, dass die Charaktere alle samt unsympathisch herüberkommen. Jennifer Garner entpuppt sich als oberflächliches Dummerchen, die der Wahrheit liebe nicht davor zurückschreckt in abscheulichster Weise ihre Mit(unter)menschen zu beleidigt als ob es kein Zwischending zwischen Wahrheit und Unwahrheit gäbe. Schon mal etwas von Liebenswürdigkeit und Höflichkeit gehört, Mr Gervais??? Es ist ein Unterschied ob man ein wahrheitsliebender Mensch ist oder einfach nur alles um sich herum der Wahrheit zu liebe beleidigt und entwürdigt. Man merkt bei seinen amerikanischen Ausflügen, dass der eigentliche Kopf, Steve Merchant mit seinen witzigen und doppelschichtigen Dialogen überall im Script vermisst wird. Gervais ist immer dann gut, wenn er Tabus bricht, wie Rassismus, Homophobie, der Umgang mit Behinderten usw und so fort... Deshalb waren die Serien The Office und Extras sowohl in den Staaten als auch in Großbritanien ein grosser Erfolg.
Das ist in der Tat ein wenig störend an dem Film, respektive steht mit der eigentlichen Prämisse nicht wirklich in Einklang. Denn die Unfähigkeit zur Lüge impliziert ja keineswegs ein zwanghaftes Aussprechen jeder Wahrheit, selbst wenn gar nicht danach gefragt wurde. Statt einer Zivilisation ohne Lügner wird also eher eine Gesellschaft von völligen Soziopathen porträtiert. Macht das Ganze zwar augenscheinlicher, aber verliert entsprechend viel an Subtilität und Charme. Merkwürdig ist aber auch, dass einmal mehr ein Film gewissermassen als Neuerscheinung dargestellt wird obwohl er schon 9 Monate auf dem Buckel hat.
3. schönheitsfehler am rande
görch 08.07.2010
die erfindung der lüge findet nich am sterbebett der mutter, sondern schon vorher beim abheben seines letzten geldes vom konto ab. insofern ist der verweis auf die koppelung mit existenzieller bedrängnis nicht so offensichtlich wie im artikel dargestellt, obschon sie in der genannten szene natürlich am deutlichsten hervortritt..
4. So funktioniert das aber nicht
avollmer 08.07.2010
Zitat von HerzkasperKlare Antwort: Nein ! Man merkt, das Ricky Gervais in Liebesromanzen fremdelt und sich nicht ganz wohl in seiner Haut fühlt. Das Problem mit seinem neuen Film ist, dass die Charaktere alle samt unsympathisch herüberkommen. Jennifer Garner entpuppt sich als oberflächliches Dummerchen, die der Wahrheit liebe nicht davor zurückschreckt in abscheulichster Weise ihre Mit(unter)menschen zu beleidigt als ob es kein Zwischending zwischen Wahrheit und Unwahrheit gäbe. Schon mal etwas von Liebenswürdigkeit und Höflichkeit gehört, Mr Gervais??? Es ist ein Unterschied ob man ein wahrheitsliebender Mensch ist oder einfach nur alles um sich herum der Wahrheit zu liebe beleidigt und entwürdigt. Man merkt bei seinen amerikanischen Ausflügen, dass der eigentliche Kopf, Steve Merchant mit seinen witzigen und doppelschichtigen Dialogen überall im Script vermisst wird. Gervais ist immer dann gut, wenn er Tabus bricht, wie Rassismus, Homophobie, der Umgang mit Behinderten usw und so fort... Deshalb waren die Serien The Office und Extras sowohl in den Staaten als auch in Großbritanien ein grosser Erfolg.
Es gibt kein Zwischending zwischen Wahrheit und Unwahrheit. Eine Aussage ist entweder wahr oder eben nicht. Genauso wie bei einem Computer ein Bit entweder an oder aus ist, dazwischen gibt es nicht. Unterhalten Sie sich mal mit einem Menschen, der das Asperger-Syndrom hat, sie werden über kurz oder lang das Gefühl bekommen einem Menschen aus Gervais Film gegenüber zu sitzen. Fragen Sie nur nach dessen ehrlicher Meinung ob sie schön sind. Sie erhalten umgehend eine Aufzählung aller sichtbaren Makel, mit dem wahrscheinlichen Fazit äußere Schönheit gebe es bei Menschen nicht.
5. Heuchelei
Hercules Rockefeller, 16.07.2010
Zitat von HerzkasperKlare Antwort: Nein ! Man merkt, das Ricky Gervais in Liebesromanzen fremdelt und sich nicht ganz wohl in seiner Haut fühlt. Das Problem mit seinem neuen Film ist, dass die Charaktere alle samt unsympathisch herüberkommen. Jennifer Garner entpuppt sich als oberflächliches Dummerchen, die der Wahrheit liebe nicht davor zurückschreckt in abscheulichster Weise ihre Mit(unter)menschen zu beleidigt als ob es kein Zwischending zwischen Wahrheit und Unwahrheit gäbe. Schon mal etwas von Liebenswürdigkeit und Höflichkeit gehört, Mr Gervais??? Es ist ein Unterschied ob man ein wahrheitsliebender Mensch ist oder einfach nur alles um sich herum der Wahrheit zu liebe beleidigt und entwürdigt. Man merkt bei seinen amerikanischen Ausflügen, dass der eigentliche Kopf, Steve Merchant mit seinen witzigen und doppelschichtigen Dialogen überall im Script vermisst wird. Gervais ist immer dann gut, wenn er Tabus bricht, wie Rassismus, Homophobie, der Umgang mit Behinderten usw und so fort... Deshalb waren die Serien The Office und Extras sowohl in den Staaten als auch in Großbritanien ein grosser Erfolg.
Liebenswürdigkeit und Höflichkeit sind aber nur dann dankenswert, wenn sie ehrlicher Natur sind. Alles andere schürt nur Agressionen. Denn der Film zeigt es ja ganz gut, selbst ohne Heucheleien gehen sich die Leute nicht an die Gurgel. Weil eben jeder, vom versagenden Moppel bis hin zum Überflieger auf allen Ebenen sagen kann und darf, was er denkt und fühlt. In unserer Welt der Zwischendinger verbieten sich das fast alle-und erst das macht Versagen schlimm. Weil man es ja eigentlich niemandem sagt und selbst Versager sich das nicht eingestehen können, weil man ja höflich zu sich selbst ist-und tatsächlich in höchstem Maße unhöflich.
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Lügen macht erfinderisch

USA 2009

Originaltitel: "The Invention of Lying"

Regie: Ricky Gervais, Matthew Robinson

Buch: Ricky Gervais, Matthew Robinson

Darsteller: Ricky Gervais, Jennifer Garner, Jonah Hill, Louis C.K., Rob Lowe, Tina Fey

Produktion: Lin Pictures/Lynda Obst Productions/Media Rights Capital

Verleih: Universal

Länge: 100 Minuten

Start: 8. Juli 2010

Offizielle Website zum Film



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