Komödie "Zoran - mein Neffe, der Idiot" Der Typ ist ein Arsch. Und er bleibt es

In der Komödie "Zoran - mein Neffe, der Idiot" muss sich ein alkoholsüchtiger Zyniker um einen seltsamen 15-Jährigen kümmern. Dann begreift er, wie er aus dem Jungen Kapital schlagen kann. Ein guter Film über einen miesen Menschen.

Von Daniel Sander


Paolo hat seine besten Jahre hinter sich, wobei es unwahrscheinlich ist, dass er jemals gute Jahre gehabt hat. Er ist fett und ungepflegt und säuft den ganzen Tag Wein. Er verachtet seinen Job in der Küche eines Altenheims fast so sehr wie die Alten selbst, und überhaupt verachtet er so ziemlich alle Menschen in seinem kleinen Dorf im nordöstlichen Zipfel Italiens: die Polizisten, die ihn ständig wegen Trunkenheit am Steuer schnappen wollen; seinen netten Kollegen Ernesto, dem er alle eigenen Fehltritte während der Arbeit unterschiebt; den Chef der Dorftaverne, der täglich Paolos miese Laune ertragen muss; und vor allem natürlich den neuen Mann seiner Exfrau, der ihm aus Mitleid den Job besorgt hat und Paolo sonntags immer zum Mittagessen einlädt. Nur seine Exfrau selbst verachtet er nicht, was sich dadurch ausdrückt, dass er ihre Unterwäsche klaut, wenn er bei ihr zu Besuch ist.

Ein verbitterter Mann mittleren Alters, dem dämmert, dass sein Leben verhunzt ist, der aber nicht einsehen will, dass dafür nur er selbst verantwortlich ist. Er könnte einem leidtun, wenn es wenigstens den Hauch eines Anzeichens gäbe, dass da ganz tief drin womöglich doch ein halbwegs anständiger Kerl schlummern könnte. Aber in Paolo (Giuseppe Battiston) schlummern nur Hass, Selbstmitleid und schlechte Laune.

Fotostrecke

5  Bilder
Komödie "Zoran – mein Neffe, der Idiot": Ein Albtraum für alle
Es gehört Mut dazu, so einen Menschen zur Hauptfigur eines 108-minütigen Spielfilms zu machen, denn nicht alle Kinozuschauer verbringen ihren Abend gerne mit einem zynischen Ekel. Viele werden aussteigen, wenn Paolo einen trockenen Alkoholiker aus purer Gemeinheit zum Trinken verführt; noch ein paar mehr, wenn er die Urne mit der Asche seiner gerade verstorbenen Tante aus dem fahrenden Auto wirft. Warum sollte man diesem Unmenschen wieder und wieder eine Chance geben?

Weil es in "Zoran - mein Neffe, der Idiot" vom italienischen Regisseur Matteo Oleotto zum Glück noch Zoran (Rok Prasnikar) gibt, den Neffen. Der ist ein 15-jähriger Slowene, sehr schüchtern, sehr lieb und leicht autistisch, also mit Sicherheit niemand, der auch nur in Paolos Nähe gelassen werden sollte. Aber er ist elternlos und der Enkel von Paolos toter Tante, und damit dessen nächster Verwandter. Weswegen er ein paar Tage bei seinem Onkel aus der Hölle verbringen muss, bevor ein Platz im Heim frei wird.

Onkel aus der Hölle

Ein Albtraum für beide Parteien. Doch dann stellt sich heraus, dass Zoran ein Talent zum Dartspielen hat, und Paolo wittert die letzte Chance, seinem traurigen Leben doch noch zu entkommen: ein paar Tage trainieren, dann auf zur Dart-Meisterschaft nach Schottland, 50.000 Pfund abräumen, Neffen im Heim abgeben, abhauen. Das bedeutet aber auch, dass er nun wirklich Zeit mit dem Jungen verbringen muss, statt ihn den ganzen Tag in der Dorfkneipe versauern zu lassen. Und Zoran - nicht gerade begeistert von der Heimidee - versucht, die Gelegenheit zu nutzen, um Paolos steinernes Herz doch noch irgendwie weich zu kriegen.

Genauso gut könnte man versuchen, die Venus von Milo nur mit einem Zahnstocher zu meißeln, aber das ist auch das Schöne an diesem Film: Er weigert sich, die Wege zu gehen, die Filme dieser Art sonst immer gehen und längst ausgetreten haben. Normalerweise müsste Paolo spätestens zu diesem Zeitpunkt erste Hinweise auf eine versteckte gute Persönlichkeit herausrücken, damit man sich darauf einstellen kann, dass aus der ungleichen Paarung eine rührende Freundschaft entstehen darf. Bei Paolo aber gibt es allenfalls eine winzig kleine Möglichkeit, dass er nicht vollkommen verloren ist. Das wirklich Rührende daran ist, wie unglaublich bedeutsam diese Erkenntnis für einen Menschen wie Paolo ist - jemanden, den so viel Dunkelheit umgibt, dass schon ein Funken Hoffnung wie ein gleißendes Flutlicht wirkt.

Regisseur Oleotto nimmt sich manchmal etwas viel Zeit für seine Geschichte und lässt seine Hauptfigur vor allem am Anfang zu dick auftragen. Aber hat man sich erst mal mit Paolo arrangiert, fällt auch auf, was das für ein wundervoll melancholisches, leise amüsantes und vor allem ehrliches kleines Kinokunstwerk geworden ist, das ihn umgibt. Ein guter Film über einen schlechten Menschen, so einfach ist das.


Filmangaben:
Zoran - mein Neffe, der Idiot. Start: 19.6. Regie: Matteo Oleotto. Mit Giuseppe Battiston, Rok Prasnikar, Marjuta Slamic.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jejeo 19.06.2014
1. Lehrfilm über falsche Toleranz
Komme gerade aus dem Film. Irgendwie kennt jeder irgendeinen Typen der immer nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. jeder bemüht sich dann immer tolerant zu sein und den eigentlich netten Kerl zu finden. Auch im Film versucht jeder mit Offenheit und Entgegenkommen den Typen doch noch umgänglich zu bekommen. Aber er nutzt jeden nur aus. Am Ende des Films ist dann allerdings Schluss mit der Toleranz und sagt ihm ehrlich, wie asozial er eigentlich ist und das er endlich mal selbst die Klappe hält. Erst auf die harte Tour dämmerts ihm langsam. Ein Film der deutlich zeigt, dass Toleranz und stetiges Verständnis und Zurückweichen gegen Intoleranz und Borniertheit keine Chance hat.
mischnik 20.06.2014
2. falsche Interpretation
Da hat jemand den Film nicht verstanden: Paolo ist keineswegs ein Arschloch, sondern eine Stütze unserer Gesellschaft. Laut unseren Vordenkern sind wir alle egoistisch. Hätte Paolo Erfolg würde man ihn einen Leistungsträger nennen und für sein Verhalten belohnen. Paolo muss in seinem Verhalten gefördert werden, da Egoismus die Triebfeder unserer Gesellschaft ist. Eine Bestrafung ist wieder die Natur des Menschen und hemmt den Fortschritt unserer Gesellschaft. Stattdessen wird hier wieder nur dem hinderlichen Gutmenschentum gefröhnt. Laut dem Kapitalismus. Man könnte aber auch einfach mal unsere Gesellschaft und unsere Elite mit ihren Experten in Frage stellen. Ich vermute aber, so weit wird der Film nicht gehen. Das würde die Geldgeber verschrecken.
tüttel 21.06.2014
3. Nützlicher und schädlicher Egoismus
Zitat von mischnikDa hat jemand den Film nicht verstanden: Paolo ist keineswegs ein Arschloch, sondern eine Stütze unserer Gesellschaft. Laut unseren Vordenkern sind wir alle egoistisch. Hätte Paolo Erfolg würde man ihn einen Leistungsträger nennen und für sein Verhalten belohnen. Paolo muss in seinem Verhalten gefördert werden, da Egoismus die Triebfeder unserer Gesellschaft ist. Eine Bestrafung ist wieder die Natur des Menschen und hemmt den Fortschritt unserer Gesellschaft. Stattdessen wird hier wieder nur dem hinderlichen Gutmenschentum gefröhnt. Laut dem Kapitalismus. Man könnte aber auch einfach mal unsere Gesellschaft und unsere Elite mit ihren Experten in Frage stellen. Ich vermute aber, so weit wird der Film nicht gehen. Das würde die Geldgeber verschrecken.
Natürlich ist Egoismus eine Triebfeder der Gesellschaft. Aber nur insoweit, wie er eben tatsächlich Stütze der Gesellschaft und nicht schädlich ist - nur insoweit, wie sich Eigennutz im Nutzen für andere realisiert - Grundprinzip des (funktionierenden) Marktes, der Kultur und Gesellschaft. Man muß also unterscheiden zwischen nützlichem, produktivem und schädlichem, zerstörerischem Egoismus. Letzterer destruktiver Egoismus zerstört auf Dauer ohnehin auch seinen Urheber - weil sich Erfolg in Wirtschaft und Kultur usw. überwiegend und dauerhaft nur mit dessen Wert und Nutzen für andere realisiert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.