Filmkomponist Marc Streitenfeld Vom Olympiadorf auf den Hollywood-Olymp

Karriere wie im Kino: Der Münchner Marc Streitenfeld zog nach dem Abitur auf gut Glück nach Hollywood - und ist heute ein ganz Großer im Filmmusikgeschäft. Jetzt kam Ridley Scotts "Der Mann, der niemals lebte" in die Kinos - mit dem Soundtrack des Autodidakten.

Von Jenny Hoch


Amerikas Filmfabrik Hollywood und das Münchner Olympiadorf haben normalerweise etwa so viel miteinander zu tun wie "Sex and the City" mit der guten alten "Lindenstraße". Doch als Hollywood sich doch einmal mit den zugigen Häuserburgen im Münchner Norden beschäftigte, sorgte das für viel Aufregung in der ansonsten beschaulichen Siedlung: Vor drei Jahren brachte Steven Spielberg "München", eine Rekonstruktion des Olympia-Attentats von 1972 in die Kinos. Und weil Spielberg wollte, dass sein Film so authentisch wie möglich wirken sollte, versetzte er seinen Film mit Originalaufnahmen aus dem Münchner Olympiadorf. Man sah einen vermummten palästinensischen Terroristen auf dem tristen Beton-Balkon der Wohnung stehen, in der die israelischen Sportler untergebracht waren. Man sah die Eingangtür und das gesamte Gebäude - das heute noch ganz genauso aussieht wie damals.

Wenn dagegen Marc Streitenfeld Hollywood verlässt, um ins Olympiadorf zu kommen, geschieht das eher im Stillen. Aufsehen ist ihm zuwider. Außerdem will Streitenfeld hier keinen Film drehen, er will nach Hause. Auf das Gebäude in der Conollystraße 31, in dem die Geiselnahme damals stattgefunden hat, hat er 19 Jahre lang jeden Tag geguckt. Denn er wohnte mit seiner Familie direkt gegenüber.

Einmal, mit 17, bekam er deswegen sogar Ärger mit der Polizei. Die Beamten hatten am Jahrestag des "München-Massakers", wie die blutig endende Geiselnahme in der internationalen Presse genannt wird, vor dem Gebäude Stellung bezogen und hielten den schmalen, dunkelhaarigen und unrasierten Jungen mit seinem großen Gitarrenkoffer für verdächtig. Also nahmen sie ihn vorübergehend fest und filzten ihn von oben bis unten.

Damals war Gitarrespielen sein Ein und Alles, er übte jeden Tag nach der Schule fünf bis sechs Stunden und träumte von einer Karriere als Rockmusiker. Für das grausame Attentat interessierte sich der Gymnasiast eher weniger.

Im engen Zirkel der Hollywood-Größen

Heute, 17 Jahre später, steht Marc Streitenfeld vor einer ganz großen Hollywood-Karriere als Filmkomponist. Die Musik für Steven Spielbergs "München"-Film hat er zwar nicht geschrieben, den Job hat John Williams erledigt, aber so abwegig wäre das gar nicht gewesen. Schließlich arbeitet der 34-Jährige eng mit dem ebenfalls sehr prominenten Blockbuster-Regisseur Ridley Scott zusammen. Und im engen Zirkel der Hollywood-Größen kennt jeder jeden.

Eben ist Streitenfeld auf dem Filmfestival von Gent von der Crème der internationalen Filmkomponisten als "Entdeckung des Jahres" ausgezeichnet worden. Für ihn kam die Ehrung überraschend: "Ich war völlig geschockt und habe erstmal kein Wort herausgebracht", sagt der Musiker.

Zuletzt hat Streitenfeld die Musik für Scotts Terror-Thriller "Der Mann, der niemals lebte" mit Leonardo DiCaprio und Russell Crowe geschrieben und aufgenommen, in Deutschland ist er vergangene Woche in die Kinos gekommen. Nach "American Gangster" (2007) und "A Good Year" (2006) ist das bereits seine dritte Zusammenarbeit mit dem Starregisseur. "Ridley ist extrem offen für jede Idee, die ich musikalisch habe und weiß trotzdem immer genau, wohin es gehen soll", begründet Streitenfeld sein Faible für den britischen Regisseur, der mit Filmen wie "Alien" (1979), "Blade Runner" (1982) und "Gladiator" (2000) extrem erfolgreiche Genre-Klassiker schuf.

Dass es Streitenfeld aus dem bescheidenen Münchner "Olydorf", wie die Bewohner ihre Hochhäuser und Flachbauten noch immer liebevoll nennen, ganz nach oben auf den Hollywood-Olymp geschafft hat, ist die Geschichte eines märchenhaften Aufstiegs, der locker das Zeug zu einem erfolgreichen Drehbuch hätte. Es ist eine deutsch-amerikanische Version der Biografie eines jungen Mannes, der auszog, um in der Fremde sein Glück zu machen. Und der durch Talent, Ausdauer und Fleiß das geschafft hat, wovon andere nur träumen können.

Marc war 19, als er seinen sicheren Platz bei der Deutschen Journalistenschule absagte, seinen Rucksack packte und beschloss, in den USA seinen Traum, Musiker zu werden, zu verwirklichen. Während seine Freunde Universitäten besuchten und Ausbildungen machten, um in soliden Jobs Karriere zu machen, flog er mit nichts als einer vagen Zusage des Freundes eines Freundes nach L.A., er könne bei dem berühmten Filmkomponisten Hans Zimmer vielleicht ein Praktikum machen.

Doch als er dort vorsprach, beschied man ihm mürrisch, sein Tipp-Geber sei schon vor Wochen rausgeflogen. "Keine besonders gute Referenz", sagt Streitenfeld heute. Aber er gab nicht auf, und irgendwann bot ihm Zimmer einen - unbezahlten - Job als Assistent des Assistenten an. Vier Jahre lang arbeitete sich Marc Schritt für Schritt nach oben, er arbeitete sieben Tage die Woche, oft bis tief in die Nacht und schlief in billigen Absteigen, bis er schließlich zum wichtigsten Helfer des Oscar-Gewinners aufstieg.

Unbeeindruckt vom Hollywood-Hype

Doch anstatt seine Position weiter auszubauen und zu versuchen, den Erfolg krampfhaft festzuhalten, stieg der vielversprechende Nachwuchskomponist aus - einfach so. Packte seine Sachen und reiste monatelang in der Welt umher und fotografierte. Und hätte sein Mentor Hans Zimmer ihm nicht just in dem Moment, in dem er völlig pleite war, einen Job bei der Filmmusik von "Mission: Impossible II" angeboten, wäre er wohl nicht der Erfolgsmusiker, der er heute ist.

Das ist typisch für Marc Streitenfeld: "Man muss den Mut haben, etwas zu wagen", sagt er, "und wenn man so jung ist, wie ich damals, dann kann man es sich auch erlauben, sich einfach mal treiben zu lassen und nicht zu viel an die Zukunft zu denken". In seinem Fall bedeutet das vor allem: Sich von dem ganzen Hollywood-Hype nicht verrückt machen zu lassen.

Von Deutschland aus betrachtet, lebt Streitenfeld heute ein glamouröses Leben: Er ist mit unzähligen Hollywood-Größen per Du, Rockstars, Schauspieler und Regisseure zählen zu seinem Freundeskreis. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin und Regisseurin Julie Delpy, pendelt er zwischen Los Angeles und Paris. Für den Musiker ist das dennoch kein Grund, abzuheben: "Ich gehe nicht auf irgendeine Party, nur weil es wichtig ist, da hinzugehen. Da gehe ich lieber wandern oder treffe Freunde."

Pathos? Nein Danke!

In seiner Arbeit geht er ähnlich kompromisslos vor und nimmt nur Jobs an, die ihn wirklich interessieren: "Ich kann nicht auf Knopfdruck kreativ sein und würde nie nur für Geld an einem ansonsten belanglosen Action- oder Animationsfilm arbeiten", sagt Streitenfeld. Seiner Musik hört man die Leidenschaft und Mühe, die dahinter steckt, auch deutlich an.

Für "Der Mann, der niemals lebte" schuf er einen einprägsamen, die spannende Handlung vorantreibenden, aber niemals pathetisch überhöhten Sound. "Klar könnte ich leicht in Klischees verfallen und in emotionalen Momenten noch mal extra draufdrücken, aber das kommt für mich nicht in Frage", sagt der Musiker. So hat er in mühevoller Kleinarbeit mit Streichern und unzähligen anderen Instrumenten vielschichtige, an fernöstliche Musik angelehnte Melodien und Rhythmen geschaffen. "Bei mir kommt nichts aus der Dose oder dem Sampler", erklärt Streitenfeld sein aufwändiges Konzept.

Wie es weitergeht? Dass er die Musik für Scotts Robin-Hood-Projekt "Nottingham" machen wird, hat er neulich am Telefon mit "Ridley" besprochen, doch wurden die Dreharbeiten erst einmal verschoben. Eilig hat es Marc Streitenfeld sowieso nicht. Er kann sich auch vorstellen, Musik für kleine Autorenfilme zu komponieren: "Das entspricht sowieso mehr meinen Interessen".

Aber erst einmal ist Weihnachten. Da wird Marc wie immer nach Hause fahren und schauen, ob sich das Leben seiner Familie und Schulfreunde verändert hat - darauf, dass das Olympiadorf noch immer genauso aussieht, wie in seiner Kindheit, kann er sich auf jeden Fall verlassen.



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