Beziehungskomödie "Am Hang" Eine Frau zum Anbeten

Willkommen in der Bürgermärchenwelt! Die exquisiten Schauspieler Martina Gedeck, Henry Hübchen und Max Simonischeck führen in der Bestseller-Verfilmung "Am Hang" ein süffisantes Dreiecksspiel vor Alpenpanorama auf. Das ist so gediegen, man hält's kaum aus.


Es gibt sie noch, die handgezwirbelten Wort-Duelle. Sagt der eine Herr: "Sie glühender Verfechter der großen Liebe!" Erwidert der andere Gentleman: "Die Liebe braucht nicht verfochten zu werden, genauso wenig wie die Sonne. Sie ist da, oder sie ist nicht da." Der Film "Am Hang", der zu größeren Teilen an einem Restauranttisch mit Seeblick in der schönsten Ecke der schönen Schweiz spielt, bietet praktisch ausschließlich solche Dialoge wie aus dem Manufactum-Katalog.

Immerhin sehen die beiden Männer, die da mit vierschrötig melodramatischen Sätzen aufeinander einreden, ganz normalmenschlich aus. Der Schauspieler Henry Hübchen, ein eigentlich mit Schnodderschnauze gesegneter Charmeur von großer komödiantischer Strahlkraft, trägt das graue Haupthaar oft verstrubbelt und bekommt aus völlig nichtigen Gründen wunderbare Wutanfälle. Sein Zufallsbekannter, der von Max Simonischek gespielt wird, ist ein junger Scheidungsanwalt und macht sehr elegant auf Frauenflüsterer und Schnösel, während ihm die Selbstbegeisterung nur so aus den Augen blitzt.

Nobel-geschmackvolle Bürgermärchenwelt

Und während die beiden Helden so über die Frauen an sich und im Besonderen philosophieren - der Jüngere schwärmt besonders von einer verheirateten Geliebten namens Valerie, der Ältere trauert um seine offenbar abhandengekommene Gattin Bettina -, dämmert den Beteiligten so langsam eine verblüffende Erkenntnis: Es handelt sich bei den beiden Sehnsuchtsdamen in Wahrheit um ein und dieselbe Frau.

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Literaturverfilmung "Am Hang": Männer, die auf Knien rutschen

Wir Kinozuschauer wissen das schon länger, weil die Erzählungen der beiden Herren im Restaurant in Rückblicksequenzen ausgemalt werden, in denen Martina Gedeck herumstakst wie eine Frauengestalt aus gründlich verwehter Uroma-Zeit: mit wehmütig gekräuseltem Schmunzelmund, waidwundem Blick und sehr madamiger Geruhsamkeit selbst im Lotterbett mit dem Geliebten.

"Am Hang" ist eine Literaturverfilmung des Schweizer Regisseurs Markus Imboden, spielt angeblich in der Gegenwart - und ist doch ein Kinoausflug in eine nobel-geschmackvolle Bürgermärchenwelt, die garantiert so nie existiert hat. Die Buchvorlage trägt den gleichen Titel, stammt von dem 1944 geborenen Schweizer Schriftsteller Markus Werner und war im Jahr 2004 ein Erfolg bei Kritikern und Lesern.

Der Reiz des Kampfes zweier Männer, den Werner beschrieb, entstand daraus, dass er das Geheimnis um die Frau im Mittelpunkt erst sehr spät lüftete - und aus dem altertümlich steifen Deutsch, das die beiden Helden sprachen. Sehr verschroben und merkwürdig hochtrabend wurde da palavert über Liebesmoral und Pornografie, Treue und Tod. In seiner Rezension für den SPIEGEL pries der Kritiker Marcel Reich-Ranicki herzlich amüsiert den "Hokuspokus dieses Erzählers".

Schauspielerfest im Alpenpanorama

In der Filmversion setzt Markus Imboden nun ganz entschieden auf die Zauberkunst der Darsteller. Das ist einerseits nicht verkehrt, weil es hochvirtuos ist, wie sich Hübchen und Simonischek charmieren und belauern und bekämpfen; nach und nach legen die Männer bei ihren Begegnungen am Restauranttisch ihre Hemmungen ab und steigen hinterher jeweils alkoholbeschwingt einen steilen Berg zur Ferienwohnung des jungen Anwalts hinauf, wo der Alte dem Jungen bald gefährlich auf die Pelle rückt.

Andererseits lässt der Regisseur die Darstellerin Martina Gedeck (die Imbodens Lebensgefährtin ist) in den Rückblickszenen eine Heiligenfigur vorführen, deren Anziehungskraft auf die beiden Männer nicht im Mindesten plausibel wird. Nicht für Sex und Leidenschaft und Herzschmerz ist diese Madonna der Schweizer Bourgeoisie gemacht, sondern allenfalls als Objekt frommer Anbetung für Männer, die auf Knien rutschen.

So gerät "Am Hang" zu einem Schauspielerfest im Alpenpanorama, bei dem sich der Zuschauer oft fühlt wie ein ungebetener Gast. Hübchens lustige psychopathische Raserei, Simonischeks heiter gelassener Schwerenöter-Schick, Gedecks freundlich verschmockte Verzagtheit werden prachtvoll exerziert - und ergeben leider keine Geschichte.

Dafür redet man bis zum Schluss sehr handgeschliffen, kunstgedrechselt und heimgezwirbelt daher. Wie sagt Henry Hübchens Figur einmal? "Die Ehe ist mir Heimat gewesen." Das klingt skurril schön. Noch schöner wäre es gewesen, hätte uns dieser Film auch gezeigt, was er damit meint.



insgesamt 2 Beiträge
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imangelsdorf 02.12.2013
1. Mir hat das nicht gefallen
Als literaturbegeistertem Menschen hab ich mir den Film angetan- hätte ich doch Spiegel online vorher gelesen! 3 unsympatische Protagonisten - das im Beriiner Tonfall alkoholgeschwängerte Gelabere des Herrn Hübchen endete nie und Martina Gedeck hat so geguckt, als wußte sie sch0n die ganze Zeit, dass das ein blöder Film wird. So harrte ich bis zum finalen Schuss aus - gebracht hat es nichts außer Unmut und Zorn.
Anton12353 15.06.2014
2. Verstehe einer die Frauen
Mir hat der Film obwohl emphohlen auch nicht gefallen. 1. Überflüssig vom Buch abweichende Dramatisierungen wie Retten vor vermeintlichem Selbstmord, westernmäßiger Pistolenschuss und Knast. 2. Cholerische Ausbrüche von Hübchen, aber auch von seiner Frau, als sie trübsinnig im Bad sitzt und der Liebhaber einmal zuviel fragt, ob er ihr helfen kann, das ist theatralisch und ebenso vorhersehbar wie in real life unglaubwürdig. 3. Die "Frau" erklärt ihrem Mann ihr Verhalten damit, dass sie ihn zu sehr geliebt habe, das ist ungefähr so logisch wie der Vorwurf eines prügelnden Mannes an seine Frau, sie wäre selber schuld daran und zwänge ihn dazu.
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