Filmkritik "Auf Messers Schneide - Rivalen am Abgrund" - Gefrorene Klischees

Männer kämpfen nach Flugzeugabsturz ums Überleben und um eine schöne Frau in der kalten Wildnis Alaskas.

Von Cristina Moles Kaupp


Nichts Neues: Zwei Männer kämpfen um eine Frau. Dieses Mal zwingt sie das Drehbuch (David Mamet) in eine menschenleere Arena: in die kalte Wildnis Alaskas. In diese perfekte Kulisse hat es ein Team von Mode-Photographen verschlagen - sie paßt zu gut zum neuen Ethno-Look, den der kurvenreiche Starkörper Mickey, Supermodell Elle MacPherson, inszenieren darf. Eine Schönheit in Federn und Fell, die klassische Beute. Sie gewinnt dadurch an Reiz, daß sie bereits verheiratet ist mit dem wesentlich älteren Multimillionär Charles Morse. Anthony Hopkins spielt den komischen Kauz, der so gar nicht das gängige Bild eines Schwerreichen erfüllen will. Er gibt sich sensibel, introvertiert, ist aber allem und jedem überlegen. Ständig hinter einem Buch verschanzt, als sei es Schutzschild und Tor zu einem anderen Leben zugleich, hat er sich ein immenses Wissen angeeignet und nutzt jede Gelegenheit, das zu demonstrieren. Welch Triumph, diesen Mann auszubooten, ihn um Millionen und Weib zu erleichtern! Zwar hätte Photograph Robert Green (Alec Baldwin) das nicht nötig, jung und erfolgreich wie er ist, wäre da nicht sein fast krankhafter Ehrgeiz und die Lust andere zu erniedrigen. Dem Egozentriker ist nie etwas in den Schoß gefallen, also hat er gelernt, mit allen Mitteln zu kämpfen.

Alt gegen jung, Intellekt gegen verschlagen dumpfes Begehren - damit die Rollenverteilung nicht nur aus Schwarz-Weiß-Kontrasten besteht, müssen die Kontrahenten ihren wahren Charakter in Extremsituationen beweisen. Green, dessen Assistent Stephen und Morse stürzen mit ihrem Flugzeug in die eisigen Fluten eines Sees, können sich retten und sind nun auf sich gestellt. Leider scheint Mamet selbst bisher wenig Erfahrungen mit der freien Natur gesammelt zu haben und baut auf allerlei Pfadfindertricks zur Bestimmung von Himmelsrichtungen, dem Umgehen üblicher Survival-Fallen. So werden ausgerechnet Büroklammern zu Kompaßnadeln, während das Moos an den Bäumen und der Stand der Sonne keine Beachtung finden. Unverdrossen stapfen die Männer im Wasser herum, als gäbe es nicht die Pein nasser Schuhe. Harte Jungs zwingt eben nichts in die Knie, weder Kälte noch Hunger. Morse entdeckt den Indianer in sich, auch wenn die praktische Umsetzung seines theoretischen Wissens noch reichlich Übung verlangt.

Als zu allem Übel ein menschenfressender Zodiak-Bär aus dem Dickicht bricht und Stephen verschlingt, beginnt ein Überlebenskampf, der die Männer ihre Rivalität zunächst vergessen läßt. Bart, "der Bär", kann zwar den an sich drögen Film nicht retten, verhilft ihm jedoch zu jeder Menge Action. Letztlich ist die Faszination für das wilde Tier größer als das Interesse an symbolüberfrachteten Bildern und den pseudo-tiefsinnigen Männergesprächen, die doch nur fadenscheinige Erklärungen dafür liefern, weshalb gewisse Männer auf ihr langweiliges Machogehabe nicht verzichten können.



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