"Certain Women" mit Kristen Stewart Risse bis in intimste Schichten

"Certain Women" erzählt von vier Frauen in der Weite Montanas, mit dabei: Michelle Wiliams und Kristen Stewart. Vom Staraufkommen sollte man sich aber nicht täuschen lassen. Der Episodenfilm ist einmalig subtil und genau.

Peripher

Wenn die Anwältin Laura (Laura Dern) beim Gefängnisbesuch ihres verurteilten Mandanten gegen Ende des Films zwei Papiertüten mit Milkshakes auf den Tisch stellt, diese in Erwartung des Besuchten vom Rand der Tischplatte in deren Mitte schiebt, sie dicht nebeneinanderlehnt, um sie sogleich wieder etwas auseinander zu stellen, dann steht mit diesen kleinen Gesten genau das auf dem Spiel, worum es in "Certain Women" geht: um die Art, wie und unter welchen Umständen sich Menschen begegnen, um die feingliedrige Aushandlung ihrer Beziehungen, die dort, wo sie beruflich sind, immer schon ins Private ausfransen und dort, wo sie privat sind, auch immer schon ins Berufliche.

Menschliche Interaktionen sind bei Kelly Reichardt, der im Moment wahrscheinlich scharfsinnigsten Independent-Regisseurin der USA, immer offene Geschehen abseits sozial vorgegebener Beziehungsgefüge. Was in ihren Filmen - etwa in "Wendy and Lucy" oder "Night Moves"; in "Certain Women" aber ganz besonders - zwischen Menschen in Gang kommt und geschieht, muss man vielleicht gerade deshalb tiefgründig, ja, intim, nennen, weil all das in Schichten stattfindet, die sich begrifflich nicht fixieren lassen, etwa als professionelles Verhältnis zwischen Anwältin und Klient.

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"Certain Women": Das zwischenmenschliche Gefüge

Zu Beginn wird Laura eines Nachts von der Polizei gerufen; besagter Klient (Jared Harris) hat sich nämlich aus Zorn auf seinen betrügerischen Arbeitgeber mit einer Geisel in einem Bürogebäude verschanzt. Irritiert folgt sie, die den wütenden Mann zur Ruhe bringen soll, der Aufforderung eines Polizisten, den Mantel abzunehmen, um sich eine schusssichere Weste umschnallen zu lassen. Sie hebt die Arme, fragt, ob das wirklich nötig sei, lässt sich dann die Weste um den Körper binden und betritt das Gebäude.

Auch hier sind es das gestische Spiel von Laura Dern, die unscheinbaren Reaktionen, die Mikrodramatik der Lagebesprechung auf dem Parkplatz vor dem Bürogebäude, die das Verhältnis zwischen Laura und ihrem Klienten einspannen - und es gehört zu den großen inszenatorischen Qualitäten Reichardts, dass sie von menschlichen Beziehungen so umfassend erzählen kann, ohne dafür mehr zu benötigen als das gestische Spiel mit zwei Takeaway-Papiertüten und einer kugelsicheren Weste.

Neben Laura und ihrem Klienten erzählt Reichardt, auf der Basis von Kurzgeschichten von Maile Meloy, in zwei weiteren, getrennten Episoden von "Certain Women", also gewissen Frauen. Da ist Gina (Michelle Williams), die zusammen mit ihrem Mann Ryan ein Haus bauen will. Zu diesem Zweck will sie einem älteren Herren in der Nachbarschaft die hübschen Sandsteine abkaufen, die der im Garten herumliegen hat. Und da sind die Juristin Elizabeth (Kristen Stewart) und die Bäuerin Jamie (Lily Gladstone), die sich in einer von Elizabeth geleiteten Fortbildungsklasse für Schulrecht kennenlernen.

Beide haben sich gewissermaßen in diese Abendklasse verirrt. Elizabeth, weil sie sich gar nicht in Schulrecht auskennt und den Lehrauftrag nur aus Angst um ihre berufliche Zukunft angenommen hat, und Jamie, weil sie es nicht länger aushält, mehr Zeit mit Tieren als mit Menschen zu verbringen. Für kurze Zeit wird es für die beiden Routine, nach dem Unterricht zum Abendessen ins Diner zugehen. Doch ihre Beziehung ist asymmetrisch, das zeigt sich schon an den Bestellungen, die sie aufgeben, wie Elizabeth ihren Burger eher zersägt als zerschneidet, während Jamie nur ein Getränk vor sich hat, von dem sie gar nicht trinkt, weil sie gebannt Elizabeth beobachtet. Und es zeigt sich auch an den etlichen Parkplatzszenen, in denen es zum Abschied kommt, in denen es immer Elizabeth ist, die zurücklässt, und es immer Jamie ist, die zurückbleibt.

Auch hier sind wieder Beziehungen, die zwischen dem Beruflichen, Geschäftlichen und dem Privaten oszillieren und die eben jene Zwischenräume und Zwischenzeiten aufschließen, in denen sich dieser Film, flankiert von der schönen Ödnis Montanas, den angeschneiten Bergen im Hintergrund und den weiten grau-braunen Fernsichten der nördlichen USA, entfaltet. In der ersten Einstellung sehen wir aus der Weite einen gewaltigen Güterzug auf uns zurollen, der bald, wenn er im Bildzentrum ankommt, das Panorama zerreißt und damit von vornherein eine Topologie des Durchgangs entwirft, einen Raum, in dem es weniger darum geht, wo eine Bewegung hinzielt, als darum, wie sie in Gang ist.


"Certain Women"

USA 2016
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Kelly Reichardt nach Kurzgeschichten von Maile Meloy
Darsteller: Michelle Williams, Kristen Stewart, Laura Dern, Lily Gladstone
Produktion: Film Science, Stage 6 Films
Verleih: Peripher
FSK: ab 0 Jahren
Länge: 107 Minuten
Start: 2. März 2017


Rissig wie dieses Bild am Anfang wird eine Situation einmal ganz besonders: Gina und Ryan sitzen bei ihrem Nachbarn Albert im Wohnzimmer, um über die Sache mit den Sandsteinen zu sprechen. Sie duzen ihn zwar, scheinen ihn aber dennoch nicht so recht zu kennen - eine fantastische Szene, in der die Kommunikation zwischen den dreien aus dem Ruder läuft, in der nicht mehr klar ist, ob es um nachbarschaftliches Ersuchen oder geschäftliches Anfragen geht, ob um Freundschaft oder Business, bis sich Ginas Gesicht irgendwann zu einem hilflosen Lachen verzieht.

Fast wird ihr Gesicht zur Grimasse, zu einem Ausdruck des Kontrollverlusts über die Vielstimmigkeit des Zwischenmenschlichen. Dieses Gesicht, das sich aus den feinen Zügen von Michelle Williams weniger herausarbeitet als herausbricht, ist das äußerste Eskalationsniveau, das in dieser Welt erreicht wird - und man kann sich denken, wie präzise diese Welt in ihrer mimischen und gestischen Feingliedrigkeit entworfen ist, wenn so ein Gesicht sie schon aus ihren Fugen löst.


Im Video: Der Trailer zu "Certain Women"

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"Certain Women" ist wie ein Abtasten der Welt nach solchen rissigen Stellen; es geht weniger um die harten Bruchlinien, an denen sich das Leben bahnbrechend ins Drama dreht, sondern eher um die Stellen im zwischenmenschlichen Gefüge, an denen die Membrane dünner und durchlässiger werden, an denen menschliche Beziehungen eben intim werden.

An diesen Stellen ist die Welt empfindlich, an ihnen lagern Melancholie und Anspannung, Frust und Erschöpfung, aber auch Empathie und Hoffnung - und gerade weil es an diesen Stellen so ambivalent und eigensinnig, so einmalig im gegenwärtigen US-Independent-Kino zugeht, ist ein bestimmter Moment im Film, der nämlich, in dem wir Elizabeth und Jamie nach der Schulstunde gemeinsam auf einem Pferd in Richtung eines Diners reiten sehen, seit Langem wahrscheinlich der schönste seiner Art.

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3daniel 02.03.2017
1. Nach der Rezension
dachte ich mir hmmm, IMDB wahrscheinlich 6.8 ist aber 6.6 in einer Rezension weiter unten stand (von einem geschrieben der den Film einfach nicht verstanden hat): an elderly lady shuffled out behind us and said, "I don't mean to blow my own horn, but I have a Ph.D. in English Literature. And STILL I can't figure out what that movie was about! Do you?" So it wasn't just me. Kann sich jeder selbst einen Reim drauf machen. Ich muss aber gestehen das ich vor einiger Zeit Synecdoche, New York gesehen habe und den KANN man nicht auf Anhieb verstehen er ist aber trotzdem genial.
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