Film über Langzeitbeziehungen Kann das Glück ein Leben lang halten?

Zwischen gekacheltem Ehebett, Bonsaibäumchen und indischen Kastengrenzen: Die ebenso komische wie berührende Doku "Nacht der Nächte" erzählt von vier Paaren, die seit über 50 Jahren zusammen sind.

Concorde

Von Britta Schmeis


Die wohl traurigsten Sätze stammen aus Japan. "Ich habe die Liebe aufgegeben. Ich war nicht in der Position, eine Liebesbeziehung zu führen", sagt Shigeko Sugihara mehr als 60 Jahre, nachdem ein Vermittler ihre Hochzeit mit dem wohlhabenden Bauernsohn Isao eingefädelt hat. Trotzdem bleiben die beiden verheiratet - bis zu Isaos Tod. Harte, entbehrungsreiche und stumme Jahre liegen dazwischen. Als alter Mann sagt Isao, diese schmächtige, kleine, stets gebückt gehende Gestalt, unter Tränen: "Ich hätte früher nett zu ihr sein müssen. Ich wünschte, ich hätte es besser hingekriegt." Und es zerreißt der Zuschauerin das Herz.

Shigeko und Isao Sugihara sind eines der vier Paare, die die beiden Filmemacherinnen Yasemin und Nesrin Samdereli in ihrem Dokumentarfilm "Nacht der Nächte" porträtieren, ein Titel, der im Jahr 2018 so unzeitgemäß für die Beschreibung der Hochzeitnacht ist, wie er für das Leben dieser Paare, die sich vor mehr als 50 Jahren getroffen haben, nur konsequent ist. Für Paare, die nur wenig über die Liebe und noch weniger über Sex wussten und für die die Hochzeitsnacht noch die Nacht der Nächte war - wenn auch nicht nur im positiven Sinne.

"Nur untenrum"

"Die erste Nacht tat ja auch schrecklich weh. Fand ich auch nicht so gut", wird Hildegard, die sich ihre Jungfräulichkeit für ihren Heinz bis zu eben dieser Nacht bewahrte, später erzählen. Und die Japanerin Shigeko sagt, dass sie sich damals "nur unten herum nackt machen wollte" - mehr nicht.

Fotostrecke

9  Bilder
Dokumentarfilm: Liebe lebenslänglich

Die Samdereli-Schwestern kommen ihren Protagonisten aus Japan und Deutschland, aus Indien und den USA, die sie über Jahre begleitet haben, ungewöhnlich nah, lassen sie sich langsam öffnen und beobachten dabei sehr genau. Da sitzen Kamala und Hampana in einem winzigen Raum vor Regalen mit unordentlich gestapelten Büchern und erzählen von ihrer Hochzeit über Kastengrenzen hinweg und ihrem Alltag miteinander. "Wir zanken viel, aber je mehr wir zanken, desto näher kommen wir uns. Tagsüber streiten wir, nachts schlafen wir miteinander", sagt Hampana - und seine Frau kichert mädchenhaft. Später sieht man die beiden beim Frühsport und wie Kamala in der Küche hantiert und über ihren Mann schimpft, der niemals den Weg in die Küche findet.

Yasemin und Nesrin Samdereli erzählen nicht nur von den schönen Seiten, sie lassen die vier Paare auch von den vielen Zweifeln, Problemen und Widerständen erzählen. Dass Heinz bis heute Angst hat, Hildegard könne ihn verlassen. Von Kamala, die es noch immer schmerzt, dass die Familie ihres Mannes sie nie akzeptiert hat, und von Bill und Norman, die zuerst den absurden und juristisch komplizierten Weg einer Adoption gehen musste, um sich rechtlich abzusichern, um dann schließlich doch noch als homosexuelles Paar heiraten zu können.


"Die Nacht der Nächte"
Deutschland 2014-2017
Drehbuch:
Yasemin Samdereli, Nesrin Samdereli, Arne Birkenstock
Regie: Yasemin Samdereli, Nesrin Samdereli
Produktion: S2R Film, DRIFE Filmproduktion GmbH & Co. KG, Fruitmarket Arts & Media GmbH, Rat Pack Filmproduktion GmbH
Verleih: Concorde Filmverleih
FSK: keine Einschränkung
Länge: 97 Minuten
Start: 5. April 2018


Es sind die vielen Details wie der Frühsport des indischen Paares, die stumm nebeneinander sitzenden und essenden Shigeko und Isao, der spießig gedeckte Frühstückstisch und das gekachelte Ehebett von Hildegard und Heinz im Einfamilienhäuschen oder Bills und Normans gemeinsame Auswahl der Kürbisse im herbstlichen Pennsylvania, die so viel über diese Paare erzählen, über die Kulturen, die Liebe und die Kämpfe in und um eine Beziehung.

Bonsai und Pikkolo

Es sind Geschichten über Sex und Moral, über Scham und Tabus und vor allem über das erste Verliebtsein, aus dem trotz aller Schwierigkeiten über die vielen Jahre eine tiefe Verbundenheit und Zuneigung entstanden ist - selbst bei Shigeko und Isao. Es ist diese Faszination über das lebenslange Glück zu zweit, das in Zeiten von optimierter Partnersuche und maximaler Möglichkeiten des Individuums fast zu einem Kuriosum geworden ist. Eine Faszination auch vom Pragmatismus, mit dem diese Paare an ihr ganz persönlichen Glück herangegangen sind.

Dabei beweisen Yasemin und Nesrin Samdereli wie schon in ihrer charmanten Komödie "Almanya - Willkommen in Deutschland" aus dem Jahr 2011 einen sehr genauen Blick für die großen und kleinen Klischees, die sie ebenso witzig wie anrührend in Szene setzen. Die Kamera begleitet das japanische Paar bei der noch immer mühseligen Arbeit im Haus und auf den hügeligen Feldern, bei religiösen Ritualen im Bonsai-Garten. Sie beobachtet Hildegard, wie sie am heimischen Wohnzimmertisch in Essen bei einem Pikkolo mit ihren Freundinnen Rummikub spielt, während Heinz im Keller herumwerkelt. Und sie ist dabei, wenn Norman und Bill, die beiden kultivierten East-Coast-Intellektuellen, ihre langersehnte und -erkämpfe Hochzeitsfeier im Garten ihres Hauses vorbereiten.

Sie ergänzen diese Filmporträts mit Sequenzen aus animierten und hinreißend komischen Knetfiguren und schaffen damit eine Balance zwischen Alltagskomik und Romantik. Und sie geben dem mitunter oberlehrerhaften Genre der Doku etwas wunderbar Spielerisches. Ein Plädoyer für die Liebe und die Möglichkeit der lebenslangen Zweisamkeit, das sich so wohltuend und vielleicht auch ein bisschen hoffnungsvoll von den Realitäten des 21. Jahrhunderts abhebt.

Im Video: Der Trailer zu "Die Nacht der Nächte"

Concorde
Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
radbodserbe 05.04.2018
1. Diese Frage kann wohl nur jeder für sich persönlich beantworten
Natürlich kann das Glück ein Leben lang halten. Problematisch bis katastrophal kann es halt werden, wenn "Glück" mit Ruf in der Gesellschaft, Normen, oder materiellen Gründen verwechselt wird. Dann wäre es wohl fast immer sinnvoller, sich möglichst respektvoll zu trennen, um dem eigenen Glück und dem des/der Partner_in im Wege zu stehen bzw. ins eventuell auch gegenseitige Unglück zu stürzen. Das soll jetzt kein Plädoyer für zu schnelles Hinschmeißen bei den ersten Problemen sein, aber es muss halt jeder für sich entscheiden, welche Art von Bindung er als "glücklich" empfindet. Auch ein Zusammenbleiben "wegen der Kinder", ob nun eigene oder adoptiert, erscheint doch recht aufgesetzt und berücksichtigt wohl nicht unbedingt das "Glück" der Kinder. Wichtig sind immer das gegenseitige Einvernehmen und die Bewahrung der Menschenwürde und nicht zum Beispiel ein Dokument, was man vielleicht vor einigen Jahren vorschnell unterschrieben hat oder die Angst, vor der Reaktion des/der Partner_in.
kydianta 05.04.2018
2. seltene Koinzidenz
Natürlich kommt es zu aller vorderst darauf an,wie man "Glück" definiert. Und wahrscheinlich gibt es so viele Glücks-Definitionenwie es Menschen gibt. Jeder und Jede suchst sich das Passende für sich - Irrtums-Risiko inklusive. Was bestimmt nichts mit Glück zu tun hat,ist das abgestaubte, spießig anmutende Bild vom Lebensglück zu zweit, welches die abgebildeten Paare in der Fotoreihe zum Artikel präsentieren. Zu meinem persönlichen Verständnis von langwährendem Glück gehört die Gabe(!), den jeweils Anderen so zu nehmen, wie er/sie ist. Und sich zu freuen, wenn er/sie sich freut. Zugegeben, in unserem Ego-Zeitalter eine selten gewordene Koinzidenz,die bestimmt etwas mit Liebe, somit mit Selbstlosigkeit zu tun hat!
jujo 05.04.2018
3. ...
Meine persönliche Formel für das Gelingen (m)einer Partnerschaft ist, das ich dafür sorge, das sich meine Frau/ Partnerin in der Beziehung wohl fühlt. Ist das der Fall fühle ich mich auch darin gut. Vor allem, das es keine Einbahnstraße ist. Das gelingt jetzt schon seit fast 43 Jahren.
postmaterialist2011 05.04.2018
4. Sieht interessant aus !
Insbesondere das japanische Paar ist sehr typisch für das Land der aufgehenden Sonne. Obwohl ich dort lange Jahre gelebt habe, verstehe ich nicht wie man lange Jahre zusammenbleiben kann obwohl man mit dem Partner so gar nichts teilt. In Restaurants sitzt man 60 Minuten sprachlos nebeneinander, zuhause wird nicht geredet und nur wegen der Familie und der Gesellschaft ist man ein Paar. Ich habe noch nirgendwo soviel frustrierte, unzufriedene Menschen wie in Japan gesehen, wenn es gar nicht mehr geht bringt man sich halt um. Toll ist das schwule Paar, welches von der Gesellschaft so mies behandelt wurde, aber nach 50 Jahren gegen alle Widerstände noch immer zusammen ist.
kjm23 05.04.2018
5. Wer oder was gehört zum 21. Jahrhundert?
Ihr letzter Satz ist leider sehr unüberlegt. Er tut so, als wären die dokumentierten Paare und mit ihnen alle anderen, die so leben, nicht auch Individuen des 21. Jahrhunderts. Das ist die Sichtweise vieler jüngerer Menschen, die glauben, das Glück eines langen Lebens als Paar gebe es ohne Anstrengung, Kompromisse und das ständige Bemühen um den Partner. Übrigens sind hohe Trennungsraten von Paaren keine Erfindung des 21. Jh. Wenn beide Partner wirtschaftlich unabhängig sind , kann man bereits im 19. Jh. Scheidungen sehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.