Filmkritik "Funny Games" - Gewalt ohne Motiv

"Lustige Spiele" treiben zwei Jugendliche mit einer Familie in deren Ferienhaus. Gar nicht lustig fand das ein Teil des Publikums bei der Premiere in Cannes: ausweglose Brutalität werde dem Zuschauer da aufgezwungen. Aber selbst wenn einer schreiend aus dem Kino renne, habe der gewalttätige Anti-Gewalt-Film was bewegt, findet der österreichische Regisseur Michael Haneke.




So wünscht man sich das Leben in zehn Jahren: einen lieben Mann, einen lieben Sohn, ein wunderschönes Landhaus am Gebirgssee, ein nettes Segelboot. Und alle drei - Mutter, Vater, Kind - sind furchtbar intelligent und nett und trotz des guten Einkommens irgendwie auf dem Boden geblieben. Der Urlaub wird harmonisch, gleich morgen vormittag geht's mit den netten Nachbarn raus zur Golfpartie.

Man weiß schon zu Beginn des neuen Films von Michael Haneke, daß die heile Luxuswelt eine gemeine Falle ist, in die der Zuschauer tappen soll und daß am Ende der 103 Minuten nichts mehr so sein wird, wie es am Anfang war. Man weiß es seit Cannes. Dort hat der österreichische Wettbewerbsbeitrag "Funny Games" das Publikum polarisiert: Zwischen Lob und heftiger Ablehnung gab's nicht viel. Was einen deutschsprachigen Beitrag ja fast schon adelt. Was aber auch viel über die Leute in Cannes aussagt. Denn in diesem Film wird Gewalt gezeigt auf eine so unerbittliche Weise, daß man sich förmlich im Kinosessel verkriechen und am liebsten nach Mama schreien möchte, auf daß sie einen aus diesem Alptraum erwecken möge.

Also: Man lehnt freilich heftig ab, was in diesem Film passiert. Selbst Sadisten dürfte der Anblick eines blutenden gebrochenen Beines, auf dem ständig herumgeschlagen wird, eines zerschossenen Körpers und einer völlig in Angst, Panik und Tränen zerflossenen Susanne Lothar (als Anna) Unbehagen bereiten. Diese Ohnmacht. Entsetzlich. Nur ist doch interessant, wie Autor und Regisseur Haneke dieses Unbehagen hervorruft. Die Machart des Films kann man schwer ablehnen. Denn seit wann ist ein Psychothriller nicht gut, wenn er derartige Gefühle beim Zuschauer hervorruft?

Anna, Georg und Schorschi richten sich in ihrem edlen Landhaus ein: Sie packt die Lebensmittel in den Kühlschrank, Vater (Ulrich Mühe) und Sohn (Stefan Clapczynski) lassen das frisch überholte Boot zu Wasser. Kameramann Jürgen Jürges fotografiert die banalen Verrichtungen teils ganz nah. Man ahnt, daß er später auch ganz andere Dinge ganz nah zeigen wird.

Anna bekommt Besuch von Peter, einem fremden, feisten, leicht tolpatschigen Jüngling. Wohlerzogen bittet er um ein paar Eier für die Nachbarn, die Freunde der gerade angereisten Familie sind. Anna gibt sie ihm, aber er läßt sie "aus Versehen" fallen - die lustigen Spielchen haben begonnen. Denn Peter alias Frank Giering will nicht wirklich Eier, und er ist nicht allein. Paul heißt sein Freund, der sich als ekelhaft klugschwätzender Wortführer eines brutalen Duos herausstellt. Binnen weniger Minuten ist die heile Familie eine Geisel der zwei Jungmänner, die als Inkarnation des Bösen über sie gekommen sind.

Die Schläge, Schüsse und Stiche sind fast nicht das Schlimmste. Sie werden auch kaum gezeigt. Viel schlimmer sind die Schmerzensschreie der Opfer, ihr hyperventilierender Atem, der Angstschweiß, diese Panik in den Augen (hervorragend gespielt von Mühe und Lothar, aber auch vom jungen Clapczynski). Haneke macht es dem Zuschauer unbequem. Zwar gibt er seinen Opfern auch die Chance, ihre Haut zu retten. Aber die "Bösen" vereiteln alles. Harmoniesüchtige Kinogänger müssen diese Story hassen.

Haneke hat in seine lustigen Spiele allerdings auch einen pädagogischen Ansatz eingeflochten, der das intim-brutal konzipierte Kammerspiel beinahe so aufbricht, daß seine Wirkung verpufft. Am Anfang geht es noch: Da spricht Paul (Arno Frisch) hin und wieder direkt in die Kamera. Subtiler gelingt ein kleiner Disput von Peter und Paul, als Papa Georg sie fragt: "Warum tun Sie das?`" Die beiden beten in unwahrscheinlich arrogantem Ton alle Klischees daher, die man aus realen Mordprozessen so kennt: Mutterkomplex, Scheidungskind, Kind armer kinderreicher Leute, Sozialneid. Nichts stimmt. Die Motivation der bösen Buben bleibt im Dunkeln.

Ganz und gar nicht subtil und wenig gelungen ist dagegen eine Unterbrechung des Films: Da gelingt es Anna, ein Gewehr hochzureißen und einen der beiden Bösen zu erschießen. Der andere Böse ist entsetzt, schnappt sich die Fernbedienung und spult den Film zurück. Die ganze Szene wird noch einmal wiederholt - natürlich mit anderem Ausgang. Hanekes Ansinnen war es wohl, dem Zuschauer kurz Genugtuung zu verschaffen, á la: Endlich kann eines der Opfer denen was heimzahlen. Mit Gewalt. Auge um Auge. Doch die Szene richtet anderes an - sie bläst die ganze Spannung weg. Die Moral hat Hallo gesagt. Dabei wollte man sie gar nicht begrüßen. Der Zuschauer ist ja nicht mehr wirklich in dem Alter, wo er in einem Alptraum nach Mama ruft. Er hat sich seinen Reim schon gemacht und Haneke sein Ziel längst erreicht: "Gewalt als das zu zeigen, was sie ist, als nicht konsumierbar."

Dorit Kowitz

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.