Meisterwerk "Jackie" Die bildermächtigste Frau der Welt

Was wäre John F. Kennedy ohne seine Frau Jacqueline gewesen? Das sensationelle Filmporträt "Jackie" mit Natalie Portman zeigt, wie sehr sie sein Erbe, aber auch die heutige Politik mit ihren Inszenierungen geprägt hat.

Tobis

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Jacqueline Kennedy ist für Natalie Portman die Rolle ihres Lebens, soeben wurde sie für den Oscar nominiert. Doch Portman sieht Kennedy nicht ähnlich. In gewöhnlichen Filmporträts wäre dieser Umstand eine kleine Hürde, die Film und Publikum gemeinsam nehmen müssten, um danach umso reibungsloser in die Lebensgeschichte der porträtierten Person einzutauchen.

In "Jackie" wird diese Hürde nie aus dem Weg geräumt, stattdessen stellen die Filmemacher viele andere Hürden hinzu. Rückblenden unterbrechen den Erzählfluss, die Musik überbetont Spannungsmomente, und als der Film schließlich zu seiner aufwendigsten Inszenierung ansetzt, dem Staatsbegräbnis von John F. Kennedy, streut Regisseur Pablo Larraín Archivaufnahmen von dem tatsächlichen Trauerzug durch Washington dazwischen.

Brüchigkeit, davon kündet schon die Besetzung, wird im Verlauf des Films aber immer wieder klargemacht, ist hier Strategie. Niemand soll sich hier in den Bildern verlieren, aus Misstrauen gegen zu einfache Immersion, aber auch aus Notwendigkeit: Für die komplexe Argumentation, die der Film verfolgt, braucht man Konzentration. Am Ende könnte man aber kaum überzeugter von seiner Beweisführung sein: Unsere Gegenwart, in der Politik, Medien und celebrity culture untrennbar voneinander geworden sind, ist maßgeblich von Jacqueline Kennedy geprägt worden.

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"Jackie": Für einen kurzen, strahlenden Moment

Es beginnt mit einem Interview. Zwei Wochen nach der Ermordung von JFK reist ein Reporter (Billy Crudup) des "Life Magazine" zum Landsitz der Kennedys in Hyannis Port, um das erste Gespräch mit der jungen Witwe zu führen. Schon ihr Outfit ist anders, statt Kostüm in leuchtenden Farben trägt sie nun Hosen und einen cremeweißen Pullover, und sie raucht. "Ich rauche nicht", sagt sie jedoch dem Reporter und sieht ihm nachdrücklich in die Augen. Was auch immer er in den folgenden Stunden in seinen Notizblock schreibt, ist das, was sie von sich und ihrem verstorbenen Mann in der Zeitschrift lesen will.

Anderthalb Jahre zuvor hat die Nation noch eine andere Jackie kennengelernt. In einem Fernseh-Special, das 80 Millionen Zuschauer gucken, führt die junge First Lady durch das Weiße Haus und erklärt, wie sie mit antiken Kunstwerken und Möbeln die Geschichte des Präsidentenheims und seiner bisherigen Bewohner präsenter machen will. Doch sie ist sich ihrer Sache nicht sicher, sucht immer wieder den Blickkontakt mit ihrer Assistentin Nancy (Greta Gerwig). Als sich schließlich der Präsident (Caspar Phillipson) für ein paar Momente hinzugesellt, erscheint sie erleichtert zu sein, jemanden an ihrer Seite zu haben, der weiß, wie man ein Bild ausfüllt.

Es ist einer der wenigen Momente, in denen John F. Kennedy zu sehen ist. Seine Ermordung spart der Film nicht aus, sie ist so erschütternd und brutal, wie sie nur sein könnte. Dennoch ist JFK hier eine Randfigur und das nicht, weil der Film seine Existenzberechtigung daraus bezöge, mit Jackie die weit seltener porträtierte Frau an seiner Seite zu zeigen, sondern weil er eine viel radikalere Perspektive einnimmt: dass JFK tatsächlich eine historische Randfigur ist, die nur durch den Einsatz seiner Ehefrau und späteren Witwe zu der Ikone geworden ist, als die er auch 50 Jahre nach seinem Tod noch erinnert wird.

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Einfache Formen, leuchtende Farben: Das ist der "Jackie Style"

Ein Kamerablick auf eine Plakette mit den Daten der kurzen Amtszeit Kennedys legt diese Perspektive nahe: 20. Januar 1961 bis 22. November 1963. Dann spricht es sein Bruder Bobby (Peter Sarsgaard), zum damaligen Zeitpunkt Generalstaatsanwalt, aus: "Was hätten wir alles erreichen können? Bürgerrechte, Frieden..." Stattdessen ist es JFKs Nachfolger Lyndon B. Johnson, der den Civil Rights Act, mit dem die Rassentrennung aufgehoben wird, unterschreibt, während von Kennedys Amtszeit es vor allem die fehlgeschlagene Invasion der Schweinebucht in die Geschichtsbücher schafft. "Sind wir nur die schönen Leute? Ist das alles, das wir sind?", fragt Bobby.

Jackie, durch ihre Rolle als First Lady von vornherein aufs Repräsentieren festgelegt, hat sich diese Frage natürlich schon viel früher gestellt. Und hat ihre Antwort bereits, erst zögerlich mit dem Fernseh-Special, dann immer entschiedener gegeben: Wie das Weiße Haus selbst sollte auch das Präsidentenpaar die besten Seiten der USA verkörpern. Es sollte modern, offen und nahbar sein und dadurch, selbst wenn in größtem Pomp gefeiert wird, den Bürgerinnen und Bürger das Gefühl gegeben werden, dass hier ihre eigenen Träume gelebt würden.


"Jackie"
Chile/Frankreich/USA 2016
Regie: Pablo Larraín
Buch: Noah Oppenheim
Darsteller: Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Billy Crudup, Greta Gerwig, Caspar Phillipson
Produktion: Jackie Productions, Wild Bunch, Fabula et al.
Verleih: Tobis
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 100 Minuten
Start: 26. Januar 2017


"Lasst uns nie vergessen, dass es einst für einen kurzen, strahlenden Moment einen Ort gegeben hat, der Camelot hieß", lautet eine Zeile aus dem Musical "Camelot", das JFK gern hörte. Jackie erwähnt den Song am Ende ihres Interviews mit "Life" und fügt dann an: "Es wird kein neues Camelot geben." Sie sagt es wie den Satz, dass sie nicht rauche: mit Spaß an der Deutungsmacht, die sie in diesem Moment ausübt, und gleichzeitig mit dem Wissen darum, dass diese Deutungsmacht mit jedem Tag, den sie nicht mehr First Lady ist, weiter schwindet. Als sie beim Auszug aus dem Weißen Haus sieht, wie sich ihre Nachfolgerin Claudia "Lady Bird" Johnson mit neuen Stoffballen bewaffnet bereits an die Neuausstattung macht, könnte ihr Missfallen nicht größer sein.

Es ist denn auch ein Machtkampf, den Jackie im Film mit dem Washingtoner Establishment anzettelt, als es um die Planung des Begräbnisses von JFK geht. Sie ist von Trauer gelähmt und von der Gewalt, deren Zeugin sie beim Attentat geworden ist, traumatisiert, das Blut ihres Mannes auf ihrem pinken Chanel-Kostüm trägt sie wie ein messianisches Stigma. Doch als Beamte ihr davon abraten, einen offenen Trauerzug samt Pferden durch Washington ziehen zu lassen, fängt sie gnadenlos zu kämpfen an, ihre Vision vom Begräbnis durchzusetzen. Sie weiß, es ist die letzte Auseinandersetzung mit dem Staatsapparat, die sie gewinnen kann. Und sie gewinnt.

Am Ende schreitet sie, mit einem schwarzen Schleier über dem Gesicht, durch Washington und bietet sich ein letztes Mal den Amerikanerinnen und Amerikanern als Verkörperung ihrer Gefühle an, nur diesmal eben nicht ihrer Hoffnung, sondern ihrer Trauer. Der Pathos dieser Szenen ist im besten Sinne grandios, denn der Film und allen voran seine Hauptdarstellerin scheuen nicht davor zurück, die Selbstanmaßung, die sie in Jackies Verhalten sehen, kenntlich zu machen: Wie in vielen anderen Szenen auch ist sie hier frontal und im Zentrum des Bildes positioniert.

Im Video: Der Trailer zu "Jackie"

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Das soll natürlich auch die wichtigste These des Films stützen - dass es sich bei Jackie um eine buchstäblich zentrale historische Figur handelt. Doch ohne eine Schauspielerin, die diesem Blick nicht nur standhalten kann, sondern ebenso entschlossen zurückschauen kann, wären diese Bilder nutzlos. Natalie Portman ist so eine Schauspielerin. Wie Jackie weiß sie genau, welche Bilder von ihr gemacht werden, und dieses Wissen scheint in ihrer Darstellung durch. Wirkt Portman in anderen Filmen mitunter etwas undurchdringlich und nicht ganz in das Geschehen eingebunden, sind diese Eigenschaft hier perfekt genutzt: Sie verkörpert Jackie und ist gleichzeitig Kommentar auf diese Verkörperung, allen voran auf stimmlicher Ebene.

In der dunklen, gepressten Stimme Jackies, die Portman perfekt trifft, verbinden sich Ostküsten-Amerikanisch und British Received Pronunciation zum künstlichen "Mid-Atlantic"-Akzent, der in den Dreißigerjahren und Vierzigerjahren von der amerikanischen Oberschicht sowie von der Film- und Theaterszene gepflegt wurde. Die Arbeit an der eigenen Identität, so klingt es hier an, hatte die wohlbehütete Debütantin Jacqueline Bouvier schon lange vor ihrer Heirat mit dem zukünftigen Präsidenten begonnen.

"Jackie" zeigt nun, wie sie diese Arbeit im Weißen Haus fortsetzt und zu welcher Bedeutung sie dadurch gelangt. Sie und JFK waren die schönen Leute, doch das wurde durch sie zu so viel mehr.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
m.s.schneider 26.01.2017
1. Sehr fein.
Unabhängig davon, dass man grundsätzlich erstmal in Natalie Portman verliebt sein muss... MUSS! (is einfach so, weil toll und schön und schlau und so und überhaupt, die Augen!) bin ich auf den Film sehr gespannt. Auch der Radiokommentar (dradio kultur oder wdr5?) war durchweg positiv.
Verbier1936 26.01.2017
2. Dallas, nicht Denver
Im Untertext eines Bildes heisst es: "Doch dann reisen Jackie und Jack (Caspar Phillipson) am 22. November 1963 nach Denver. Wenige Stunden später wird er auf offener Straße erschossen." Tatsächlich wurde Kennedy jedoch in Dallas/Texas erschlossen . - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. K. Bonte/Redaktion
jj2005 26.01.2017
3. Geht's eine Nummer kleiner?
"Unsere Gegenwart, in der Politik, Medien und celebrity culture untrennbar voneinander geworden sind, ist maßgeblich von Jacqueline Kennedy geprägt worden." - geht's nicht vielleicht eine Nummer kleiner? Die Dame war vor allem uninteressant, aber zugegebenermassen war sie in den Blättchen, die in den Wartezimmern der Zahnärzte so auslegen, schon ziemlich präsent.
io_gbg 27.01.2017
4.
Zitat von jj2005"Unsere Gegenwart, in der Politik, Medien und celebrity culture untrennbar voneinander geworden sind, ist maßgeblich von Jacqueline Kennedy geprägt worden." - geht's nicht vielleicht eine Nummer kleiner? Die Dame war vor allem uninteressant, aber zugegebenermassen war sie in den Blättchen, die in den Wartezimmern der Zahnärzte so auslegen, schon ziemlich präsent.
Ihr Einfluss reichte durchaus wesentlich weiter, als Sie es aus der Kenntnis Ihrer Zahnarztblättchen ermessen könnten.
dasbeau 27.01.2017
5. Glanzleistung
Ich frage mich immer, warum Schauspieler, die eine historische Persönlichkeit spielen, von den Kritikern immer gleich in den Himmel gehoben werden und (meistens) auch einen Oscar bekommen. Die Liste ist lang: King George, Margaret Thatcher, Truman Capote, Gandhi, Queen Elizabeth, jetzt Jackie Kennedy etc. pp. Dabei will ich deren Leistung gar nicht kleinreden, das sind zumeist grandiose Leistungen, aber: Die jeweiligen Akteure haben eine Vorlage, an der sie sich orientieren können/müssen. Ein bisschen ist das für mich wie eine Coverband: Ich habe selber mal in einer gespielt. Wir waren gut, richtig gut. Ganz nah an den Originalen. - Aber wir hatten nichts eigenes, das empfand ich immer als Makel. Ein Schauspieler, der seiner Rolle ein eigenes Profil gibt, ihr den eigenen Stempel aufdrückt, leistet in meinen Augen (noch) mehr, als jemand, der eine historische Persönlichkeit grandios kopiert.
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