Filmkritik: "L.A. Confidential" - Revival des Film Noir

In der Stadt der Engel explodiert ein teuflisches Komplott. Aus Hollywood kommt ein guter Polizei-Thriller, der das Zeug zum Oscar und zum Klassiker hat.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich Hollywood des Romanciers James Ellroy annehmen würde. Erscheinen doch seine Werke oft als Chronik der babylonischen Stadt, deren glanzvolle Epoche bei Ellroy schon in den fünfziger Jahren endet. Davon handelt auch der Film Noir in den Neunzigern.

In einer Art Epilog führt der Regisseur Curtis Hanson die Welt des schönen Scheins ein, indem er mit Dokumentaraufnahmen ein Hohelied auf die "Stadt der Engel" anstimmt. Doch man weiß: Die Idylle, die unter den verführerischen Klängen von "Wheels of Fortune" suggeriert wird, ist Fassade, Dekor für ein zunächst sehr undurchsichtiges Verwirrspiel um Korruption, Gewalt und moralische Verderbtheit.

"L.A. Confidential" heißt wörtlich "Los Angeles vertraulich" und bezieht sich auf ein unverschämtes Klatsch-Magazin, das Skandalblatt "Confidential", das von 1952 bis 1957 an der Westküste herausgebracht wurde. Danny DeVito verkörpert mit Sid Hudgeons das Alter Ego des Verlegers Harrison. Den Aufstieg seiner Zeitschrift "Hush-Hush" verdankt Hudgeons nicht zuletzt den Indiskretionen aus den Amtsstuben der L.A. Metropolitan Police, die vor allem der umwerfend zynische Jack Vincennes liefert (Kevin Spacey).

Sein ehrgeiziger Kollege Ed (Guy Pearce), neu im Revier, muß gleich am ersten Dienstabend erfahren, daß sein hehres Schulwissen mit der Realität wenig zu tun hat. Als sich sein erster Fall als Massaker erweist, dem auch ein eben vom Dienst suspendierter Polizist und ein Starlet zum Opfer gefallen sind, vermutet er denn doch instinktsicher mehr als einen Mord.

Seine Ermittlungen werden von der eigenen Behörde behindert. Schnell sind die idealen Täter ausgemacht: junge Schwarze, die aus reiner Habgier gehandelt haben sollen. Ed läßt nicht locker und kommt einem Skandal ungeahnten Ausmaßes auf die Spur. Als er immer tiefer in den Strudel von Korruption und Intrigen hineingezogen wird, bekommt er Hilfe von unerwarteter Seite: Ausgerechnet sein Rivale, der impulsive und ungehobelte Polizist Bud White (Russell Crowe), stellt sich im entscheidenden Moment auf seine Seite - ein starkes Duo, wie es gegensätzlicher kaum sein kann.

"L.A. Confidential" gewinnt seine dichte Atmosphäre und schier unerträgliche Spannung durch ein ungemein geschlossenes Schauspieler-Ensemble. Von dem Kräftedreieck Spacey, Crowe und Pearce gehen die komplexen Handlungsfäden aus, verselbständigen sich mitunter, verlieren sich jedoch nie. Detailversessen ist auch die Ausstattung: Als sich Vincennes mit Hudgeons auf einer Party trifft, hört man im Hintergrund den coolen Jazz des Gerry-Mulligan-Quartetts. Selbstredend ist der Schopf des Saxophonisten Gerry Mulligan rötlich - wie in der Wirklichkeit.

Nach all den Wirbelstürmen, Vulkanausbrüchen und unappetitlichen Riesenschlangen, die dieses Jahr über die Leinwände hereinbrachen, ist "L.A. Confidential" mit Sydney Lumets "Nacht über Manhattan" der zweite überwältigende Polizeithriller. Fast schon könnte er mit dem Klassiker "Chinatown" konkurrieren. Und selbst Kim Basinger entpuppt sich nach ihren Comic-Figurinen als imponierender Charakter.

Tom Fuchs

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback