Lars von Triers "Nymphomaniac 1" Sex und Sinnsprüche

Ist das nun Pornografie? Oder Kunst? Über die Darstellung von Sex in Lars von Triers "Nymphomaniac 1" kann man sich gut und akademisch streiten. Aber das macht aus dem Film noch lange nicht eine schlüssig erzählte Geschichte.

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Lars von Trier hat als Filmemacher angefangen und ist beim Marionettentheater gelandet. Das ist nicht schlimm. Und doch eine merkwürdige Karriere für einen Mann, der sehr erfolgreich den letzten Philosophen und Leidensmann des Weltkinos abgibt und in seinem neuen Werk "Nymphomaniac" nun in, wie es heißt, nie dagewesener Schärfe von den Freuden und Leiden der Sexualität erzählt.

Jetzt kommt die erste, 110 Minuten lange Hälfte des Werks unter dem Titel "Nymphomaniac 1" in die deutschen Kinos - und die Zuschauer werden feststellen können, wie nett, vergnüglich und Tränentaschentuch-nutzerfreundlich diese Passionsgeschichte einer schönen Frau doch anzusehen ist. In dieser Geschichte geht es um den angeblichen oder tatsächlichen Gegensatz zwischen Sex und Liebe, was während der Berlinale und in vielen Feuilletons brutal tiefschürfend diskutiert wurde. Die Zuschauer werden aber auch merken, dass in dieser lehrreichen Leidensstory nicht Menschen die Hauptrolle spielen, sondern - mit teils wunderschönen Leibern ausstaffierte - Spielfiguren, die an den Fäden ihres Regisseurs zappeln und jauchzen.

Wie in einem verwunschenen Kindermärchen sieht man zu Beginn von "Nymphomaniac 1" den netten Opa Seligman, gespielt von Stellan Skarsgård, in einem verschneiten Hinterhof eine zerschundene Frau namens Joe auffinden, in der Kinofans mühelos die Darstellerin Charlotte Gainsbourg erkennen. Und wie im Märchen geht es weiter, wenn die Frau den Opa in der warmen Stube zum Beichtvater erwählt. Rückblickssequenz für Rückblickssequenz schildert die aus dem Schneematsch errettete Joe nun die Stationen ihrer sexuellen Unersättlichkeit.

Sensationell schöner Sexualakt

Man sieht die Frau als siebenjähriges Kind, das sich von Gleichaltrigen absondert; und man sieht sie als schon ziemlich verstörten Teenager, nun schmal und blass und schön verkörpert von der Schauspielerin Stacy Martin. Das Mädchen Joe blickt bei allem Leidensdruck stets auf irritierende Weise fröhlich drein, zum Beispiel während sie den Autoklempner Jérôme (Shia LaBoeuf) zu ihrer Entjungferung nötigt. Bald fällt sie gemeinsam mit einer Freundin praktisch über sämtliche männliche Passagiere eines Zuges her, um rauszukriegen, wer von beiden es während der kurzen Reise auf mehr Sexpartner bringt.

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Lars von Triers "Nymphomaniac": Obsessionen einer Frau
Es geht um Begehren, Schuld, Sünde und natürlich um Erlösung in "Nymphomaniac 1", um Triebstau und Befriedigungsnotstand in Zeiten der globalisierten Sexualwirtschaft, schon klar. Es sind ziemlich lehrbuchhaft formulierte Sätze, in denen das durchgenommen wird. "In der Erotik geht es darum, ja zu sagen", sagt Charlotte Gainsbourg als zerbeulte beichtende Joe einmal, über die Liebe sinniert sie: "Auf hundert Verbrechen, die im Namen der Liebe begangen werden, kommt nur ein Verbrechen im Namen der Lust." Aber viel wichtiger als solche Sinnsprüche sollte natürlich sein, was uns die Bilder des Films von all dieser Ja-Sagerei und Selbstversicherungssucht erzählen.

"Nymphomaniac 1" zeigt hübsche erigierte Penisse und anmutig geschwollene Schamlippen, die angeblich von Pornofachkräften als Körperdoubles beigesteuert wurden. Und während die junge Darstellerin Stacy Martin auf Männerschößen japst und an Hosenschlitzen reibt, staunt man über die sozusagen wissenschaftliche Gründlichkeit, mit der hier diverse Arten des Vögelns dargestellt werden. Von Trier liefere schon deshalb keine Pornografie, haben einige männliche und weibliche Kritiker behauptet, weil der Film sie, die Kritiker, nicht heiß gemacht habe. Das klingt dann doch bizarr bekennerhaft. Formulieren wir es lieber so: "Nymphomaniac 1" zeigt den Sexualakt manchmal sehr scheußlich, öfter aber auch sensationell schön.

Von Trier, Jahrgang 1956, ist nur leider zu sehr in seinem doch ziemlich privaten Kreativenirrsinn verstrickt, als dass aus seiner Versuchsanordnung wirklich tolles Kino werden könnte. Kann sein, dass der Mann ein Depressiver ist; kann sein, dass er sich als Leidensaugust selbstvermarktet; kann sein, dass er sehr doofe oder sehr gescheite Gedanken denkt. Egal. Dem Zuschauer kann das, entgegen vieler biografistischer Herumdeuteleien, völlig wurscht sein. Im Kino ist die Wahrheit auf der Leinwand.

Milchige Tristesse

Im Kinosaal aber ist "Nymphomaniac" lärmend unterhaltsam und erschütternd spannungsfrei. In dieser Story, die angeblich von Geilheit und Glücksstreben berichtet, herrscht die Dramaturgie des Leierkastens. Ob das wirklich am Sujet liegt, weil schon bei de Sade das serielle Elend allen Rumgefickes nervte, ist ein akademische Frage. Tatsache ist, dass nur das Auftauchen von Uma Thurman als brüllende betrogene Familienmutti und das Wiederauftauchen von Jérôme, der Joe einst entjungfert hat, kurz mal Leben ins Passionsspiel bringen. Manchmal wummert auch die Musik der notorischen Brachialbolzen von Rammstein, damit uns nicht fad wird.

Der Regisseur von Trier hat das Kino einst in Filmen wie "Element of Crime" und "Breaking The Waves" wenn nicht revolutioniert, so doch rauschhaft erneuert - indem er es mit Gespenstern und Lichtgestalten, Schreckensbildern und Schmerzvisionen bevölkerte, wie man sie nie zuvor gesehen hatte.

Seither hat er sich, unter welchen Einflüssen auch immer, in einen Zuchtmeister verwandelt, dessen Bilder schon länger schlichte und betont schlampig skizzierte Illustrationen sind. Das kann man als bewusste Entscheidung heroisieren oder angesichts der schicken milchigen Tristesse von "Nymphomaniac" auch nur traurig finden.

Im Übrigen tut man dem zeitgenössischen Theater herzlich Unrecht, wenn man von Triers Filme als Theaterarbeiten bezeichnet. Im Theater sieht man, selbst in nicht so gelungenen Aufführungen, stets lebendige Menschen auf der Bühne. Auf von Triers Leinwand sieht man heutzutage nur hübsche Marionetten. In "Nymphomaniac 2", der in zwei Monaten in die deutschen Kinos kommen soll, wird es ihnen noch ein bisschen übler ergehen als im ersten Teil.

Nymphomaniac 1

DN/D 2013

Buch und Regie: Lars von Trier

Mit: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Uma Thurman

Produktion: Zentropa Entertainments

Verleih: Concorde

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Start: 20. Februar 2014

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
chuckal 20.02.2014
1. Klingt peinlich
Schon alleine die Tatsache, dass man für diesen Akt (!) der Hochkultur Porno-Profis engagiert, die dann ihre Genitalien hinhalten durften (hoffentlich gut bezahlt!), während die ach so schonungslosen Top-Darsteller von Gainsbourg bis was weiß ich in dem Skandalon geschont werden, finde ich geradezu erschütternd peinlich. Im DLF wurde berichtet, es gebe sogar zwei Versionen; eine mit, eine ohne Genitalien. Das das natürlich auch eine Leidensgeschichte sein muss versteht sich von selbst. Von Tries und die christlich-protestantische Ethik erlauben nicht, dass da eine fröhliche, selbstbewusste Dame über ihre promisken Zeiten plappert, sondern da muss geschunden werden. In Swinger-Clubs und entsprechenden Seiten im Internetz, die dem anonymen Sex gewidmet sind, ist es dann doch moralfreier und ist dann doch mehr los. Vielleicht ne gute Alternative zum Kinobesuch. Das ganze erinnert doch sehr an die Vorlagen, die Wohlthat und Taschen- Verlag früher vertrieben haben, damit sich der Studienrat noch an der angeblich wertvollen Kunst erbauen kann, bevor er das macht, was wir alle tun. Wo ist eigentlich die sexuelle Befreiung geblieben. Interessant zum Thema sind die Erinnerungen von Catherine Millet....
telltaleheart 20.02.2014
2. Oh, wieder mal schockierend! (Gähn)
Zitat von sysopConcordeIst das nun Pornografie? Oder Kunst? Über die Darstellung von Sex in Lars von Triers "Nymphomaniac 1" kann man sich gut und akademisch streiten. Aber das macht aus dem Film noch lange nicht eine schlüssig erzählte Geschichte. http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmkritik-lars-von-triers-nymphomaniac-1-a-954588.html
Provokation kann so langweilig sein, wenn sie zur offensichtlichen Masche wird. Und peinlich, wenn sie sich durch ihre Vermarktung selbst entlarvt.
uzsjgb 20.02.2014
3.
Zitat von telltaleheartProvokation kann so langweilig sein, wenn sie zur offensichtlichen Masche wird. Und peinlich, wenn sie sich durch ihre Vermarktung selbst entlarvt.
Sie finden den Film provokant? Warum?
glnf 20.02.2014
4. Wolfgang Höbel übersieht schlicht,
dass dem im "privaten Kreativenirrsinn verstrickt[en]" Lars von Trier mit "Melancholia" einer der schönsten und berührendsten Filme der letzten Jahre gelungen ist. Mit "The Boss of it All" auch eine der witzigsten Komödien (welche leider nur mässig erfolgreich war). Selbst wenn Nymphomaniac nicht einhält, was man sich erhofft, so ist das noch lange kein Grund für einen solchen Abgesang.
PaulaA 20.02.2014
5. Yeah!
Ein Meisterwerk! Habe die Langfassung zur Berlinale sehen können, ein Muss für alle Fans von ArtCore, was meint: Explizite Szenen mixed mit Arthouse. Hatte auch ein angeregtes Gespräch nach dem Kino mit anderen Zuschauern, die es auch in den Film geschafft hatten. Da erfuhr ich so manch weiteren guten Tipp in Sachen aktuellem ArtCore, z. Bsp. auch aus hiesiger Produktion. So hat der "deutsche Lars von Trier" RP Kahl, der vor ein paar Jahren auf der Berlinale mit seinem SexArtSchocker "Bedways" für einige Aufregung sorgte, eine Art Nachfolgeprojekt gemacht, das noch expliziter und gewagter und auch ohne "Fake", ist. Jedoch nur auf DVD in limitierter Auflage zu bekommen: "Rehearsals" heißt das Werk! Weiterhin wurde auch der serbische Film "Klip" benannte, den kannte ich bisher nicht!
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