Filmkritik "Long Hello und Short Goodbye"

Nicolette Krebitz tänzelt durch die Szenen und streut Verwirrung in einen der ungewöhnlichsten deutschen Filme seit langem, der teilweise in der Kantine des SPIEGEL gedreht wurde.

Von Peter Zemla


Wer in den vergangenen Jahren das Überraschende im deutschen Film suchte, kam sich oft wie ein Wanderer in der Wüste vor. Es gab so viel Eintöniges, Gleichförmiges ringsumher, daß die Augen es gar nicht glauben wollten, bekamen sie einmal eine Oase zu sehen.

So wollen sie sich gleich in der ersten Szene von "Long Hello and Short Goodbye" gar nicht mehr schließen, die Augen: Denn Nicolette Krebitz spielt die Polizistin Melody. Angetan mit einem kurzen, karierten Röckchen, weißen Söckchen und Lackschuhen sieht sie wie eine 13jährige Lolita aus. Trotzdem hat sie gerade ein paar Drogendealer hochgenommen. Die bösen Buben werden abgeführt, da dreht sich Melody einmal schnell und selbstvergessen im Kreis. Wie kleine Mädchen das so tun, wenn sie nicht wissen, wohin mit all der guten Laune, dem Überschwang an Gefühl und Körperlichkeit.

Melody und der Safeknacker Ben
Warner Bros.

Melody und der Safeknacker Ben

Dieser kurze Krebitz-Kreisel nimmt uns den Atem. Und weil "Long Hello and Short Goodbye" voll des Unverhofften ist, kommen wir kaum noch zum Luftholen - bis am Ende der Schauplatz mit Leichen übersät ist. Fast wie bei Shakespeare sieht das aus, aber halt eben nur fast. "Long Hello and Short Goodbye" gibt stets nur vor, etwas zu sein. Ein Thriller zum Beispiel oder ein Gangsterepos oder eine Amour-fou-Geschichte.

Die etwas wirre Handlung windet sich um den Safeknacker Ben (Marc Hosemann). Als er aus dem Knast entlassen wird, erhält Melody von ihrem Vorgesetzten Kahnitz (Dietrich Hollinderbäumer) den Auftrag, Ben zu beschatten und ihn beim nächsten Bruch zu verhaften. Was sie nicht weiß: Kahnitz verfolgt Ben mit psychopathischer Konsequenz, weil er ihm einst seine Freundin, die ehemalige Ermittlerin Ida (Katja Riemann), abspenstig gemacht hat. Natürlich kommt auch Melody bei ihrem Auftrag die Liebe zu Ben dazwischen. Doch die Liebe ist nur eine Bande, von denen die Figuren wie Billardkugeln immer wieder aufs neue abprallen. Bis es zum Schluß zur großen Karambolage kommt.

Nicolette Krebitz, Marc Hosemann
Warner Bros.

Nicolette Krebitz, Marc Hosemann

Immer wenn man glaubt, es geht nicht mehr, schraubt Rainer Kaufmann die emotionalen Verwicklungen in "Long Hello und Short Goodbye" noch einen Dreh weiter. Daß ausgerechnet ein Regisseur diesen Film inszeniert hat, der bislang durch so gelackte Ware wie "Stadtgespräch" oder "Die Apothekerin" in Erscheinung trat, ist eine hübsche Überraschung.



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