Filmkritik "Matrix" - Elegante Ballerorgie

Keanu Reeves muß die Welt retten. Aber wie rettet man eine gigantische Illusion, die von einem Computerprogramm kontrolliert wird? Die "Matrix" verbindet Baudrillard mit Cyber-Punk.

Von Tilman Baumgärtel


Pistolenballett
Warner Bros.

Pistolenballett

Keanu Reeves betritt die Lobby eines Büro-Hochhauses in langem, schwarzen Trenchcoat. Die Sicherheitsbeamten, die neben dem Metalldetektor herumlungern, grinsen: "Na, Sie haben darunter doch nicht etwa irgendwelche Waffen versteckt?" Reeves verzieht keine Miene, als er "Doch" antwortet, und den Mantel öffnet, unter dem er mehrere halbautomatische Waffen, zwei Patronengurte und zwei Handgranaten trägt. Die folgende Schießerei scheint aus einem anderen Universum zu kommen. Nur Regisseure aus Hongkong schafften es in den letzten Jahren, Ballerorgien so balletthaft zu stilisieren.

Mit dem Science-Fiction-Film "Matrix" fand das amerikanische Kino jetzt die passende Antwort. Wenn die Hacker-Gang, die im Mittelpunkt des Films steht, im Kampf gegen eine mysteriöse Armee Wände hinauf und hinab sprintet, und von dem Dach eines Wolkenkratzers zum nächsten springt, erinnert das an artistische Kung-Fu-Choreographie - und nicht an die üblich stumpfe Feier von Gewalt in amerikanischen Actionfilmen.

Computerspezialist Neo (Keanu Reeves) kämpft um die Welt
AP

Computerspezialist Neo (Keanu Reeves) kämpft um die Welt

Die Brüder Larry und Andy Wachowski, die "Matrix" geschrieben und gedreht haben, wollten ihr Publikum mit den opulenten Bildern scheinbar erschlagen. Ihre postmoderne Melange zitiert Cyberpunk-Filme wie "Blade Runner", "Total Recall" und "Brazil". Auch Filmklassiker wie Cocteaus "Orphée" tauchen auf und vor gelegentliche Anspielungen auf postmoderen Philosophie, Nietzsche oder den Taoismus, schrecken die Wachowski-Brüder nicht zurück. Mit dem Cyberpunk-Film "Matrix" schaffen sie es jedoch, aus diesen disparaten Elementen einen Film zusammenzurühren, der unterhaltsam und gleichzeitig intellektuell herausfordernd ist. Nur die teilweise flachen Dialoge fallen in diesem Zusammenhang unangenehm auf.

Held der Computerhacker: Laurence Fishburne
Warner Bros.

Held der Computerhacker: Laurence Fishburne

Der Plot läßt sich kaum zusammenfassen: Keanu Reeves spielt den Programmierer Neo, der lernen muß, daß seine Welt nur eine "Matrix", eine komplexe Computersimulation ist, die ihn gefangen hält. Eine kleine Gruppe von Computerhackern unter der Leitung des charismatischen Morpheus (Laurence Fishburne) versucht, die Menscheit aus dieser Illusion zu reißen. Sie halten Neo für den Weltenretter, der sie aus der Knechtschaft befreien kann.

Ein Zufall scheint es nicht zu sein, daß in einer Einstellung das Buch "Simulacres et Simulation" des Medienphilosophen Jean Baudrillard zu sehen ist. Für Baudrillard leben wir bereits in einer "Simulationsgesellschaft", die durch die totale Medialisierung des Alltags den Wirklichkeitsbezug verloren hat. Einerseits demonstrieren die Wachowski-Brüder damit, daß wir nur noch in einem Universum von referenzlos gewordenen Bildern existieren. Andererseits erschaffen sie aber mit "Matrix" ein neues Bild, das in diesem Kontext eine viel größere Bedeutung hat: Zum ersten Mal gelingt es einem Kinofilm, die Gestalt des Hackers zu einer so mystischen Kino-Figur wie den Cowboy, den Detektiv oder den Killer zu machen. "The Matrix" hat der Informationsgesellschaft ihre erste Kino-Ikone gegeben.



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