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Filmkritik "Matrix Reloaded": Der Schein trügt sich selbst

Von Wiebke Brauer

Doppelt hält besser - aber nicht unbedingt, was es verspricht: Für den zweiten Teil ihrer "Matrix"-Trilogie haben die Wachowski-Gebrüder noch einmal ganz tief in die Trickkiste, inhaltlich aber oft daneben gegriffen. Dennoch beweist "Matrix Reloaded", dass Fortsetzungen auch Spaß machen können.



Der "Auserwählte" im Strudel der Matrix : Neo (Keanu Reeves)
REUTERS

Der "Auserwählte" im Strudel der Matrix : Neo (Keanu Reeves)

Am Anfang war Neo. Neo folgte wie Alice im Wunderland einem weißen Kaninchen, stellte fest, dass die Realität nur eine gigantische Computeranimation ist, verliebte sich in ein Mädchen namens Trinity und wurde von ihr erlöst, um die Welt zu retten. So viel zum ersten Teil eines feinen Filmes, der 1999 in die Kinos kam, Kult-Status erreichte und filmische Maßstäbe neu setzte. Kein Actionfilm kommt mehr ohne den so genannten "Bullet Time"-Effekt aus, die extreme Zeitlupe plus gleichzeitig rascher Kamera-Umrundung. Selten wird dieser Tage Filmgeschichte mit einer Investition von schlappen 65 Millionen Dollar geschrieben, die dann mit einem Einspielergebnis von 450 Millionen belohnt werden. Die Latte liegt hoch.

Voll beladen kommt jetzt der zweite Teil der "Matrix"-Trilogie in die Kinos, mit ihm ein Zwillingspärchen, das es auf Neo abgesehen hat, eine Armee sich selbst duplizierender Agenten und nicht zuletzt eine Viertelmillion "Wächter", krakenartige Kriegsmaschinen, die der Menschheit den Garaus machen wollen. Nimmt man dazu noch den dritten Teil "The Matrix Revolutions", der im November startet, und die 300 Millionen Dollar, die beide Filme gekostet haben sollen, wird eines für den Massenverächter klar: Es kann nur einen geben - und das ist immer der erste Teil.

Beeindruckende Highway-Action: Trinity (Carrie-Anne Moss) flüchtet mit dem "Schlüsselmacher"
Warner Bros.

Beeindruckende Highway-Action: Trinity (Carrie-Anne Moss) flüchtet mit dem "Schlüsselmacher"

Bestach doch das Erstwerk durch eine alles überdeckende Melancholie und Trauer um die verlorene Realität. Die war nicht perfekt, aber dafür ein Paradies an Sicherheit. Plötzlich sah sich Neo (Keanu Reeves) einer grässlichen Wirklichkeit gegenüber: Die Maschinen hatten die Macht übernommen und hielten die Menschheit in Batterien - als Batterien. Degradiert zu geistlosen Energiespendern, denen durch die virtuelle Matrix vorgegaukelt wurde, ein normales Leben zu führen. Die ganze Menschheit? Nein! Eine von unbeugsamen Rebellen bevölkerte Stadt namens Zion leistete den Maschinen Widerstand. An der Spitze der Freiheitskämpfer: Morpheus (Lawrence Fishburne), der in Neo den Erretter aus einer altüberbrachten Prophezeiung sieht, und Trinity, (Carrie-Anne Moss) die für ihn entbrennt. Das Charmante an der Geschichte: Asterixsche, mythologische und christliche Motive, gepaart mit atemberaubenden Spezialeffekten, einem coolen Design aus Apokalypse und Latex - und ein trauriger, zweifelnder Held.

Vier Jahre später ist er wieder da, und der Kampf zwischen Mensch und Maschine setzt sich fort. Die Zeit drängt, denn die "Wächter" bohren sich in die Unterwelt zur letzten freien Stadt Zion. Doch dort wird erst einmal diskutiert. Morpheus glaubt an die prophezeite Rettung durch Neo, der kopflastige Commander Lock setzt hingegen auf eine militärische Lösung. Es heißt, Entscheidungen zu treffen.

"Bullet Time": An Tricks und Effekten wird auch im zweiten Teil der "Matrix"-Trilogie nicht gespart
REUTERS

"Bullet Time": An Tricks und Effekten wird auch im zweiten Teil der "Matrix"-Trilogie nicht gespart

Für die politische Strategie ist nun der Senat gefragt. Leider, denn um politische Querelen im Hollywood-Kino zu sehen, kann man sich "Star Wars" aus der Videothek ausleihen - und genau daran erinnert der Anfang von "Matrix Reloaded": Weißhaarige Senatoren in wallenden Gewändern diskutieren um das Wohl der Menschheit. Und als sei eine Referenz nicht genug, tragen die Raumschiffkapitäne Morpheus und Lock auch noch asymmetrische "Star Trek"-Oberteile aus Strick.

Unschwer zu erraten, der Senat entscheidet sich für Morpheus. Dieser eröffnet in einer Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede biblischen Ausmaßes Zions Bürgern, dass sie in 72 Stunden wahrscheinlich das Zeitliche segnen. Daraufhin vereinen sich diese zu getrommelter Techno-Rhythmik in einer gigantischen Tanz-Orgie. Eine logisch etwas fragliche, aber nichtsdestotrotz mitreißende Szene - dank Kameratechnik, Musik und wohlgestalten schweißglänzenden Körpern in Ekstase. Ein zweites Mal wird hier allerdings mit der Erwartungshaltung des Zuschauers gebrochen, denn erst orientieren sich die Maßstab setzenden "Matrix"-Regisseure plötzlich an anderen Filmen, dann fehlen die erhofften kühlen Comic-Bilder.

Für einen zärtlichen Kuss: Persephone (Monica Bellucci) verrät ihren frankophilen Ehemann
REUTERS

Für einen zärtlichen Kuss: Persephone (Monica Bellucci) verrät ihren frankophilen Ehemann

Erst nach etwa einer halben Stunde wird das Warten auf Bekanntes belohnt: Neo wird zum "Orakel" (Gloria Foster) gerufen. Nachdem Neo ihren fernöstlichen Leibwächter Seraph (Collin Chou) überwunden hat, ("Man kennt einen Menschen erst, wenn man mit ihm gekämpft hat"), trifft er sie auf einer Bank inmitten eines urbanen Hinterhofes. In diesem stillen Moment des Films erfährt er, dass er die Hilfe des "Schlüsselmachers" (Randall Duk Kim) für die Rettung der Menschheit benötigt. Abgesehen von einer amüsanten Parallele zur Kino-Klamotte "Ghostbusters" ist und bleibt die Relevanz des Schlüsselmachers für die Geschichte allerdings eher unklar.

Zumindest muss der hutzlige Asiat zunächst aus der Gewalt des "Merowingers" (herrlich: Lambert Wilson) befreit werden - und damit gewinnt der Film an Fahrt und macht Freude. Wenn auch wahrscheinlich nicht überall im alten Europa: Denn der frankophile Dandy ist ein eher unangenehmer Zeitgenosse. Er handelt mit Informationen, frönt der wollüstigen Dekadenz und flucht deftig - am liebsten auf Französisch. Zur Belustigung programmiert er nebenbei ein orgiastisches Dessert für eine tief dekolletierte Blondine und amüsiert sich über ihre Wallungen. Der Fehler im System: Er hat nicht mit seiner Gattin gerechnet. Persephone (Monica Bellucci), kommt zwar wenig mythologisch, aber dafür um so kurviger daher: Als Fleisch gewordener Männertraum im kondom-engen Latexkleid mit Schößchen verrät sie ihren Mann für einen gefühlsechten Kuss von Neo. Aha: Noch nicht einmal von der Liebe verstehen die Franzosen etwas.

Agenten ohne Ende: Neos Erzfeind Agent Smith (Hugo Weaving) kann sich beliebig klonen
Warner Bros.

Agenten ohne Ende: Neos Erzfeind Agent Smith (Hugo Weaving) kann sich beliebig klonen

So kommt Neo zum Schlüsselmacher und gewinnt neue Feinde. Zum Trupp des Merowingers gehört ein aggressives Duo: Zwei bleiche Zwillinge mit schwarzem Gürtel und blankem Rasiermesser, die sich an Neos, Morpheus' und Trinitys Fersen heften. Es folgt eine vierzehnminütige Hetzjagd auf dem extra für den Film gebauten Highway. Autos fliegen, Trucks bersten und die Kamera jagt unter Achsen hindurch, bis auch der hungrigste Freund von Autounfällen und Explosionen actionsatt ist. Ein großer Spaß.

Neben den neuen Zwillings-Charakteren kommt auch Neos Erzfeind Agent Smith wieder zum Zuge. Und zwar massiv: Nach seiner Zerstörung im ersten Teil ist er aus dem System der Matrix ausgestiegen und zum Virus mutiert, das sich beliebig vervielfältigen kann. Sein recht menschliches Ziel ist die Rache an Neo, der es nun folglich mit einer ganzen Armee von Agent Smiths aufnehmen muss. Leider auf Kosten der persönlichen Animosität zwischen Smith und Neo aus dem ersten Teil. Erfreulich für alle Freunde der Tricktechnik und jene, die zu Recht von Hugo Weaving nicht genug bekommen können: Es entspinnt sich eine beeindruckende Kampfszene, an deren Ende Neo in die Lüfte flüchtet - ein Stunt, den er sich bei einem berühmten Kryptonier abgeguckt hat.

Doppelt hält besser: Die gefährlichen "Zwillinge" (Adrian und Neal Rayment) kämpfen gegen Morpheus (Laurence Fishburne)
Warner Bros.

Doppelt hält besser: Die gefährlichen "Zwillinge" (Adrian und Neal Rayment) kämpfen gegen Morpheus (Laurence Fishburne)

Auffallend an "Matrix Reloaded" ist, dass die Szenen, die am meisten Freude bereiten, in der Matrix spielen - wie auch fast der gesamte erste Teil. Ein Grund für die Faszination des Erstlings: Die Matrix erklärte das Unbehagen des Menschen in seiner Realität, unseren Zweifel an der Wirklichkeit und die Frage, warum uns das Leben manchmal wie ein Film erscheint, in dem wir uns plötzlich wiederfinden und willenlos agieren. Die Antwort der Wachowski-Brüder lautete, dass wir Teil einer gigantischen Illusion sind - gegen die es zu kämpfen gilt. Konterkariert wird diese Kampfansage nun im zweiten Teil durch die Augenfälligkeit, dass der virtuelle Wahn der Matrix am meisten fesselt.

Dazu verschieben sich Realitäten und Filmwahrheiten. Die Realität der Zion-Bewohner in "Matrix Reloaded" erinnert an "Star Wars", die Menschheit tanzt im Angesicht des Todes, das Highway-Action-Spektakel haben wir in "Terminator 2" schon einmal schlechter gesehen, der zum Virus mutierte Matrix-Agent menschelt und Neo macht "sein Superman-Ding", wie es im Film einmal genannt wird. Das Absurde: Die Illusion aus der Traumfabrik Hollywood wird unglaubwürdig, und zwar nicht, weil sie ein zu großen Teilen computeranimierter Film ist, sondern weil sie mit wahren und unwahren Erfahrungswerten kollidiert - der Schein trügt sich selbst. Was bleibt, sind 136 Minuten äußerst unterhaltsamer Kinospaß, die uns die Wirklichkeit vergessen lassen. Wie profan.

"Matrix Reloaded" ("The Matrix Reloaded"). USA 2002. Drehbuch und Regie: The Wachowski Brothers; Darsteller: Keanu Reeves, Laurence Fishburne, Carrie-Anne Moss, Hugo Weaving, Jada Pinkett-Smith, Gloria Foster. Produktion: Silver Pictures, Village Roadshow Pictures, NPV Entertainment, Warner Bros.; Verleih: Warner Bros.; Länge: 136 Minuten; Start: 22. Mai 2003

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