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Drogenthriller "Savages": Die wilde, wilde Westcoast

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Lass die Finger von meinen Drogen, sonst werd ich wild: In seinem Thriller "Savages" zeigt Oliver Stone, wie aus relaxten kalifornischen Pot-Dealern brutale Killer werden, die sich mit einem mexikanischen Kartell anlegen. Ein smartes Lehrstück über die primitiven Gesetze der Ökonomie.

Universal Pictures

Dieser Film beginnt so, wie man sich eine typische Szene im mexikanischen Drogenkrieg vorstellt: Ein maskierter Mörder metzelt gleich mehrere, offenbar ungehorsame oder betrügerische Schergen, indem er sie in einer schmutzigen Folterkammer enthauptet. Unmissverständliche Botschaft: Leg dich nicht mit dem Kartell an, sonst kostet es dich den Kopf.

Alles Wilde da unten? Kann sein, vielleicht ist die Realität eine andere, vielleicht kommt ihr Hollywood mit seinen extrapolierten Darstellungen nahe. In "Savages" (Englisch für Primitive) stellt Oliver Stone nun die Frage, wie sich sehr reiche, gut ausgebildete Amerikaner verhalten, wenn sie in die Spirale der Gewalt hineingezogen werden. Erzählt wird die Geschichte zweier Kumpels, die im kalifornischen Strandidyll Laguna Beach ein sehr lukratives Geschäft betreiben und sich für mindestens so smart wie ein Start-up im Silicon Valley halten. Nur dass sie nicht mit Software, sondern Marihuana dealen.

Ihr Pot gilt als der beste Stoff, der in den USA zu kriegen ist - logisch, dass die mexikanischen Drogenbosse gerne einen Anteil an diesem Business hätten. Doch der gutmütige Surfertyp Ben (Aaron Johnson, "Nowhere Boy") und der im Afghanistan-Einsatz gehärtete Pragmatiker Chon (Taylor Kitsch, "Battleship") wollen sich ihr gutgehendes Unternehmen nicht von einem Global Player abluchsen lassen. Aber wie sagt man dem organisierten Verbrechen (grandios als Mafia-Patin Elena und ihr Auftragskiller Lado: Salma Hayek und Benicio Del Toro), dass man nicht kooperieren will - ohne dass man sein Leben verliert? Man trickst die vermeintlichen Hinterwäldler mit ein bisschen Computer-Hacking einfach aus.

"You don't mess with Wal-Mart"

"Man legt sich nicht mit Wal-Mart an", rät ihnen noch der korrupte DEA-Veteran Dennis (John Travolta), der die Kräfteverhältnisse besser einschätzen kann. Doch da ist es bereits zu spät: Lado kidnappt die gemeinsame Geliebte der beiden Kalifornier, die von ihrem Leben als reiche Tochter gelangweilte O (Blake Lively) - das einzige, was die beiden gegensätzlichen Pot-Händler nach eigener Aussage verbindet. Erwartbar also, dass die Jungs durchdrehen, als sie von Os Entführung erfahren. Bis an die Zähne bewaffnet ziehen sie in einen Krieg, bei dem keiner die Moral auf seiner Seite hat.

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"Savages": Die Wilden und das Weed
Oliver Stone, der das Drehbuch vom gleichnamigen Bestseller des US-Schriftstellers Don Winslow adaptierte, hätte den beiden wahrscheinlich geraten, einen kühlen Kopf zu bewahren und vor allem - goldene Regel aller Drogendealer - die Finger vom eigenen Stoff zu lassen. Der Regisseur trieb sich einst die eigene Kokain-Sucht aus, indem er auf Entzug das Drehbuch zu Brian De Palmas "Scarface" (1983) schrieb. Das Ergebnis war einer der bis heute brutalsten Drogenthriller des US-Kinos.

Seitdem arbeitet sich Stone quer durch die Staaten: "Scarface" Tony Montana kam in den Achtzigern als armer Schlucker von Kuba nach Miami, um dort zum größenwahnsinnigen Graf Koks zu mutieren - mit katastrophalen Folgen. Später verlagerte Stone das Geschehen nach New York, wo er Drogen als Stimulanzen für Börsenhaie in "Wall Street" inszenierte. Und nun ist der Filmemacher mit Dealmaking und Drogendealing an der Westküste angekommen, der last frontier und dem letzten Utopia der USA, zerrissen zwischen Peace, Love, Gewalt und Gier. Wenn der Westen noch irgendwo wild ist, dann hier, wo schwelender Grenzkonflikt, Drogen- und Menschenhandel auf Hippie-Dekadenz und Surfer-Shangri-La prallen.

Die falsche Liebesgeschichte

Umso schadenfroher inszeniert Stone in "Savages" den Business-Deal, der zum Blutbad wird. Moral- und Zivilisationsunterschiede lösen sich im Pulverdampf auf, je länger die beiden Parteien sich balgen: Die katholisch erzogenen Mexikaner finden es abstoßend, dass Ben und Chon mit derselben Frau schlafen und ein hedonistisches Lotterleben führen. "There's something wrong with your love story, Baby", sagt Elena zu ihrer Gefangenen O. Der College-Boy Ben wiederum, der einen Teil seiner Drogenerlöse in Entwicklungsprojekte steckt, ekelt sich vor dem blutrünstigen Macheten-Geschwinge und Macho-Getue der Mexikaner.

Wie schon bei seinen letzten Spielfilmen "Wall Street 2" und "World Trade Center" verzichtet Oliver Stone in "Savages" auf die visuellen Mätzchen, die seine früheren Werke experimentell und radikal wirken ließen: Es gibt kaum wackelige Handkamera-Szenen, kaum Überblendungen von schreiend bunt zu Schwarzweiß; Stone weiß, dass diese einst avantgardistisch wirkenden Elemente längst im Mainstream angekommen sind, er muss sich selbst nicht reproduzieren.

Stattdessen huldigt er mit farbsättigenden Filtern und teilweise elegischer Inszenierung kalifornischer Strandschönheit den großen Panoramen Sergio Leones und King Vidors, dessen hitzigen Klassiker "Duell in der Sonne" er unlängst in einem TV-Interview als Inspiration nannte. Auch Godards "Verachtung" habe, so Stone, im Dreier-Verhältnis zwischen Ben, Chon und O eine kleine Rolle gespielt, und das reichlich blutige Finale im Wüstensand sei eine Hommage an Sam Peckinpahs Spätwestern "The Wild Bunch".

So wird "Savages" zu einem erfrischend selbstironischen Western, der nur auf den ersten Blick weniger kontrovers wirkt als Stones große Politdramen: Drogenkrieg, skrupellose Geschäftemacherei, Yuppie-Überheblichkeit, die Hybris der USA, sich für weniger primitiv zu halten als das Nachbarland oder den Rest der Welt - all das sind Themen, die Stone immer wieder in seinen Filmen variiert. Diesmal macht es nur mehr Spaß, ihm dabei zuzusehen.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Test?!
gczimmermann 10.10.2012
Zitat ""Scarface" Tony Manolo" - ist das ein Test? wusste gar nicht das Tony Montana auch mit Frauenschuhen gehandelt hat. Oder hat er die getragen.....
2. Abgekupfert?
mathaeus 10.10.2012
Zitat von sysopUniversal PicturesLass' die Finger von meinen Drogen, sonst werd' ich wild: In seinem Thriller "Savages" zeigt Oliver Stone, wie aus relaxten kalifornischen Pot-Dealern brutale Killer werden, die sich mit einem mexikanischem Kartell anlegen. Ein smartes Lehrstück über die primitiven Gesetze der Ökonomie. http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmkritik-savages-hinterhaeltiger-drogenthriller-von-oliver-stone-a-860326.html
Zuerst dachte ich, er kopiere von WEEDS und Breaking Bad, aber als ich Don Winslow las... Werde ihn wohl schauen!!
3. Heisenberg Pinkman 2012
EuroStar2011 10.10.2012
Zitat von mathaeusZuerst dachte ich, er kopiere von WEEDS und Breaking Bad, aber als ich Don Winslow las... Werde ihn wohl schauen!!
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Savages an Breaking Bad herankommt. Walther White aka Heisenberg ist unuebertreffbar. @SPON: Die wilde, wilde Rechtschreibung: *West Coast* sind zwei getrennte Woerter
4. harter Film
stellan0r 10.10.2012
Habe ihn vor ein paar Wochen in einer Sneak Preview gesehen und würde ihm persönlich ein FSK21 geben. Aber der Film ist sehr gut, allerdings ungewöhnlich (explizit und) brutal. Trotzdem nicht nur für Oliver Stone Fans sehenswert!
5. Wenn
tobo5824 10.10.2012
Zitat von sysopUniversal PicturesLass' die Finger von meinen Drogen, sonst werd' ich wild: In seinem Thriller "Savages" zeigt Oliver Stone, wie aus relaxten kalifornischen Pot-Dealern brutale Killer werden, die sich mit einem mexikanischem Kartell anlegen. Ein smartes Lehrstück über die primitiven Gesetze der Ökonomie. http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmkritik-savages-hinterhaeltiger-drogenthriller-von-oliver-stone-a-860326.html
Wenn der Film nur halb so gut ist wie Don Winslows Romanvorlage - und bei Stone bin ich da zuversichtlich -, wird er ein Kracher.
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Savages

USA 2012

Regie: Oliver Stone

Buch: Oliver Stone, Don Winslow, Shane Salerno

Darsteller: Taylor Kitsch, Aaron Johnson, Blake Lively, Salma Hayek, Benicio Del Toro, John Travolta, Demián Bichir

Produktion: Ixtlan, Onda Entertainment, Relativity Media

Verleih: Universal

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 16

Start: 4. Oktober 2012


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