Filmkritik Science-Fiction: Faschismus light im Weltall

Paul Verhoevens Sternenkriegsfilm "Starship Troopers" ist ein frivoles Meisterwerk.




Wer unvorbereitet in diesen Film geht und nicht mehr erwartet als Zoff mit außerirdischen Killerkakerlaken, wird, ziemlich verstört, ein Meisterwerk faschistischer Lichtspielkunst entdecken. Er wird dasitzen und sagen: "Das kann doch nicht - darf doch nicht - ernst gemeint sein."

Natürlich ist es das nicht. Aber was ist natürlich? Und wen interessiert das? Der Film "Starship Troopers" geht auf ein Kultbuch des Jahres 1959 zurück, in dem der Autor Robert A. Heinlein polemisch eine blühende faschistische Zukunft entwirft:

Die Menschheit ist geeint; soziale, religiöse oder rassische Unterschiede gibt es nicht mehr. Das Energieproblem ist gelöst, der Umwelt geht's gut, es wird viel Hallenfootball gespielt, ein Mörder wird am selben Tag verhaftet, verurteilt und exekutiert. Kein Führerfaschismus, kein Willkürregime - aber eine Militäroligarchie. Wählen darf nur, wer in die Streitkräfte eintritt - so einer darf sich "Citizen" nennen, im Unterschied zum "Civilian", dem es aber auch nicht schlechtgeht, und der, solange er nichts Böses tut, seine Ruhe haben darf.

Eine technizistische Hochglanz- und Wohlstandswelt, gestört nur von fiesen Insekten am anderen Ende der Galaxis: Die schleudern Meteore wider die Erde und müssen deshalb ratzeputz ausgemerzt werden. All das zeigt auch Verhoeven, erweitert um die Idee völliger Emanzipation - was ihm dazu dient zu zeigen, wie Soldatinnen und Soldaten in der Kaserne gemeinsam duschen gehen.

"Starship Troopers" kommt ohne Stars aus, das ist durchdacht - deren Gesichter hätten zuviel Persönlichkeit oder immerhin Wiedererkennungswert. Verhoeven brauchte schöne junge Menschen, die zusammenhalten. Kameradschaft ist klasse. Selbst der fiese Schleifer im Ausbildungslager ist im Grunde aller Menschen Freund. Drill ist toll. Töten macht Spaß. Edelmut tut allen gut. Und Feigheit ist ekelhaft. All dies wäre in einem Bahnhofskinoklopperfilm nichts Ungewöhnliches. Aber hier - inmitten einer bildgewaltigen Ästhetik, eines bis in die Details stimmig ausgestatteten Zukunftsentwurfs?

Auf den Schulterklappen der Offiziere finden sich Sieg-Runen. Die Uniformen sind deutschen aus dem Zweiten Weltkrieg nachempfunden, und, frivoler Höhepunkt, der lange, dunkle Gestapo-Mantel ist Bekleidungsstück der "Military Intelligence", der geistigen Elite. Selbstverständlich geht die Welt außerhalb Deutschlands viel unbefangener mit Symbolen und Topoi des Nazismus um - eben wie mit irgendeinem anderen Zeichensatz aus dem Geschichtsarsenal. Und das ist ihr gutes Recht, an das man sich hierzulande schwer gewöhnen kann. Aber darum geht es hier gar nicht.

Verhoeven suchte ein Stilmittel, das einer alten Story einen neuen Kick gab. Er fand es in der totalen Simplifikation, der Aufteilung in supergute Menschen und superböse Käfer. Mitleid ist hier ausgeschlossen, und so ergibt sich ein enormes Potential von zynischem Witz, das hier in letzter Konsequenz ausgenutzt wird. So etwa, wenn der besiegte Gegner im Versuchslabor landet und unter völlig naiv-herzensgutem Gelächter gefoltert wird. Das ist schräg und neu und eigentlich uralt.

Verhoeven nahm sich Propagandafilme des Zweiten Weltkriegs zum Vorbild und übersetzte stur deren simpel gestricktes Rollenbild. Das Ergebnis, dachte er wohl, müsse zwangsweise groteske Überzeichnung sein, Satire eben, Karikatur.

Niemand kann das für voll nehmen. Niemand? Zunächst einmal ist dieser Film eine effektgeladene Schlächterei, dabei ohne starke Schockeffekte. Man wundert sich, wie wenig man vom Grauen berührt wird, entdeckt so, daß Verhoeven über die zerrissenen Leichen einen feinen ästhetischen Schleier gewoben hat, der, und das ist große Kunst, nirgends deutlich zum Vorschein kommt. Alles, was auf der Leinwand passiert, ist unbedrohlich und fern, ohne daß es dem Geschehen die Spannung raubt. Diesen Spagat muß man erst mal hinbekommen, ohne glatt zu werden und eindimensional, wie es Verhoeven ("Total Recall") oft passiert ist. "Starship Troopers", vom Verleih sympathischerweise nicht als Antikriegs-, sondern als Kriegsfilm tituliert, gibt gar nicht vor, pädagogisch wirken zu wollen. Aber tut er es gerade dadurch nicht um so raffinierter? Nach längerem Zögern sage ich : Ja. "Starship Troopers" ist eine düstere Zukunftsvision, perfide getarnt durch leuchtend grelle Farben. Eine wunderbare Klamotte für aufgeklärte Zuseher. Und hier beginnt das Dilemma.

Denn was Kino ist, entscheidet nicht nur die Intention derer, die es gemacht haben. Filme haben so viele Botschaften wie Zuseher. Filme für ein breites Publikum transportieren vor allem jene Botschaft, die die Mehrheit seiner Zuseher aus ihnen ableitet. Einigen wird Verhoevens Opus - unfreiwillig - den Eindruck vermitteln, daß Faschismus light okay sein kann. Und das kann nicht okay sein.

Von daher ist "Starship Troopers" ein gefährlicher Film. Gefährlich ist aber nur, was auch gut ist. Und "Starship Troopers" ist ein sehr guter Film.

Helmut Krausser

DER SPIEGEL 5/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags



© SPIEGEL ONLINE 1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.