Filmkritik "Sie liebt ihn - sie liebt ihn nicht" - Karussell der Möglichkeiten

Das Regiedebüt des britischen Schauspielers Peter Howitt ist ein unterhaltsames Beziehungsstück über die Zufälle des Lebens.

Von Bettina Koch


Mit einem Film über die Sekunden, die im Leben alles ändern, ist gerade Tom Tykwer mit seinem Streifen Lola rennt äußerst erfolgreich. Filmpreise in Cannes, Hof und eine deutsche Oscar-Nominierung brachte ihm bisher das Werk, in dem Franka Potente in drei sich wiederholenden Sequenzen um das Leben ihres Freundes rennt. Der englische Fernseh-Schauspieler Peter Howitt hatte einen ähnlichen Einfall, als er vor einigen Jahren fast von einem Auto überfahren worden wäre. Es dauerte, bis der Regiedebütant Produzenten und Geld zusammenhatte (unter anderem, weil die zunächst als Helen besetzte Minnie Driver absprang), doch dann machte er aus seiner Idee einen netten Film über die Momente, die völlig unbemerkt Weichen im Leben stellen.

Nicht hintereinander wie Tykwer, sondern nebeneinander montiert er die gelebten und ungelebten Möglichkeiten der PR-Managerin Helen (Gwyneth Paltrow), die gefeuert wird, weil sie mal wieder zu spät kam und auch noch übers Wochenende für ihren Geburtstag Vodka aus dem Büro-Kühlschrank geliehen hatte. In der einen Version kommt sie deshalb früher nach Hause, erwischt ihren Freund, den Möchtegern-Literaten Gerry (John Lynch), mit einer anderen im Bett und startet nach einem kurzen Durchhänger mit Kurzhaarfrisur in ein neues Leben mit neuer Liebe, die allerdings wieder ihre eigenen Verwicklungen hat. In der anderen Version verpaßt sie die U-Bahn, die sie in der ersten gerade noch erwischt hat, ertappt ihren Freund daher nicht inflagranti und kann sich voll auf ihren Arbeitlosen-Frust konzentrieren. Die Haare bleiben lang und durch dieses einfache Mittel verliert der Zuschauer nicht die Orientierung im Gemenge der Parallel-Welten. "Sliding doors" heißt der Film im britischen Original. Doch die sich schließenden U-Bahn-Türen bleiben nicht das einzige schicksalsprägende Ereignis in Helens Leben.

Trotz der komplizierten Montage wirkt Howitts unterhaltsamer und cleverer Erstling nicht wie ein filmischer Essay, sondern äußerst lebendig. So laufen sich die Beteiligten in beiden Versionen öfters über den Weg, einmal sich kennend, das andere Mal gehen sie als Passanten aneinander vorbei. Das ist so realistisch und surreal zugleich, daß man sofort aus dem Kino laufen und die Probe selbst machen möchte.

Regie und Drehbuch: Peter Howitt; Darsteller: Gwyneth Paltrow, John Hannah, John Lynch, Jeanne Tripplehorn. 105 Minuten.



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