Bond-Film "Skyfall": Der Spion, der nur Mutti liebte

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Burnout, Kindheitstrauma, Mutterkomplex - und womöglich sogar schwul? Im Jubiläums-Bond "Skyfall" begibt sich Britanniens härtester Geheimagent auf einen gnadenlosen Psycho-Trip. Regisseur Sam Mendes gelang ein Action-Thriller, der den ultimativen Kino-Macho dem Zeitgeist anpasst.

Die Zeichen der Zeit sind nicht mehr zu leugnen: "This is a young man's job", sagt der Regierungsbeauftragte Mallory (Ralph Fiennes) in "Skyfall" mokant zu James Bond. Vorangegangen war die Frage, ob sich 007 fit genug für den Feldeinsatz fühle. Eine Frechheit!

Andererseits: 50 Jahre im Geheimdienst Ihrer Majestät haben Spuren hinterlassen bei Britanniens berühmtestem Geheimagenten. Über weite Strecken von "Skyfall", dem 23. Bond-Abenteuer, das diese Woche auch in Deutschland anläuft, blickt man mit Schrecken in das Antlitz von Hauptdarsteller Daniel Craig: Tiefe Furchen ziehen sich durch sein unrasiertes Gesicht, der Teint wächsern, die Augenringe schwarz. Beim Schießtraining zittert seine Hand, und mehr als einmal schwächelt der härteste Spion aller Zeiten, schnappt atemlos nach Luft nach einer Verfolgungsjagd oder verzerrt schmerzhaft das Gesicht, wenn der Bizeps den gepeinigten Körper einfach nicht mehr über dem Abgrund halten will.

Was ist da los? Bond, am Ende seiner Kräfte? Noch nicht ganz, aber unter der Regie von Beziehungsdrama-Spezialist Mendes ("American Beauty") wird James Bond so brutal mit dem Zeitgeist konfrontiert, dass es mehr stürmt und schüttelt im Martini-Glas, als es dem Gentleman-Spion lieb sein könnte. Das beginnt schon in der Anfangssequenz, diesmal weniger explosiv als gewohnt, aber dafür umso schockierender: Bond, in einen Faustkampf auf dem Dach eines fahrenden Zuges involviert, wird von einer jungen Kollegin angeschossen, fällt ins Bodenlose, gilt als verschollen, wenn nicht gar KIA, killed in action.

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"Skyfall": Mach's für Mutti, James!
Der Grund für das Desaster: Dank moderner Telekommunikation sitzt Bonds Chefin M (Judi Dench) nicht mehr wie früher ahnungslos im Londoner MI6-Hauptquartier, sondern dirigiert als big Mother via Knopf im Ohr jede kleinste Handlung ihrer Agenten. So auch die Nachwuchs-Spionin Eve (Naomi Harris), die von M dazu gedrängt wird, den Abzug zu betätigen, auch wenn es Bond statt des Bösewichts erwischen könnte: "Take the damn shot".

Wie man später sehen wird, bringt es Eve mit ihrem blinden Gehorsam noch weit in der Hierarchie des Geheimdienstes. Bond hingegen, der fünf Jahrzehnte ganz gut damit fuhr, auf eigene Faust zu handeln, erlebt die Härte der modernen Arbeitswelt, als er - doch noch lebendig - wieder in London aufkreuzt: Dein Apartment? Oh, haben wir verkauft. Standardprozedur.

Viril, aber fragil

Das ist also der Dank für 50 Jahre treues Töten für Queen und Country. Plötzlich gilt der soignierte Schattenmann, der so elegant mit der Walther PPK im Smoking agiert, als nicht mehr zeitgemäß. Beim ersten Treffen mit dem neuen, sehr jungen und hippen Quartiersmeister Q (Ben Whishaw) wird Bond gar ins Museum bestellt. Denn die Schatten, in denen der Geheimdienst seine Geschäfte abseits der Öffentlichkeit erledigte, existieren im Internetzeitalter eben nicht mehr, wie Mallory zu M sagt. Der Vorsitzende des Komitees für Spionage-Tätigkeiten legt der eisernen MI6-Chefin den Rücktritt nahe, weil ihr eine Datei mit den Klarnamen aller britischen Agenten abhanden gekommen ist, die ein Cyber-Terrorist nun WikiLeaks-mäßig veröffentlichen will.

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Bond-Premiere in London: 007 und die Vamps
Schnell stellt sich heraus, dass dieser Assange-Verschnitt Silva heißt, ein abtrünniger MI6-Agent ist, der sich von M verraten fühlt und nun auf Rache sinnt: "Mami war sehr böse", sagt er mit theatralischer Grausamkeit und einem Wahnsinn, der an Batmans Erzfeind Joker erinnert. Gespielt wird er, hinreißend blondiert, von Javier Bardem, der spätestens seit seiner Rolle als Anton Chigurh in "No Country For Old Men" ein Händchen für neurotische Killer hat. Bond und Silva, das sind zwei enttäuschte Söhne der gleichen Mutter, die, jeder auf seine Art, nach Aufmerksamkeit heischen: Der eine mit Gewalt, der andere durch Gehorsam. Denn Bond entscheidet sich nach dem beinahe tödlichen Liebesentzug vom Beginn des Films und mehreren Monaten hochprozentiger Reha letztlich doch wieder für die gute Seite - und kehrt, sichtlich Burnout-geplagt, zurück in den Dienst.

Bond, klar, war stets ein Borderline-Kandidat. Die Ambivalenz der von Zweifeln zerfressenen Kampfmaschine wurde vor allem in den letzten beiden Filmen immer stärker thematisiert. Daniel Craig, der viril und fragil gleichermaßen meistern kann, erweist sich hierfür einmal mehr als perfekte Besetzung.

Der reflektierte Mann

Sam Mendes bringt die Psychoanalyse nun zu einem fulminanten Abschluss: Die schärfste Sex-Szene des Films spielt sich nicht etwa zwischen Bond-Girl Bérénice Marlohe (als Femme fatale Sévérine) und Craig ab, sondern als der gefesselte 007 von Silva verhört wird. Homosexualität, Don-Juanismus und Draufgängertum, diese drei Eigenschaften machen den unter einem Mutterkomplex leidenden Mann aus, das wusste schon C.G. Jung. Macho Bond entpuppt sich in "Skyfall" also als Muttersöhnchen, das so gerne der einzige, beste und beliebteste Prinz von Übermama M bleiben möchte.

Zum Showdown der Action und der Gefühle kommt es auf dem verwitterten Landgut von Bonds Eltern (bekanntlich bei einem Bergunfall ums Leben gekommen, als James noch ein Kind war), düster und malerisch in den schottischen Highlands gelegen. Dorthin, wo ein kauziger Haushälter mit Jagdflinte (Albert Finney) das Haus hütet, bringt Bond seine in Nöten geratene Chefin. Und natürlich chauffiert er sie im ältesten und coolsten Bond-Car, dem silbernen Aston Martin DB 5 - eine amüsante Hommage an Sean Connerys ersten 007-Auftritt in "Dr. No." vor 50 Jahren, aber auch ein Symbol für die tiefenpsychologische Aufarbeitung der Figur in "Skyfall".

Ist das alles zu viel für einen Actionfilm? Vielleicht sogar unangebracht? Wundersamerweise nicht. Denn Sam Mendes und seinem großartigen Kameramann Roger Deakins, der sonst mit den Coen-Brüdern dreht, gelingt es, einen bei aller Rasanz stimmungsvollen Film abzuliefern, der Bonds Charakter im Befindlichkeits-Zeitgeist des 21. Jahrhunderts verortet: Ein Mann darf hart und wild sein, aber er sollte sich bewusst sein, warum er es ist - und sich seinen Traumata stellen. Darin besteht wohl der Mut moderner Männnlichkeit. Nachteil: Es gibt nicht mehr so viel zu lachen. Und mit den Frauen klappt's irgendwie auch nicht mehr so wie einst bei Connery, Moore und Brosnan.

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Bonds Mädchen: Der globale Gespielinnen-Reigen
Also doch ein Job für einen Jüngeren? Keineswegs! Gleichzeitig mit Handfeuerwaffe und Psycho-Ballast zu hantieren, dafür braucht es Lebensbildung. Was James Bond in "Skyfall" an körperlichen und seelischen Strapazen absolvieren muss, ist nichts für einen jungen, abgeklärten Dandy, sondern für einen gereiften Romantiker auf Liebesentzug, der eitel und infantil genug ist, diese Drecksarbeit zu machen. Für England? Nee, natürlich für Mama.

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insgesamt 139 Beiträge
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1.
ObackoBarama 29.10.2012
Sorry, aber der Versuch, aus Bond irgendwelche zerrissene, todernste Figur, mit dem Pseudo-Tiefgang zu machen, ist lächerlich und unfrewillig witzig.. Es erinnert mich an den Gag, den es, glaube ich, mal bei "Wochenshow" gab. Als ein Schauspieler mit der todernsten Miene aus einem großen geschmuckten Buch, die Texte der Schlager-Lieder vorliesste, unter anderen, "Wahnsinn.." von W. Petry.., so theatralisch, als würde er die Gedichte von irgendeinem großen Dichter vorlessen. Sam Mendes hat schon mit seinem Oscar-Film "American Beuty", so einen überladenenen Allerelei-Konflikte-Drama-Schinken gemacht. Der Film sah so aus, als hätte da Jemand die sämtlichen Klischees aus den Reality-Dokus von RTL 2 genommen und sie ihn den Film reingeworfen.
2. Leider
südd. 29.10.2012
Zitat von sysopSony PicturesBurnout, Kindheitstrauma, Mutterkomplex - und womöglich sogar schwul? Im Jubiläums-Bond "Skyfall" begibt sich Britanniens härtester Geheimagent auf einen gnadenlosen Psycho-Trip. Regisseur Sam Mendes gelang ein Action-Thriller, der den ultimativen Kino-Macho dem Zeitgeist anpasst. http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmkritik-skyfall-james-bond-als-muttersoehnchen-a-863646.html
Ich weiß nicht was sie mit „Zeitgeist angepasst“ meinen. Meinem entspricht er nicht. Ich vermute eher die Macher haben sich dem PC Vorgaben unterworfen, und versuchen eine neue Zuschauer anzusprechen. Durch diese Art zerstören sie nur die Figur!
3. Braucht
steinaug 29.10.2012
Braucht die Kinowelt wirklich einen Psycho-Gender- Zeitgeist-Bond ?
4. Roger Moore
großvisionaer 29.10.2012
war der einzig gute Bond Darsteller...Die heutigen Bonds sin so gäääähnend langweilig
5. Obacko
spon-facebook-694210307 29.10.2012
Sorry aber das ist totaler müll @obacko. Denn gerade das ewig gleiche actionfeuerwerk war eher was für die rtl2 zuschauer. Wenn sie mit dem meisterwerk american beauty nichts anfangen können, sollten sie vlt wieder rtl2 gucken (woher sonst kennen sie die serien inhalte?). Der originale bond war auch nicht so ein klamauck, das lag mehr an der deutschen übersetzung der bücher.
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Skyfall

UK/USA 2012

Regie: Sam Mendes

Buch: Neal Purvis, Robert Wade, John Logan, Paul Epworth

Darsteller: Daniel Craig, Judi Dench, Javier Bardem, Ben Whishaw, Ralph Fiennes, Naomie Harris, Bérénice Marlohe, Albert Finney

Produktion: MGM, Columbia Pictures, Eon Productions, Danjaq

Verleih: Sony

Länge: 143 Minuten

FSK: ab 12

Start: 1. November 2012


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