Filmkritik "Titanic" - Opulente Wasseroper

Von der Lachnummer des Sommers zum Film des Jahres: James Camerons Untergangsspektakel.

Von Bettina Koch


Das Drei-Stunden-Epos über die Jungfernfahrt der Titanic bietet gleich zwei Filme in einem: Eine wunderschöne Liebesgeschichte zwischen einem Mädchen aus dem Ober- und dem Jungen aus dem Unterdeck und ein Katastrophen-Drama mit stürzenden Wassermassen, und Todeskämpfen um die zu wenigen Rettungsplätze. Beiden Filmen gemeinsam ist das tragische Ende.

Neben dem unerbittlichen Ozean ist die 22jährige Kate Winslet das große Naturereignis des Films. Die von ihr verkörperte 17jährige Rose, ein zwangsverlobtes "Indoor-Girl" auf der Flucht vor der Heirat, ist keine sonderlich glaubhafte Figur. Aber Winslet stattet die Drehbucherfindung so mitreißend mit Seele aus, daß der Film in ihr seinen menschlichen Schwer- und Angelpunkt bekommt. Und Leonardo DiCaprio ist wieder mal der moralische Held, frech und ernsthaft, herzensgut und schön spielt er den Kunstmaler Slack, der seine Reise beim Poker gewonnen hat, so unbefangen in unsere Zeit wie seinen Romeo in Baz Luhrmanns Popfassung des Shakespeare-Klassikers. Die "New York Times" sah DiCaprio und Winslet schon Scarlet O'Hara und Rhett Butler ablösen.

Einige Figuren geistern reichlich klischeehaft durch die Handlung. Aber daß der Verlobte bei all den bedrohlichen Wassermassen auch noch mit der Pistole hinter dem Paar hinterherstellen muß wird ebenso zum Detail wie die unbeantwortete Frage, was eigentlich aus den Hunden der besseren Gesellschaft wurde, die anfangs an Bord und später noch einmal Gassi geführt werden, aber dann nie wieder auftauchen. Auch der Zufall, daß alle aus dem Titanic-Tresor geborgenen Papiere zu Matsch zerfallen außer dem einen Bild, das die Geschichte in Gang bringt, wird nebensächlich. Die Mischung aus realistischer Fiktion und großem Theater der Sinne bewahrt den teuersten Film aller Zeiten davor, eine Leistungsshow Hollywoods zu werden. So sieht man eine Wasseroper mit opulenten Massenszenen, faszinierenden Unterwasseraufnahmen und einer luxuriösen Ausstattung: die Vereinigung von "Vom Winde verweht" und "Die Brücke am Kwai".



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