Kinodrama "Vernarbte Herzen" Auf dem rumänischen Zauberberg

Was macht es mit dem Körper, was mit dem Geist, wenn man krankheitsbedingt zehn Jahre liegen muss? Der Kinofilm "Vernarbte Herzen" bietet einmalige Einblicke in Leben und Werk des rumänischen Autors M. Blecher.

Real Fiction

Von


Zwei Empfehlungen, wenn Sie erlauben, vorab: 1. Schauen Sie sich "Vernarbte Herzen" unbedingt an. Es ist ein einzigartiger Film. 2. Prägen Sie sich das Gesicht von Hauptdarsteller Lucian Teodor Rus in den ersten 20 Minuten gut ein. In den restlichen zwei Stunden werden Sie es nämlich kaum mehr zu sehen bekommen.

"Vernarbte Herzen" erzählt nach der Lebensgeschichte und den Schriften des rumänischen Autors M. Blecher von einem jungen Mann im Rumänien der Dreißigerjahre, der wegen Knochentuberkulose in ein ländliches Krankenhaus eingeliefert wird. Zur Behandlung wird sein Oberkörper eingegipst, und er verbringt letztlich zehn Jahre seines Lebens im Bett liegend, bevor er mit nur 29 Jahren stirbt.

Wie überzeugt man einen Schauspieler, eine Rolle zu übernehmen, bei der er größtenteils liegend und ohne Nahaufnahmen spielen muss? "In Rumänien gibt es nicht besonders viele Arbeitsmöglichkeiten für Schauspieler, deshalb war es ganz leicht, jemanden für die Hauptrolle zu finden", sagt Radu Jude, der schelmische Regisseur und Drehbuchautor von "Vernarbte Herzen", beim Interview in Berlin. "Überhaupt war es für mich sehr einfach, mit liegenden Schauspielern zu arbeiten: Beim Mise en Scène konnte sich keiner bewegen."

Fotostrecke

9  Bilder
"Vernarbte Herzen": Der Körper liegt, der Geist rast

Kritiker freuen sich schon länger auf Judes neueste Projekte: Innerhalb der Riege der exzellenten Regisseure, die Rumänien seit rund 15 Jahren hervorbringt, ist er der humorvollste und der neugierigste, wenn es um Stoffe jenseits aktueller Gesellschaftsdramen geht. Für "Aferim!", einen Schwarz-Weiß-Film, in dem das ländliche Rumänien der Fünfzigerjahre des 19. Jahrhunderts unverhofft zu einem Westernschauplatz wird, wurde er auf der Berlinale 2015 mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet.

Obwohl "Vernarbte Herzen" mit seinem Tuberkulosesanatorium ein nicht minder ungewöhnliches Setting als "Aferim!" hat, ist es Judes erster Film, der endlich auch in Deutschland in die Kinos kommt - vielleicht weil er von Maren Ade und ihrer Firma Komplizen Film produziert wurde, vielleicht weil er an Thomas Manns "Zauberberg" erinnert. Doch wie bei der Knochentuberkulose, an der die Patienten in "Vernarbte Herzen" statt Lungentuberkulose leiden, handelt es sich auch beim Film selbst um die tragischere, unwürdigere, aber auch komischere Variante einer leidlich ähnlichen Geschichte.

"Die Vergangenheit ist unwiederbringlich vorbei"

Schon das Auftragen des Gipses bei Blecher (Lucian Teodor Rus) erinnert eher an eine grobe tierärztliche Prozedur denn an eine sorgsame Behandlungsmethode. Zwischen zwei Operationstischen wird der 19-Jährige quer zum Trocknen platziert. Auch wenn die Fürsorge nicht immer so rabiat ist, bessert sich für Blecher in den kommenden zehn Jahre kaum etwas: Der Schmerz und die Zumutungen, die mit der Krankheit einhergehen, bleiben, während die Aussicht auf Heilung schwindet.

Wie sehr ihn seine Situation in die Verzweiflung treibt, erfährt man allerdings nicht aus den Bildern von "Vernarbte Herzen". Die sind im nahezu quadratischen Akademieformat gestaltet und verzichten weitestgehend auf eine bewegliche Kamera. Zudem von Farben durchwirkt, die an die Leuchtkraft von Technicolor erinnern, nimmt der Film bald die Qualitäten eines alten Schaukastens an: Man erhält Einblick in eine faszinierende Welt und kann doch nicht in sie eintauchen.



"Vernarbte Herzen"
Originaltitel: "Inimi Cicatrizate"
Rumänien, Deutschland 2016
Regie: Radu Jude
Drehbuch: Radu Jude nach dem Roman von M. Blecher
Darsteller: Lucian Teodor Rus, Ivana Mladenovic, Serban Pavlu
Produktion: HI Film Productions, Komplizen Film et al.
Verleih: Real Fiction
Länge: 141 Minuten
Start: 9. Februar 2017



"Mir war diese betonte Künstlichkeit sehr wichtig", sagt Radu Jude. "Es gibt nicht die eine historische Wirklichkeit. Die Vergangenheit ist unwiederbringlich vorbei, von ihr bleiben nur einzelne Elemente zurück. Diese fügen wir erst in unserem Kopf zusammen, dann übersetzen wir das Ganze noch mal in einen Film - sogenannte historische Filme erreichen deshalb einen Grad an Abstraktion, der geradezu absurd ist. Das wollte ich hiermit klar machen."

Damit einher geht der Verzicht auf Nahaufnahmen seines Protagonisten. Kein schmerzverzerrtes Gesicht wird im Close-up ausgestellt, nie mitleidsvoll in tränenerfüllte Augen geblickt. Dennoch kommt einem Blecher radikal nah, denn Jude blendet Texttafeln mit Zitaten aus Blechers Tagebüchern und literarischen Schriften, allen voran dem titelgebenden Roman "Vernarbte Herzen" (2008 auch auf Deutsch erschienen), ein.

Das Vakuum schluckt die Gefühle

"Eine Kralle verankerte sich in dem von der Betäubung versteinerten Fleisch", liest man, nachdem Blecher ein schmerzhafter Abszess entfernt wurde. "In diesem Vakuum bilden wir Gefühle, die nur in unserem immateriellen Raum existieren, wir meinen, in der Welt zu leben, während das Vakuum alles aufsaugt", liest man, nachdem Blecher Besuch von einer ehemaligen Patientin bekommen hat und die Möglichkeit einer Affäre im Raum steht. Und schließlich: "Er erinnerte sich, dass er einst Student gewesen war, mit Zielen und Wünschen. Wann war das nur gewesen?"

Jude gelingt so etwas, was die wenigsten Filmporträts schaffen: für die körperliche und die seelische Verfasstheit ihrer Hauptfigur jeweils eigene Ausdrucksmittel zu finden, statt sie in sogenannten Schlüsselszenen zusammenzupferchen. In "Vernarbte Herzen" steht die körperliche Passivität, zu der Blecher durch seine Krankheit gezwungen ist, ganz unvermittelt neben seiner intellektuellen Agilität. Wie Körper und Geist zusammenwirken, lehnt der Film als Frage ab.

"Ich mag diese großen psychologischen Filme nicht", sagt Jude. "Wahrscheinlich würden viele Zuschauer gern mehr Nahaufnahmen, mehr Schmerz sehen. Das scheint eine weitverbreitete Erwartungshaltung zu sein. Dazu kann ich aber nur sagen: Wenn Godard heutzutage mit dem Filmemachen begonnen hätte, wäre er nicht sonderlich erfolgreich geworden."

Fast eine Prügelei

Frei von Gefühlen, von Humor und Menschlichkeit ist "Vernarbte Herzen" jedoch keineswegs. Vielmehr findet Jude in der grotesken Starre der Leiber und der Bilder jede Menge zärtliche Komik. So gerät der Geschlechtsakt zwischen zwei Patienten, bei dem nur der richtige Winkel gefunden werden muss, in dem die Gipse der beiden arrangiert werden können, zu einer unglaublich lustigen und gleichzeitig herzerweichenden Akrobatikübung.

Sogar das dramatische Weltgeschehen der späten Dreißigerjahre findet im Sanatoriumsalltag eine Spiegelung. An einem Abend, an dem sich die langwierigsten Patienten zu Alkohol und Zigaretten zusammengefunden haben, wird plötzlich über Hitler und seine Kriegsziele diskutiert. Blecher und andere jüdische Patienten fühlen sich von dem Verständnis für Hitlers Politik, das einige äußern, provoziert. Flaschen werden geworfen und Krücken geschwungen. Nur ihre missliche Situation, durch die keiner den anderen schlagen kann, ohne aus dem Bett zu fallen, verhindert eine größere Prügelei. Der Streit endet, wie der gesamte Film auch, in einer einzigartigen Schwebe zwischen zarter Tragik und verzweifelter Komik.

"Wenn es ein Ziel gibt, das ich mit diesem Film gern erreichen würde", sagt Radu Jude: "Dann dass die Menschen danach anfangen, die Bücher von M. Blecher zu lesen. Er ist einfach ein so guter Autor."

Im Video: Der Trailer zu "Vernarbte Herzen"

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.