Filmkritik zum Oscargewinner Warum "Moonlight" der beste Film des Jahres ist

Ein Kino-Meisterwerk, das vieles bewegt: Regisseur Barry Jenkins erzählt in seinem mit dem Oscar ausgezeichneten Film "Moonlight" gefühlvoll von der Identitätsfindung eines jungen Afroamerikaners.

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"Du musst dich entscheiden, wer du bist und die Welt dazu zwingen, sich mit dir zu beschäftigen, nicht mit ihrer Idee von dir", sagte der schwarze Schriftsteller und Aktivist James Baldwin einmal über den beschwerlichen Weg, den Afroamerikaner in der US-Gesellschaft gehen müssen, um als Individuen wahrgenommen zu werden - als Menschen. Das Zitat ist Jahrzehnte alt, aber es scheint gerade jetzt dringlicher denn je, da in den USA, befeuert durch wirtschaftliche Krisen, politische Spaltungen, Populismus, Polizei- und Justizwillkür, eine neue Debatte über die Misere der schwarzen Minderheit geführt wird.

Die Entmenschlichung einer ganzen Bevölkerungsgruppe geht so weit, dass selbst der Präsident nur von "den Innenstädten" spricht, wenn er die Probleme des schwarzen Amerikas adressiert: Armut, Kriminalität, Drogen, Gefängnis, geballt in den vermeintlich prekären Lebensverhältnissen sich selbst überlassener Innenstädte und Sozialbauviertel. Abgesehen davon, dass dieses "Inner city"-Schlagwort ein rassistisch konnotiertes Konzept aus den Siebzigerjahren ist, entspricht es längst nicht mehr der gentrifizierten Realität. Allein dass Trump es als Synonym für das schwarze Amerika benutzt, zeigt, wie nachhaltig sich das weiße Establishment sträubt, in afroamerikanischer Wirklichkeit mehr als nur eine Statistik zu sehen: Zahlen, ob die von Gefängnisinsassen, Drogen- oder Ermordeten, sind leichter zu ertragen als menschliche Schicksale.

Umso bedeutsamer, dass "Moonlight" in der vergangenen Woche bei der Oscarverleihung als bester Film ausgezeichnet wurde. Denn die zweite Regie-Arbeit des schwarzen Filmemachers Barry Jenkins ist nicht nur der auch formal und ästhetisch mit Abstand beste Film des Jahres; ganz im Sinne Baldwins zwingt er den Zuschauer, sich mit Einzelschicksalen und persönlichen Dramen zu beschäftigen, nicht mit Projektionen und Klischees. Wobei "zwingen" hier das falsche Wort ist. Denn "Moonlight" mag viele Attribute eines Sozialdramas in sich tragen, findet seine Relevanz und Authentizität jedoch nicht mit den gängigen Stilmitteln dieses Genres - Wackelkamera, Tristesse und Drastik. Stattdessen entfaltet er mit den sinnlichen, poetischen und kunstvoll arrangierten Bildern und Farben, für die Jenkins' Kameramann James Laxton eine Oscarnominierung erhielt, einen suggestiven, mitreißenden Flow unmittelbarer Erfahrbarkeit.

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"Moonlight": Liberty City Blues

Erzählt wird eine Coming-of-Age-Geschichte in drei Kapiteln. Gleich in der ersten Einstellung wird ein Grundmotiv der schwarzen Alltagsmythologie etabliert: Ein kleiner Junge, er wird hier nur "Little" genannt und von Alex Hibbert mit intensiver, hungernder Schweigsamkeit gespielt, läuft weg, er ist on the run. Andere Kinder, Bullys, denen er zu still und zu sensibel ist, sind ihm auf den Fersen. Er findet Unterschlupf in einem aufgelassenen Haus, wo ihn schließlich der örtliche Drogendealer aufgabelt. Juan (Oscar-Preisträger Mahershala Ali) kümmert sich zusammen mit seiner Freundin Teresa (Janelle Monáe) um den stummen Kleinen. Sie erschaffen eine entspannte, häusliche Atmosphäre, die Little in seinem eigenen Heim, bei seiner alleinerziehenden Mutter (Naomie Harris), die immer mehr den Drogen verfällt, nicht erlebt.

"Moonlight" ist ein Film über fatale Rollen und Männlichkeitsbilder, die Afroamerikaner über Jahrzehnte hinweg zwangsinternalisiert haben. Nicht umsonst umkreist die Kamera Juan in einer umwerfenden Sequenz zu Beginn von "Moonlight" wie eine Biene eine besonders verheißungsvolle Blüte: Ein Mann muss seinen Körper stählen und sich unnahbar zeigen, um in einer ihm feindlich gesonnenen weißen Welt bestehen zu können, die für ihn im Normalfall nur Gewalt und Konflikt bereithält.

Strudel adoleszenter Gewalt

Juan zeigt Little, der ahnt, dass er anders fühlt als seine Altersgenossen, dass sich hinter dieser vorgeschobenen Härte auch Schönheit und Warmherzigkeit verbergen kann. Das Verflixte dieses Rollenmodells offenbart sich in einer herzbrechenden Szene: Little erkennt, dass sein Ersatzvater Juan, der ihm behutsam das Schwimmen beibringt und ihm klar macht, dass "Faggot" ("Schwuchtel") ein Wort ist, das benutzt wird, damit sich Schwule schlecht fühlen, dass der gleiche Mann, der ihn so großherzig bei sich aufnimmt, seiner Mutter jene Drogen verkauft, die sein Zuhause zur Hölle werden lassen.

Kann Little aus diesem Teufelskreis ausbrechen? Nein, so ein Film ist "Moonlight" nicht, er bietet keine Erlösung an, kein erbauliches Hollywood-Ende. Im zweiten Teil, als Shakespeare-hafte Minitragödie inszeniert, eskalieren die Konflikte Littles, der jetzt seinen richtigen Namen Chiron trägt, mit seinen Schulkameraden. Gleichzeitig macht er erste, zärtlich-sexuelle Erfahrungen am nächtlichen Strand mit seinem Kumpel Kevin. Es kommt, wie es kommen muss: Provoziert und verraten, wird Chiron in einen Strudel adoleszenter Gewalt gezogen und landet im Gefängnis, wo er sich zum harten, muskelbepackten, Muscle-Car fahrenden Drogendealer "Black" (Trevonte Rhodes) stilisiert, von dem die dritte Episode des Films handelt.


"Moonlight"

USA 2016

Regie: Barry Jenkins
Drehbuch: Barry Jenkins, Tarell Alvin McCraney
Darsteller: Mahershala Ali, Alex Hibbert, Aston Sanders, Trevante Rhodes, Naomie Harris, Janelle Monáe, André Holland
Produktion: Plan B, A24
Verleih: DCM
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 111 Minuten
Start: 9. März 2017


Noch einmal trifft er sich mit Kevin (André Holland), der jetzt in einem kleinen Diner kocht. In einer Szene, die so farbentief und schattensatt gefilmt ist wie bei Wong Kar-Wai, einem seiner cineastischen Vorbilder, zeigt Jenkins die beiden Männer beim gemeinsamen Dinner. Schüchtern umeinander herumtastend, sinnen sie dem einen Moment nach, in dem sie ihre Gefühle frei ausleben konnten. "Hello Stranger", singt Barbara Lewis dazu seufzend aus der Jukebox, "shoo-bop, shoo-bop, my baby, ooh".

Kindheit ohne Väter

"In diesem Moment ist er ein Teenager, der zum allerersten Mal versucht, eine intime Konversation mit jemandem zu haben - und du siehst diesem erwachsenen Mann dabei zu, wie er sich völlig auflöst", erklärte Tarell Alvin McCraney in einem Interview den atemberaubenden Effekt dieser Szene. McCraney schrieb das Theaterstück "In Moonlight Black Boys Look Blue", auf dessen Basis Barry Jenkins sein Drehbuch verfasste. Es gelangte eher zufällig in die Hände des Regisseurs, obwohl sowohl er als auch McCraney, ohne sich je zu begegnen, in Liberty City aufgewachsen waren, einem sozialen Brennpunkt in Miami, Florida, der auch als Schauplatz von "Moonlight" dient. Beide erlebten eine Kindheit ohne Väter, aber mit drogensüchtigen Müttern.

"Moonlight" erzählt also auch die Geschichte zweier Männer, die es geschafft haben, den Kreislauf der gesellschaftlichen Marginalisierung zu durchbrechen, die sich als Künstler einen Weg bis zu den Oscars gebahnt haben, wo beide nun für ihre autobiografisch gefärbte Story ausgezeichnet wurden. Es spielt kein Weißer mit in "Moonlight", denn es ist eine Geschichte, die sich nicht vorrangig an den ethnischen Antagonisten richtet, sondern an die schwarze Gemeinde selbst, mit dem Ziel, von innen heraus einen Heilungsprozess zu erwirken, sich der Fessel verordneter Rollenmuster und Identitäten zu entledigen.

"Moonlight" - Filmtrailer ansehen:

Schon in den frühen Fünfzigerjahren wollte Ralph Ellison mit seinem Roman "Invisible Man" die "human universals" des schwarz geborenen Amerikaners enthüllen, heute sind es Autoren wie Ta-Nehisi Coates in seinem aktuellen Bestseller "Between The World And Me" oder Musiker wie Solange Knowles und Kendrick Lamar, die sich stolz und souverän um ein anderes, würdevolleres Narrativ von "Blackness" bemühen.

Auch Barry Jenkins zelebriert die Vielschichtigkeit schwarzer Kultur und Lebensweise. Mit seinem meisterhaft emphatischen Film - als Musikstück wäre er ein Blues - öffnet er den Blick des Zuschauers für Seelendramen, die im kulturellen Diskurs allzu oft von agitatorischen Gangster- und Hip-Hop-Topoi überlagert werden. Dabei "vermenschlicht" Jenkins seine Milieu-Figuren nicht einfach: Das Wundervolle, letztlich Universelle an seinem Film ist, dass sie ganz selbstverständlich Menschen sind.

Noch einmal James Baldwin: "In a way, the American Negro is the key figure in this country; and if you don't face him, you will never face anything."

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
jhea 06.03.2017
1. Es gab andere bessere Filme
Aber sowas ist immer der eigenen subjektiven Meinung unterworfen. Ich denk aber, dass Hollywood nach letztem Jahr mit den #oscarsowhite vorwürfen dieses Mal etwas gut zu machen hatte. Hinzu kommt natürlich dass das alles wieder eine 'rührende' Geschichte ist, voller 'du kannst was aus dir machen wenn du nur willst' Elementen etc. pp. Fast genauso als wenn man bei DSDS was werden will. Da muss erst der Papa/Mama/Bruder gestorben sein, und natürlich kräftigst die Tränendrüse gedrückt werden. Allein mit Talent kommt man da nicht weiter :) genau wie in Hollywood wie es scheint. Von daher... War zu erwarten dass der Titel den Oscar gewinnt. Obs gerechtfertigt war, ist eine andere Sache - ich tendiere zu nein. Aber ich bin auch ein privileged old White man. von daher...
nmare 06.03.2017
2.
Zitat von jheaAber sowas ist immer der eigenen subjektiven Meinung unterworfen. Ich denk aber, dass Hollywood nach letztem Jahr mit den #oscarsowhite vorwürfen dieses Mal etwas gut zu machen hatte. Hinzu kommt natürlich dass das alles wieder eine 'rührende' Geschichte ist, voller 'du kannst was aus dir machen wenn du nur willst' Elementen etc. pp. Fast genauso als wenn man bei DSDS was werden will. Da muss erst der Papa/Mama/Bruder gestorben sein, und natürlich kräftigst die Tränendrüse gedrückt werden. Allein mit Talent kommt man da nicht weiter :) genau wie in Hollywood wie es scheint. Von daher... War zu erwarten dass der Titel den Oscar gewinnt. Obs gerechtfertigt war, ist eine andere Sache - ich tendiere zu nein. Aber ich bin auch ein privileged old White man. von daher...
Film gesehen? Klingt naemlich nicht so. Genau das was Sie da beschreiben tut der Film eben NICHT. Er ist weder ruehrend noch hat er ein Happy End noch wird irgendwo auch nur angedeutet dass man alles kann wenn man nur will. "Moonlight" hat mit recht den Oscar als besten Film gewonnen. Nicht nur ist die Geschichte aussergewoehlich, auch die Regie und Kamera sind wunderbar. Vielleicht sollten Sie das naechste Mal den Film sehen, bevor Sie dazu eine Meinung haben.
.patou 06.03.2017
3.
Zitat von jheaAber sowas ist immer der eigenen subjektiven Meinung unterworfen. Ich denk aber, dass Hollywood nach letztem Jahr mit den #oscarsowhite vorwürfen dieses Mal etwas gut zu machen hatte. Hinzu kommt natürlich dass das alles wieder eine 'rührende' Geschichte ist, voller 'du kannst was aus dir machen wenn du nur willst' Elementen etc. pp. Fast genauso als wenn man bei DSDS was werden will. Da muss erst der Papa/Mama/Bruder gestorben sein, und natürlich kräftigst die Tränendrüse gedrückt werden. Allein mit Talent kommt man da nicht weiter :) genau wie in Hollywood wie es scheint. Von daher... War zu erwarten dass der Titel den Oscar gewinnt. Obs gerechtfertigt war, ist eine andere Sache - ich tendiere zu nein. Aber ich bin auch ein privileged old White man. von daher...
Na dann werden Sie doch mal konkret. Was genau hat Ihnen denn an Moonlight nicht gefallen? Inszenierung, schauspielerische Leistung? Immerhin scheint Sie das Thema ja doch so interessiert zu haben, dass Sie sich den Film vor dem Deutschland-Start auf anderem Weg angesehen haben. Und welche der dieses Jahr nominierten bzw. nicht nominierten Filme fanden Sie besser? .
crocodile dentist 06.03.2017
4. @ #2
Über Geschmack lässt sich halt nach wie vor vortrefflich streiten. Ich bin allerdings nicht der Meinung, dass ich jeden Film zwingend gesehen haben muss, auch wenn ein Film wie dieser sicherlich Vorurteile über den Haufen werfen würde. Persönlich hatte ich auch einen anderen Oscar-Favoriten (kleiner Tipp: satte 2 Minuten bestätigt), das hat aber eher was mit dem Genre bzw. mit der Thematik eines Films zu tun.
ladywriter 06.03.2017
5. Definitiv verdient und so wichtig
Eines vorab: Es ist so so wichtig, dass dieser Film den Oscar gewonnen hat und es ist definitiv verdient! Ich habe ihn vor einer Woche im Kino gesehen, da er dort wahrscheinlich wegen des Oscars schon vor Kinostart gezeigt wurde. Als die anderen Kinobesucher langsam begriffen haben, dass die Hauptfigur homosexuell ist, gab es schon die ersten feindlichen Kommentare und ich hörte Säze wie: "Habt ihr jemals einen schwulen Schwarzen gesehen?" Ab da wurde mir klar, warum dieser Film so wichtig ist und warum es so wichtig ist, dass er große Popularität erreicht. Denn genau darauf wollte Barry Jenkins ja raus. In der Szene, in der der jugendliche Chiron dann seine ersten Erfahrungen macht, hagelte es Buh-Rufe, "Wäh" und einige Besucher verließen sogar den Kinosaal. Ich war fassungslos, erschüttert und verlor quasi den Glauben an den gesunden Menschenverstand. Ich kann nur noch einmal betonen, wie wichtig ich es finde, dass Moonlight den Oscar für den besten Film gewonnen hat. Es steht außer Frage, dass er künstlerisch brillant ist. Wichtiger ist aber, auf was er aufmerksam macht. Und was er bei den Menschen, die ihn anschauen, offenbart. Ich habe an diesem Abend gemerkt, wie selbstverständlich und verbreitet Homophobie auch bei jungen Menschen ist, die nicht einmal irgendwelchen Hass Gruppierungen angehören. Trotzdem tragen sie Hass und Abneigung in sich und zudem ein zutiefst rassistisches Denkmuster, das unbedingt durchbrochen werden muss.
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