Filmkritik Wim Wenders' Besuch bei den Alten von Kuba

Wim Wenders liefert farbenfrohes Bildmaterial zur erfolgreichsten musikalischen Exkursion seines Seelenverwandten Ry Cooder.

Von Cristina Moles Kaupp


"Willst Du wissen, warum ich noch so fit bin?" Compay Segundos Augen funkeln im verwitterten Gesicht. Auf 92 Lebensjahre blickt der Grandseigneur der kubanischen Musik bereits zurück, doch noch immer durchpulst ihn eine ungeheure Energie, deren Geheimnis er jetzt verraten möchte: "Eine Brühe aus fettem Hammelfleisch und viel Knoblauch – das gibt Kraft!" verrät er und rollt die Augen, damit auch jeder versteht.

Compay Segundo (li.) und Ry Cooder machen Musik für Wim Wenders
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Compay Segundo (li.) und Ry Cooder machen Musik für Wim Wenders

Die Alten von Kuba – nichts ist seit geraumer Zeit prickelnder als ihre Rezepte, Rhythmen und Rituale. Als wüßten sie genau, wo der Jungbrunnen steht, der Quell ewiger Lebensfreude, allen Schicksalsschlägen zum Trotz. Der momentane Erfolg, den Ensembles wie Buena Vista Social Club genießen, ist einzigartig und gibt den Veteranen recht.

Vor zwei Jahren erschien die von dem amerikanischen Blues-Gitarristen Ry Cooder produzierte CD mit alten Melodien vergessener Stars - seitdem wogt die Kuba-Welle rund um den Globus. Grund genug für Cooder, im letzten Jahr ein Buena-Vista-Nachfolgealbum mit dem schwarzen Bariton Ibrahim Ferrer aufzunehmen. Angesteckt von der Begeisterung seines Freundes, begab sich auch Wim Wenders erstmals nach Havanna und erlag, wie viele vor ihm, dem Zauber der Karibikmetropole und ihrer Bewohner.

Geschichte tickt hier in einem eigenen Tempo. Träge döst sie im Schatten der vielen Säulen und Bogengänge, lebt vielstimmig in den mannigfaltigen Liedern und Musikstilen und leuchtet aus den Gesichtern pathetisch angepinselter Nationalhelden: José Martí, Che Guevara, Camilo Cienfuegos, Fidel Castro. Der Sieg der Revolution jährt sich dieses Jahr zum 40. Mal, und Nostalgie-Touristen bereisen zuhauf die sozialistische Perle im Meer des Kapitalismus.

In der zerbröckelten Altstadt herrscht ein einziges Gedränge: Reisegruppen vor prächtigen Kolonialbauten und restaurierten Glasfenstern der Kathedrale, beim nächtlichen Böllerschuß im spanischen Fort. Prunk vergangener Tage. Die Gegenwart offeriert indes jenes schale Ostblock-Gefühl, das so gar nicht zur karibischen Sonne paßt. Dazu schöne Weiber, Zigarren und unzählige Mojitos – Viva Cuba Libre! Restaurant-Bands liefern den Soundtrack dazu: "Cuantanamera", "Yolanda", "Chan Chan".

Fragt man die jungen Musikanten jedoch nach dem Son, der Musik ihrer Großväter, zucken sie nur die Schultern und schicken einen in schicke Salsa-Bars. Nur wenige wissen von dem Siegeszug, der das Buena-Vista-Zufallsensemble letztes Jahr sogar auf die Bühne der Carnegie Hall in New York katapultierte, wo ihm 2760 Zuschauer im restlos ausverkauften Saal frenetisch Beifall zollten.

Szenen aus diesem und einem Amsterdamer Konzert liefern die intensivsten Momente in "Buena Vista Social Club", Wim Wenders' erstem Musikfilm. Aber reichen sie aus, um einen guten Film daraus zu machen? Drei Wochen sind wenig Zeit, um ein Gespür für Kuba und seine Musik zu entwickeln. Zumal auch Wenders nur der Route der Touristen folgt - farbenfrohes Füllmaterial quer über den Film gestreut. Wie nur die Größe der Charaktere, die Intensität des Augenblicks festhalten?

Sicher ist es eine gute Idee, die Künstler zu ihren Lieblingsplätzen in Havanna zu begleiten: So sitzt der größte noch lebende Pianist Kubas, Rubén Gonzáles, in vergilbten Fotos blätternd unter den heiligen Bäumen der Santeria, schreitet die 69jährige Gesangsdiva Omara Portuondo durch das Viertel ihrer Jugend, wandert Gitarrist Eliades Ochoa mit seinem Instrument die Bahngleise entlang und zeigt Ibrahim Ferrer ehrfürchtig seinen Altar des Sankt Lazarus, des Schutzpatrons der Bettler, der so knorrrig und dunkel ist wie der Sänger selbst.

Bereitwillig erzählen all diese Menschen von früher. Doch der nostalgische Blick reicht nicht aus, um die Neugier zu befriedigen. In Kuba ist schließlich auch die Gegenwart authentisch. Vielleicht fehlte Wenders die nötige Distanz, um aus dem stereotypen Muster auszubrechen, das den Film zu langatmig macht. Vielleicht hatte er auch zuviel Respekt vor seinen Figuren, so daß er die kleinen alltäglichen Details der Künstler unbeobachtet ließ.



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