Drogenthriller "The Counselor" Humbug mit Hochkarätern

Gescheitert am Meta-Thriller: Brad Pitt, Cameron Diaz, Javier Bardem und Michael Fassbender in einem Film von Regie-Edelmann Ridley Scott und Literatur-Ikone Cormac McCarthy. Was kann da schiefgehen? In "The Counselor" so ziemlich alles.

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Counselor ist die amerikanische Bezeichnung für einen Berater. Man könnte auch schlicht Anwalt sagen. Also jemand, dessen Rat Leute suchen - vor allem, aber nicht nur, in Rechtsfragen. Der namenlose Counselor, den Michael Fassbender in Ridley Scotts Film spielt, gibt jedoch niemandem einen Rat. Im Gegenteil: Er ist es, der sich in eine bedrohliche, vermutlich ausweglose Lage bringt und im Zuge wachsender Verunsicherung von verschiedenen teils schillernden, teils dubiosen Figuren mit Weisheiten zugetextet wird.

Der ratlose Ratgeber, das ist nur eine von zahlreichen Spielereien in "The Counselor", die auf den ersten Blick, vielleicht auch noch im effektvoll zusammengeschnittenen Trailer, clever und cool wirken, als Film jedoch Logik und Zusammenhang vermissen lassen. Dieser Thriller, der zwar die Optik und die exzessiven Gewaltszenen von lakonischen Drogenkrieg-Thrillern wie "Savages" oder "Traffic" besitzt, aber eigentlich Moralstück sein will, ist eine der größten Enttäuschungen des aktuellen Kinojahres.

Das überrascht umso mehr, als ein Projekt mit dieser Besetzung eigentlich als sichere Nummer gelten dürfte. Die Zutaten lesen sich wie ein Rezept für einen Kult-Klassiker, wenn nicht Oscar-Favoriten:

  • Das Drehbuch schrieb Americana-Literat Cormac McCarthy, übrigens sein erstes eigenes, nachdem sich Filmemacher in den vergangenen Jahren zunehmend um die kargen Männerstoffe des 80-jährigen Schriftstellers rissen und Adaptionen wie "No Country For Old Men" oder "The Road" erfolgreich ins Kino brachten.

  • Regie führte der britische Altmeister Ridley Scott ("Alien"), der nicht immer Geschmacks- und Stilsicherheit beweist (siehe: "Ein gutes Jahr"), aber doch in den meisten Fällen brillant inszeniert.

  • Ein Bouquet hochtalentierter Stars, die sich alle darum gerissen haben dürften, in einer McCarthy-Verfilmung zu spielen. Hauptdarsteller Michael Fassbender ("Shame") ist zurzeit Hollywoods versiertester Charakterdarsteller. Dazu Brad Pitt, Penélope Cruz, Cameron Diaz, Javier Bardem sowie Bruno Ganz und Latino-Legende Rubén Blades in markanten Minirollen.

Vielleicht haben sich die Produzenten und Studio zu sehr von diesem Aufgebot blenden lassen, denn für die Oscars wird all das nicht reichen. Wenn überhaupt, dann dürfte "The Counselor" ein Anwärter auf eine Goldene Himbeere sein, so heißen die in Hollywood alljährlich vergebenen Preise für die miesesten Filme. Und das liegt nicht nur an der schon vor Filmstart unrühmlich verstörenden Szene, in der Cameron Diaz akrobatisch auf der Windschutzscheibe eines Ferraris masturbiert - was den dabei zuschauenden Javier Bardem, der das alles dem Counselor Fassbender erzählt, zum treffenden Kommentar verleitet, ihm sei das alles "zu gynäkologisch" gewesen, um geil zu sein.

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Kino-Thriller "The Counselor": Wenn Himbeeren statt Oscars warten
Dass vor allem die Frauen schlecht wegkommen in "The Counselor", mag der McCarthy gerne unterstellten Misogynie geschuldet sein. Weitaus schwerer wiegt die Entscheidung, die Geschichte des Films partout nicht erzählen zu wollen: Was genau passiert? Wer ist wie in den Plot involviert? Warum geschehen bestimmte Dinge, warum manche nicht? Dabei ist die Prämisse, die McCarthy im Skript selbst vorgibt, an Einfachheit nicht zu überbieten. Seinen "Counselor" beschreibt er wie folgt: "A decent man who gets up one morning and decides to do something wrong."

Konkreter: Ein Mann (berührend blauäugig: Fassbender) investiert, aus privater Geldnot oder weil er seiner schönen Freundin (lieblich: Cruz) die Welt zu Füßen legen will, in einen Drogendeal mit einem mexikanischen Kartell. Sein Geschäftspartner ist der Lebemann Reiner (Bardem, erneut mit irrer Frisur), der sich zwei Geparden hält und im Grenzland zwischen USA und Mexiko gerne Champagner-Picknick macht, während die Raubkatzen, schön metaphorisch, auf Hasenjagd gehen. Was Reiner, der reiche Trottel, nur ahnt: Seine schöne Freundin Malkina (hübsch durchtrieben: Diaz), trägt nicht nur ein Gepardenfell-Tattoo auf dem Rücken, sie ist tatsächlich das größte Raubtier von allen.

Bleischwere Showstopper

Reiners Mann fürs Grobe ist Westray (Brad Pitt als Langhaar-Cowboy mit den üblichen, amüsanten Ticks), der dem Counselor beiläufig von Grausamkeiten erzählt, die das Kartell anwende, wenn der Deal schiefläuft. Auch Reiner berichtet ihm von einer besonders boshaften Tötungsmethode durch eine sich automatisch zuziehende Garrotte, mit der sich die Südamerikaner gerne an Verrätern und Versagern rächen.

Man ahnt: Der Deal wird schieflaufen und die Garrotte zum Einsatz kommen. Weil man den rechten Pfad eben nicht verlassen soll, und weil es aus der Hölle aus Mord, Betrug und Gewalt keinen Ausweg mehr gibt. Gegen Ende des Films, als der Counselor in einem schmierigen Hotelzimmer im zwielichtigen Grenzort Juarez schmort, halb wahnsinnig vor Angst um seine gekidnappte Freundin, nimmt ihm der "Jefe" genannte Kartellboss am Telefon jede Hoffnung: "You must acknowledge that this new world is at last the world itself. There is not some other world."

Das könnte alles ganz schön und philosophisch sein, wenn sich Regisseur und Schauspieler nicht allesamt in den Bann der länglichen Dia- und Monologe Cormac McCarthys hätten ziehen lassen. Die mögen auf Papier tiefsinnig wirken, im Film aber werden sie zu teils bleischweren Showstoppern.

So entsteht bei diesem Versuch, einen ambitionierten Meta-Thriller zu schaffen, letztlich keine schlüssige, geschweige denn spannende Erzählung. Ein Scheitern auf künstlerisch hohem Niveau. Und der traurige Beweis, dass ein großer Literat nicht unbedingt auch zum brillanten Drehbuchautor taugt. Allein: Warum bloß hat das niemand, kein Produzent, kein besonnener Ratgeber, rechtzeitig gemerkt?

Korrektur: Irrtümlicherweise behaupteten wir, die Szene mit Cameron Diaz habe sich auf der Windschutzscheibe eines Jaguars abgespielt. Tatsächlich ist es ein Ferrari. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
pseudacacia 26.11.2013
1. Also normalerweise . . .
weißt ein derartiger Spiegel-Verriss auf einen sehr sehenswerten Film hin. Da ich in dieser Richtung noch niemals enttäuscht wurde, freue ich mich sehr auf diesen Film.
MaklerPohl 26.11.2013
2. Schwarzgefärbt!
Schon bei der Überschrift ist klar, dieser Autor ist auf Krawall gebürstet... Wer behauptet, Scott hätte in "Ein Gutes Jahr" wenig "Geschmacks- und Stilsicherheit" bewiesen, dessen Urteilsvermögen ist... mindestens merkwürdig. Wenn ein Film so rund gemacht wird, gilt die alte Empfehlung: Selber gucken! P. S. Gucken Sie "Ein Gutes Jahr" noch einmal, wenn Sie in einer intakten Beziehung sind, setzen Sie sich mit Ihrem Schatz in dem einen Arm und einem guten Rotwein in dem anderen vor die Glotze. Wenn Ihnen dann nicht das Herz aufgeht, dann... weiß ich auch nicht.
k1ck4ss 26.11.2013
3. längliche dia- und monologe
immer her damit, das ist besser als zu versuchen, alles zu erklären mit zig einstellungen und schwenks. dafür gibt es serien wie CSI Miami.
Matsemitsu 26.11.2013
4. optional
Ein "Showstopper" ist in der Regel eine Szene/Auftritt/etc. die absolut herausragend ist, gar so atemberaubend, dass durch sie die Show deswegen sprichwörtlich zum erliegen kommt, weil das Publikum so mit Szenenapplaus beschäftigt ist. Somit ist das also etwas sehr gutes, jedoch niemals etwas "bleischweres". Wenn schon Anbiederung an den Jargon des Showbiz, dann doch bitte richtig.
keery 26.11.2013
5. Showstopper
Zitat von MatsemitsuEin "Showstopper" ist in der Regel eine Szene/Auftritt/etc. die absolut herausragend ist, gar so atemberaubend, dass durch sie die Show deswegen sprichwörtlich zum erliegen kommt, weil das Publikum so mit Szenenapplaus beschäftigt ist. Somit ist das also etwas sehr gutes, jedoch niemals etwas "bleischweres". Wenn schon Anbiederung an den Jargon des Showbiz, dann doch bitte richtig.
Showstopper - Definition and More from the Free Merriam-Webster Dictionary (http://www.merriam-webster.com/dictionary/showstopper) 3: one that stops or could stop the progress, operation, or functioning of something Ist vielleicht nicht ganz der richtige Kontext im Artikel, aber völlig verkehrt ist es auch nicht. Sich jetzt daran hochzuziehen, wo doch das, was gemeint ist, aus dem Zusammenhang sich sogar Ihnen erschlossen hat, ist jetzt ein bisschen übertrieben. Wahrscheinlich muss man den Film tatsächlich selber sehen. Auf Rotten Tomatoes hat er 35%, aber "Nine" hatte auch nur 37%, und den fand ich trotzdem ziemlich unterhaltsam.
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