Filmkünstler Guy Maddin Kino, ein Wintermärchen

Er lässt Häschen regen, füllt Beinprothesen mit Bier und findet die Pest poetisch: Guy Maddin ist das skurrile Genie des Experimentalkinos. Jetzt touren die Filme des Kanadiers durch Deutschland - Mitstaunen empfohlen.


Wer über das Kino Guy Maddins spricht, kommt nicht an Winnipeg vorbei. Die Heimat des 1956 geborenen Filmemachers liegt mitten in Nordamerika und ist doch ein der Welt entrückter Ort. Denn das "Herz des Kontinents" schlägt alleingelassen in den Weiten der kanadischen Provinz Manitoba und kann sich nebenbei rühmen, die kälteste englischsprachige Großstadt der Welt zu sein.

Vielleicht braucht es wirklich lange Winter mit Temperaturen von bis zu minus 40 Grad, um Filme zu drehen, die derart abwegige Fragen aufwerfen: Wie poetisch kann die Pest sein, wie viel Bier passt in eine gläserne Beinprothese und wann schneit es mal wieder weiße Häschen?

Stilmix und Bilderrausch

Für seine ebenso erstaunlichen Antworten verdichtet Maddin expressionistische Stummfilmphantasien, magischen Realismus und existentialistischen Horror zu einem Projektionsrausch, der Assoziationen von Leni Riefenstahl bis David Lynch weckt und dank eines zutiefst dunklen Humors nie bedeutungsschwer, sondern im Gegenteil erstaunlich beschwingt daherkommt.

In Kanada und den USA wird dies seit Jahren honoriert. So erhielt Maddin neben zahlreichen weiteren internationalen Auszeichnungen 1995 als jüngster Preisträger überhaupt die Telluride Medal for Lifetime Achievement. Sein neuestes Opus "Brand on the Brain!" feierte seine Premiere vor nicht weniger als 1400 Zuschauern auf dem diesjährigen Internationalen Filmfestival Toronto.

Jetzt tourt bis Ende November unter dem Titel "Kino Delirium" die wohl umfassendste Werkschau des Ausnahmekünstlers durch den deutschsprachigen Raum und lädt in Berlin, Hamburg, Bremen, München, Basel und Zürich zur Entdeckung dieses einzigartigen Filmuniversums ein.

Das nahm seinen Anfang Mitte der achtziger Jahre, als Maddin sein Wirtschaftsstudium und einen verhassten Bankjob hinter sich ließ, um mit Freunden einen Kurzfilm zu drehen.

Das Ergebnis war "The Dead Father" (1985), eine patriarchale Geistergeschichte mit Anleihen bei Edgar Allan Poe und zugleich eine Hommage an Maddins eigenen Vater, der früher Manager des Eishockeyteams Winnipeg Marions war.

Damals gehörte Maddin zum Umfeld der experimentierfreudigen Winnipeg Film Group, und ohne formale Ausbildung wagte er sich zwei Jahre später an seinen ersten Langfilm. Mit einem Förderbetrag von 20.000 Dollar entstand "Tales fromm the Gimli Hospital", der bei seiner Premiere 1988 für eine Sensation sorgte: Das fiebrige Kolonialmärchen über zwei todkranke Abenteurer, die sich von der Seuchenstation mit Anekdoten über vergangene Ungeheuerlichkeiten in fiebrige Wahnwelten fabulieren, wurde ein internationaler Underground-Hit und lief allein in New York ein Jahr ununterbrochen in den Mitternachtsvorstellungen.

Irrlicht aus Winnipeg

Der hier auszumachende magische Realismus eines Luis Bunuels sowie die ironisch gebrochene Stummfilmästhetik wurden ebenso zu Maddins Markenzeichen wie seine Vorliebe für winterliche Melodramen und ein alles durchdringender, schwarzer Humor. All dies kann man exemplarisch sehen in "Archangel"(1990), der vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs ein bizarres Liebesdreieck zwischen einer russischen Krankenschwester, einem belgischen Piloten und einem kanadischen Soldaten entwirft.

Da obendrein alle drei an Gedächtnisverlust leiden, verweist "Archangel" auch auf den irreparablen Identitätsverlust des Menschen in der Moderne – eine Thematik, für die sich gerade im um Selbstdefinitionen ringenden Kanada ein verständiges Publikum fand.

Ohnehin ist Maddin – der sich frei von Egoflausen "als ganz normalen Typ aus Winnipeg" definiert – ein bewusst kanadischer Filmemacher und spießt immer wieder nationale Eigenheiten auf. So findet etwa die sprichwörtliche Zurückhaltung seiner Landleute ihren Niederschlag im hinreißenden Bergdrama "Careful" (1992): Die Bewohner des Tiroler Bergorts Tolzbad müssen ihre zum Teil äußerst abwegigen Gefühlswallungen im Zaum halten, da schon der kleinste Mucks eine Lawine auslösen könnte. Das zweifarbig viragierte Schwarzweißepos fährt Schlitten mit dem gesamten deutschen Expressionismus und bremst dank wunderschöner Pappkulissen auch gleich noch den verschwiemelten Naturpathos von Leni Riefenstahl und Konsorten aus.

Neben Maddins fantastischen Kurzfilmen, welche ebenfalls im Programm zu sehen sein werden, wird zudem "The Saddest Music in the World" (2003) Zuschauer begeistern, die vor dem ohnehin unzureichenden Begriff "Experimentalfilm" zurückschrecken: In der quietschvergnüglichen Ode an tränenreiche Songs, den Alkohohl und die Depression im Allgemeinen brilliert Isabella Rossellini als extravagante Bierbaronin – auf mit Gerstensaft gefüllten Glasbeinen.

Mit der faszinierenden Darstellerin drehte Maddin darauf noch den Kurzfilm "My Dad Is A 100 Years Old". In der liebevollen Hommage an ihren Vater Roberto Rossellini, der als Regisseur den italienischen Neorealismus prägte, spielt die Tochter etliche seiner Zeitgenossen, darunter etwa Alfred Hitchcock.

Guy Maddin selbst formulierte eine schöne Liebeserklärung an den verstorbenen Künstler: "Rossellini ist beim Versuch gescheitert, die Welt durch das Kino zu retten. Aber vielleicht hat er das Kino für die Welt gerettet."

Maddin, der die Spielorte der Werkschau persönlich besuchen wird, würde sicher nie vorgeben die Welt oder auch nur das Kino retten zu wollen. Doch seine Filme zelebrieren bei allem Wahnsinn und Aberwitz auch die Widerständigkeit des Lebens und der Liebe in den unwirtlichsten Situationen. Es ist ein wunderschönes Irrlicht, das von Winnepeg in die Dunkelheit strahlt.



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