Filmproduzentin Christine Vachon Wo sie ist, ist die Zukunft

Seit 25 Jahren leistet Christine Vachon Pioniersarbeit fürs queere Kino. Dafür erhält sie nun den Special Teddy auf der Berlinale. Für Nostalgie hat die Produzentin aber keine Zeit - die neuen digitalen Kanäle sind viel zu spannend.

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Von Jan Künemund


Als Christine Vachon 1991 zum ersten Mal die Berlinale besuchte, hielt man sie für die Sekretärin ihres Koproduzenten James Schamus. "Sie hatten einfach keine Schublade für mich", beschreibt Vachon die Situation später in ihrem Buch "A Killer Life". 1991 hatte sie Todd Haynes' ersten Spielfilm "Poison" zur Berlinale mitgebracht und war etwas, was man bis heute immer noch verblüffend selten im Filmgeschäft antrifft: eine weibliche Produzentin.

Am Freitag, 25 Jahre nach ihrem Berlinale-Debüt, wird Christine Vachon nun für ihren außergewöhnlichen Beitrag zum queeren Kino mit dem Special Teddy der Berlinale geehrt. Gefragt, ob sie sich die Statuette zuhause neben ihre anderen Preise stellen wird, antwortet sie nüchtern: "Ich weiß ja noch nicht, wie er aussieht."

"Poison" gewann 1991 den Teddy für den besten queeren Spielfilm. Ein Publikum, das nach Film-Bildern von schwulem und lesbischem Leben hungerte, feierte den experimentellen Abgesang auf die Integration in den Mainstream - denn der sah der Community gerade beim Sterben zu. "Poison" hatte eine ästhetische Sprache für die neuen Ausgrenzungen durch Aids gefunden, die sich nicht mehr in Feel-Good-Movies erzählen ließen.

"Poison" von Todd Haynes (1991): Berlinale-Einstand mit Teddy-Gewinn
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"Poison" von Todd Haynes (1991): Berlinale-Einstand mit Teddy-Gewinn

Schnell reihten sich nach "Poison" weitere ambitionierte Produktionen aneinander, die man später dem sogenannten "New Queer Cinema" zurechnete: die nächsten Teddy-Preisträger "Swoon" von Tom Kalin (1992) und "Go Fish" von Rose Troche (1994) zum Beispiel.

1996 gründete Vachon mit ihrer Geschäftspartnerin Pam Koffler die Produktionsfirma Killer Films, die bis heute in einem kleinen Büro in Manhattan ansässig ist. Es folgten Erfolge, Flops und Oscars: Hilary Swank erhielt ihn für ihre Hauptrolle in "Boys Don't Cry", im vergangenen Jahr Julianne Moore für ihre Darstellung in "Still Alice". Dieses Jahr sind Cate Blanchett und Rooney Mara im Rennen, "Carol" ist der bisher größte kommerzielle und Kritikererfolg von Killer Films. Seit "Poison" hat Todd Haynes alle Filme, auch die HBO-Miniserie "Mildred Pierce", mit Christine Vachon zusammen fertiggestellt.

Den Special Teddy für ihr Lebenswerk mag die 53-jährige Vachon allerdings nicht zum Anlass nehmen, nostalgisch auf das Erreichte zurückzublicken. Dafür gibt es wahrscheinlich einfach viel zu viel tun - schließlich produziert Vachon seit über 25 Jahren etwas, was genauso lange immer wieder totgesagt wird: unabhängige US-Filme, also Filme, die mit privatem Geld außerhalb der Hollywoodstudios entstehen. Im Januar erst hat sie auf dem Sundance Filmfestival vier neue Produktionen vorgestellt, mit Stolz und leuchtenden Augen zählt sie auf, an wen sie sie verkauft hat: Netflix, Amazon, Universal und Paramount/ MTV.

Chloe Sevigny (links) und Hilary Swank im Oscar-Erfolg "Boys Don't Cry" von 1999
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Chloe Sevigny (links) und Hilary Swank im Oscar-Erfolg "Boys Don't Cry" von 1999

Während ehemalige Stars des Independent-Kinos wie John Waters und James Toback den Tod des mittelbudgetierten US-Films beklagen - momentan entstehen in den Studios fast nur noch kleine Filme unter zwei und größere über 60 Millionen -, spricht Vachon begeistert von den Möglichkeiten der neuen Plattformen für ihre unkonventionellen Geschichten, die allesamt Herzensprojekte sind. Amazon, dessen Film-Chef Ted Hope wie Vachon in den Neunzigern Independent-Filme produzierte, springe heute einfach in die Lücke, die die klassischen Produzenten nach dem Zusammenbruch der DVD hinterlassen hätten.

Die neuen Filme von Indiefilmern wie Todd Haynes, Jim Jarmusch oder Spike Lee würden heute eben von Stream-Anbietern finanziert. Und das hat wiederum Auswirkungen auf das Selbstverständnis der sogenannten Autorenfilmer: "Mittlerweile sage ich bei jeder Gelegenheit, dass Filmemacher aufhören sollen, sich Filmemacher zu nennen. Sie sind Geschichtenerzähler, Stofflieferanten. Und für jede originelle, frische Story gibt es heute viele viel mehr Möglichkeiten, um sie an ihr Publikum zu bringen."

"Coming-Out-Geschichten gab es genug"

Wie "Goat" zum Beispiel, dieses Jahr im Panorama präsentiert, ein Film über die gewalttätigen Aufnahmerituale von Studentenverbindungen in den USA. Vachon weiß, dass das nicht nur ein Stoff für das ältere, überwiegend weibliche Arthouse-Publikum ist, sondern vor allem Studierende interessiert. Sie sind direkt mit der im Film gezeigten Welt konfrontiert und mit dem Hauptdarsteller Nick Jonas groß geworden, gehen aber kaum mehr ins Kino. "Goat" wird in den USA als sogenannter "day-on-date"-Start herauskommen, also zeitgleich im Kino und als Stream. Er holt sein Publikum da ab, wo es sich ohnehin bewegt.

Bei einem Stoff wie "Colette und Willy" dagegen, eine Geschichte über die erste Ehe der berühmten französischen Schriftstellerin, hat Vachon vor allem das europäische Arthouse-Publikum im Auge, hier geht sie den klassischen Weg über internationale Koproduktionen. "Die Menschen sind immer nur auf den Kinostart fixiert, das ist Unsinn", sagt sie. "Wir müssen bei jedem Stoff genau überlegen, was richtig für ihn wäre: Ist das was für das Fernsehen, ist das eine abgeschlossene Mini-Serie, ein TV-Film, eine Serie mit offenem Ende, ist es was für das Kino und warum, ist es ein day-on-date-Start... Wir passen ihn nicht den neuen Formaten an, sondern überlegen, was ihm entspricht."

Dieses Jahr auf der Berlinale: Das Uni-Drama "Goat" mit Nick Jonas (rechts)
Berlinale

Dieses Jahr auf der Berlinale: Das Uni-Drama "Goat" mit Nick Jonas (rechts)

Auch bei den Inhalten für das schwullesbische Publikum ist die vorausschauend denkende Produzentin völlig davon überzeugt, dass Bezahlfernsehen und Streamportale das Angebot erweitern, und natürlich zieht sie die Kritikererfolge "Transparent" (Amazon) und "Orange is the New Black" (Netflix) als Beweis heran. Aber "Looking" (HBO) zum Beispiel hat doch nicht so gut funktioniert? "Das war eine einzelne Show, die, aus welchen Gründen auch immer, ihr Publikum nicht erreicht hat. Ich würde da niemals in die Falle gehen und daraus schließen, dass man Serien über Schwule oder Lesben nicht erfolgreich produzieren kann."

Die großen Diskussionen in der Community darüber, wie sie im Kino, im Fernsehen oder auf dem Computerbildschirm repräsentiert wird, kennt Vachon, seit sie im Geschäft ist: "Du machst ja nur Jungs-Filme, oder nur weiße-Jungs-Filme, Lesben interessieren dich wohl nicht, oder nur, wenn sie andere Menschen umbringen, deine Filme sind altersfeindlich, denn in 'Go Fish' gibt es nur junge Frauen zusehen, in 'Safe' geht es ja gar nicht um Aids, in 'Kids' nicht um Aids aus der schwulen Perspektive... Ich habe irgendwann aufgehört, mir das anzuhören, ich kann ja nicht für jede einzelne Person in der Community den Film machen, in dem sie sich wiedererkennt."

"Ich wollte doch nur zwei Jungs sich küssen sehen!"

Als Vachon mit "Poison" ihren ersten Teddy bekam, gab es auch schon Kritik: "Die Schwulen sind ja nicht reingegangen, weil Todd darin einen neuen ästhetischen Ansatz gewagt hat, sondern weil sie gehört haben: Dieser Film ist über uns!", sagt Vachon. Und nicht wenige seien rausgegangen und hätten gefragt: "Warum ist das denn so experimentell, ich wollte doch nur zwei Jungs sich küssen sehen!" Aber wenn Filme mit queerem Inhalt nicht mit neuen Ideen kommen, haben sie auch heute keine Chance, glaubt die Produzentin: "Coming-Out-Geschichten gab es genug, es waren viele schöne Filme darunter, das müssen wir nicht wiederholen."

Im brutalen US-amerikanischen System, das ausschließlich mit Zuschauerzahlen rechne, stelle alles Nicht-Heterosexuelle natürlich eine Schwierigkeit dar, weil ein Großteil des Publikums, das im konkreten Moment entscheide, worauf es gerade Lust habe, lieber etwas Naheliegenderes konsumieren möchte. Aber genau in dieser Schwierigkeit stecke eben auch das Potential: originelle Geschichten, über die alle reden, gute Schauspielleistungen, die man gesehen haben muss. "Ich habe mit 'Still Alice' einen Film über Alzheimer gemacht, da war ja klar, wo die Geschichte am Ende landet. Trotzdem wollte man das sehen, um sich in Gesprächen nicht ausgeschlossen zu fühlen."

Und Christine Vachons Rat an junge Filmemacher_innen, die eine unkonventionelle Geschichte umsetzen wollen? "Schreib ein gutes Drehbuch! Was sonst soll ich da raten?"

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
frida1209 19.02.2016
1.
Ganz wichtig, was Christine Vachon fürs Queere Kino leistet. Manche Filme hätten ohne ihre Unterstützung so nicht oder gar nicht gedreht werden können. Glückwunsch zum Special Teddy Award.
StefanieTolop 19.02.2016
2. Hervorragendes Buch zum Thema
Wer ein unglaublich gutes Buch zum Thema "queere*x_Innen" lesen will, dem sei das Buch "Gender-Gaga" von Birgit Kelle wärmstens empfohlen. Es ist faszinierend und zugleich erschreckend...
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