Filmpreisvergabe in Berlin Keine Lust auf Euro-Pudding

Abtreibung in Rumänien, Heimatsuche in der Türkei: So politisch gaben sich die European Film Awards noch nie. Auch wenn Jean-Luc Godard, der die Trophäe für sein Lebenswerk ablehnte, das anders sieht: Vielleicht gibt es ja doch so was wie eine gemeinsame europäische Filmkultur.

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Große Kinokunst braucht nicht unbedingt großes Geld. Aber ihre Schöpfer müssen über ein ausgeprägtes ökonomisches Bewusstsein verfügen, sie müssen Mängel und Möglichkeiten abzuwägen wissen. Jeder Filmemacher, da darf er sich noch so sehr als Künstler aufspielen, ist erstmal Betriebswirt. Und so verwundert es nicht, dass der größte europäische Film dieses Jahres im denkbar kleinsten Erzählrahmen von der Ökonomie des Lebens und des Sterbens berichtet – und diese Ökonomie rigoros auf seine Filmsprache zu übertragen versteht.

Eine Studentin organisiert für eine andere Studentin in den letzten Tagen des Ceausescu-Regimes eine illegale Abtreibung: Das – nicht mehr und nicht weniger – ist die Geschichte, die der Regisseur Cristian Mungiu in seinem Film „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ erzählt. 18 Stunden folgt er der jungen Frau durch die spätkommunistische Tauschgesellschaft von Bukarest und zeichnet nach, wie das menschliche Sein zum puren ökonomischen Faktor gerinnt. Mungiu hängt sich Beschaffungsstreifzügen der Studentin an ihre Fersen oder lässt sie im schockstarren Standbild verharren. So vollbringt er das Kunststück, der Heldin ganz nah zu sein – und ihr Handeln doch mit der größtmöglichen analytischen Distanz zu betrachten.

Bei der 20. Verleihung der European Film Awards gestern Abend in Berlin wurde „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ als bester Film ausgezeichnet, und Mungiu feierte man dort als besten Regisseur. Eine Doppelehrung, die erstmal nicht besonders originell erscheint, da man mit ihr ja eigentlich nur den Vorgaben von den Filmfestspielen in Cannes zu folgen scheint, wo das Abtreibungsdrama die Goldene Palme erhielt. Für den Europäischen Filmpreis, der lange unentschlossen zwischen Filmkunst und Wirtschaftslobbyismus herumeierte, ist diese Wahl trotzdem denkbar radikal.

Dem Oscar etwas entgegensetzen

Es ist ja eine sonderbare Sache mit der Europäischen Filmakademie, die jedes Jahr die Trophäen unters Filmvolk bringt. Wurde sie doch vor zwei Jahrzehnten gegründet, damit man der American Film Academy, die für die Vergabe des Oscars zuständig ist, etwas Prestigeträchtiges entgegenzusetzen hatte. Um der wirtschaftlichen Übermacht Hollywoods Paroli bieten zu können, sollten die europäischen Produzenten Geschlossenheit demonstrieren. Aber wie tritt man als homogene Einheit auf, wenn doch gerade die Heterogenität das Kapital des Europäischen Kinos darstellt?

Wozu dieses verordnete grenzüberschreitende Handeln führen kann, zeigten ja all die schrecklichen Euro-Pudding-Produktionen der Achtziger und Neunziger, bei denen sich nach rein wirtschaftlichen Kriterien etliche unterschiedliche Länder an Finanzierung und Besetzung beteiligten, bis sämtliche regionale Eigenheiten aus den Streifen getilgt waren. Das war Filmkunst, erschaffen nach EU-Agrarrichtlinien. Was ursprünglich als Kampfansage an Hollywood zur Stärkung der kulturellen Vielfalt beitragen sollte, ebnete diese nur umso stärker ein.

Die diesjährige Preisverleihung stimmt vor diesem Hintergrund optimistisch, denn geehrt wurden eben vorrangig nicht jene Produktionen, mit denen man Hollywood zeigen könnte, wo kassentechnisch der Hammer hängt. Stattdessen wurde darauf geachtet, die sich stetig verändernden Filmkulturen eines sich geopolitisch ebenso stetig verändernden Europas herauszustellen.

So wie es dem Rumänen Mungiu, dem großen Sieger der Veranstaltung, in „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ gelingt, mit seinem materiellen Realismus vom Überlebenskampf in der untergehenden Ceausescu-Diktatur zu erzählen, so stimmt Stephen Frears mit trockener britischer Tragikomik in „The Queen“ einen Abgesang auf den Royalismus in Zeiten der Mediendemokratie an. Hauptdarstellerin Helen Mirren erhielt nach dem Oscar nun auch für ihre Rolle als Elizabeth II. den Europäischen Filmpreis. Und für das beste Drehbuch wurde Fatih Akin mit einer Trophäe bedacht, der mit seinem türkisch-deutschen Roadmovie „Auf der andere Seite“ eine formvollendete Meditation zum Begriff Heimat vorlegt und so ganz nebenbei die Türkei in die europäische Kino-Topographie bringt.

Hochpolitische Angelegenheit

Kassenhits wurden dafür in Berlin weitgehend ignoriert. Tom Tykwers opulenter Ausstattungskracher „Das Parfüm“ zum Beispiel wurde nur das für das geehrt, was wirklich ganz reizend an ihm ist: die farbigen Kostüme und die fidele Kamera. Der Jury unter Vorsitz von Wim Wenders war im Großen und Ganzen nicht nach Euro-Puddings. Auf diese Weise wurde die Filmpreisvergabe endlich zu einer hochpolitischen Angelegenheit: Die aktuellen Systemverschiebungen auf dem alten Kontinent bringen zurzeit nun mal die spannendsten Geschichten hervor. Der europäische Oscar, der jahrelang unter unterschiedlichen Namen vor sich hindümpelte, könnte so an Gewicht gewinnen.

Nicht ganz unschuldig daran ist lustigerweise auch ein alter begnadeter Sturkopp, der mit der ganzen Zeremonie partout nichts zu haben wollte: Jean-Luc Godard verweigerte die Annahme des ihm zugedachten Preises für sein Lebenswerk. In einem Interview mit Arte erklärt er gerade ausführlich, weshalb es den europäischen Film eigentlich gar nicht gibt. Godard, der alte Dialektiker: Durch seine Negation beschert er der Europäischen Filmkademie immerhin eine Beachtung, um die so lange vergeblich rang.

Falls es doch so was wie ein europäisches Kino gibt, dann war es gestern Abend jedenfalls endlich mal ganz bei sich selbst.

Arte zeigt heute Abend um 22.10 Uhr eine Zusammenfassung der Gala

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