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Filmregisseur Freydank: Erst Oscar, dann Klinkenputzen

Aus Los Angeles berichtet

Er war die deutsche Oscar-Überraschung des vergangenen Jahres: Jochen Alexander Freydank gewann den Preis für den besten Kurzfilm. Jetzt ist er wieder in Hollywood, als Zaungast. Sein Leben hat sich verändert seit der großen Nacht von 2009 - doch anders, als er es gedacht hätte.

Alexander Freydank: "Warum tu' ich das?" Fotos
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Das Ritual nimmt seinen Lauf. Der Hollywood Boulevard ist abgesperrt, die Tribünen stehen, das Empfangszelt ist aufgebaut. Arbeiter rollen den roten Teppich aus, 152 Meter lang, zehn Meter breit. Andere wickeln eine monumentale Oscar-Statue vor dem Eingang des Kodak Theatres aus ihrer Plastikhülle. Die ersten Reporter proben Aufsager. Touristen gaffen.

Jochen Alexander Freydank sitzt am Fenster eines Coffeeshops hinter dem Theater, in dem am Sonntag die Oscars vergeben werden. "Schon komisch", sagt er. "Das ist irgendwie das erste Mal, das ich diese Ecke richtig sehe."

Denn voriges Jahr steckte Freydank mitten drin in diesem Trubel - betriebsblind sozusagen. Der Berliner Filmemacher war für einen Kurzfilm-Oscar nominiert, über den roten Teppich wankte er wie in Trance. Dabei galt die Aufmerksamkeit in der Heimat damals eher jemand anderem, prominenterem: Bernd Eichinger und seinem RAF-Thriller "Der Baader Meinhof Komplex". Doch dann geschah das Unglaubliche: Eichingers Großproduktion ging leer aus - und Underdog Freydank gewann.

Ein Jahr ist das nun her. Neue Oscar-Anwärter fiebern ihrem großen Tag entgegen, probieren Fracks, Abendkleider, Dankesreden. Darunter auch wieder deutschsprachige Kandidaten: Regisseur Michael Haneke und Kameramann Christian Berger ("Das Weiße Band") sowie der österreichische Schauspieler Christoph Waltz ("Inglourious Basterds").

Die Karriere der anderen

Freydank schaut amüsiert zu, als Preisträger ist er automatisch auch stimmberechtigtes Mitlied der Academy of Motion Arts and Sciences (Ampas). Ein Ticket zur diesjährigen Gala hat er allerdings nicht, die Karten wurden per Los verteilt. Trotzdem ist er nach Hollywood gekommen. Es ist eine gute Woche für Geschäfte - und ein guter Anlass, um über die Folgen der Auszeichnung nachzudenken.

Kann der Oscar das Leben eines Hollywood-Außenseiters wirklich verändern? Florian Henckel von Donnersmarck, 2007 ausgezeichnet für "Das Leben der Anderen", dreht jedenfalls gerade mit Angelina Jolie und Johnny Depp. Florian Gallenberger, Preisträger 2001, heimste seither noch etliche weitere Preise ein, darunter zuletzt den Deutschen Filmpreis.

Und Freydank? Seine Holocaust-Vignette "Spielzeugland", die ihm den Oscar einbrachte, geistert heute als DVD-Raubkopie durch Asien. Zuhause in Deutschland jedoch hat Freydank, 42, im vergangenen Jahr Anrufe von exakt drei Filmproduzenten bekommen, die er zuvor noch nicht gekannt hatte. "Drei!", sagt er lachend. "Richtig gefördert hat das meine Karriere wohl nicht."

Er will keineswegs jammern. Der Oscar habe seinem Selbstbewusstsein einen enormen Schub gegeben, habe sein "Leben in Deutschland massiv verbessert" und seinen "Namen aufgewertet", nach 20 Jahren Schufterei, bei der er sich am Ende gefragt habe: "Warum tu' ich mir das überhaupt an?" Seit einem Jahr aber weiß er, was er will - und kann: Geschichten erzählen. Selbst wenn das trotz Oscar nicht unbedingt leichter geworden ist.

Die Preisnacht war ein einziger Rausch für den früheren DDR-Bürger gewesen: Der Sprung auf die Bühne des Kodak Theatres. Der panische Blick auf den Teleprompter, der ihm sogar noch 15 Sekunden extra Zeit gab. Die Party im Garten eines Luxushotels unweit des Sunset Boulevards, wo eigentlich Eichinger Hof hielt.

So unvorbereitet war Freydank auf den Sieg, dass er nach der Oscar-Verleihung nicht mal eine Ruhepause eingeplant hatte: "Am nächsten Morgen bin ich wieder nach Leipzig, zu meinem ganz regulären Produzentenjob."

In Deutschland hielt die Begeisterung zwei, drei Wochen an. Interviews, ein paar Porträts in den Tageszeitungen, ein Besuch bei "Wetten, dass...?" Dann wurde Freydank in der Öffentlichkeit wieder vergessen.

Deutschland flop, USA top

Die Umarmung durch Hollywood hingegen dauert bis heute an. US-Produzenten buhlen um ihn. Sogar die Weinsteins, die legendären, Oscar-verwöhnten Produzentenbrüder ("Shakespeare in Love") haben angerufen . "Ich wollte nie nach Hollywood", sagt Freydank - und doch ist er inzwischen alle paar Monate hier. Man zeigt sich interessiert, man fragt ihn, welches Genre ihm denn zusage ("Das fragt dich in Deutschland keiner"), schickt ihm dauernd Drehbücher: "Thriller, viel Horror, eine schwarze Komödie".

Dennoch will Freydank Deutschland treu bleiben. Auch wenn er sein "Herzensprojekt" dort nicht finanziert bekommt. Franz Kafkas Erzählung "Der Bau" will er verfilmen; ein Budget von 1,8 Millionen Euro hat er avisiert, doch nur die Hälfte zusammentrommeln können, dank Arte und den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Saarland.

Die BMK Filmförderung des Bundes hat seinen Antrag abgelehnt. Kommentarlos, obwohl er persönlich angerufen hatte. "Die Beamtin raschelte nur mit ihren Papieren."

Kein Kinderspiel

"Spielzeugland" wurde im November beim Deutschen Kurzfilmpreis sogar ganz ignoriert. "Ich bin", sagt Freydank, "irgendwie schon traurig." Aber klagen will er nicht. Er arbeitet an seinem ersten "Tatort", den er im April drehen soll. Im Sommer möchte er "etwas Theater machen". Er schreibt an einem Drehbuch, "aber das dauert noch etwas". Ein Hollywood-"Riesenprojekt" wie Donnersmarcks schlagzeilenträchtiges US-Starvehikel "The Tourist", dessen Dreharbeiten kürzlich begannen, sage ihm sowieso nicht zu.

Und "Spielzeugland"? Hat am Ende sogar Geld abgeworfen. 10.000 Euro, weniger als zehn Prozent der Kosten, aber immerhin. Die hat er in gleichen Teilen an sein Team verteilt, "da bekam jeder 90 Euro".

Die Negative seines Oscar-Werks sind übrigens verschollen. Das Kopierwerk Babelswerk, in dem sie entstanden waren, hat Pleite gemacht: "Ich bin immer noch auf der Suche."

Nebenan im Kodak Theatre laufen die letzten Proben für die Preisnacht. Gärtner verzieren die Freitreppe mit Blumengestecken. Eine Reihe großer Oscar-Statuen wartet in einer kleinen Seitenstraße auf ihren Marschbefehl.

Für seinen eigenen Oscar, sagt Freydank, habe er in Berlin extra seine Villa vergrößert, ein eigenes Zimmer gebaut. Kunstpause, er grinst. "Natürlich nicht", sagt er dann. "Der steht im Regal im Arbeitszimmer."

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1. Schublade auf...
snickerman 04.03.2010
und hinein mit dem Filmschaffenden! Eine extrem deutsche Erfindung, an der schon viele gute Schauspieler wie Produzenten/Autoren zerbrochen sind. "Der ist witzig, der kommt in harmlose Komödien!" "Der kann so ernst kucken, der spielt Dramatisches!" "Die ist so patent und schaut gut aus, die machen wir zum Megastar- ein Gesichtsausdruck reicht völlig..." Da schimmert die altüberkommene Einteilung der Theaterbühnen durch, wo noch immer nach Schauspielschulen und -lehrern sortiert wird: "Ach, sie haben in X-Stadt bei Y-Mann studiert? Sehr gut!" Wehe, Quereinsteiger haben Erfolg, da wird gemauert... "Hollywood? Ich bitte sie, wie unseriös! Mein alter Lehrer hat bei Gründgens gelernt, wir brauchten keinen "Oscar"!" Und dass man im Kommerzbabel USA mehr Auswahl bei seinen Filmprojekten hat als hier, sagt wohl alles...
2. Neidkultur
Portugiese 04.03.2010
Zitat von sysopEr war die deutsche Oscar-Überraschung des vergangenen Jahres: Jochen Alexander Freydank gewann den Preis für den besten Kurzfilm. Jetzt ist er wieder in Hollywood, als Zaungast. Sein Leben hat sich verändert seit der großen Nacht von 2009 - doch anders, als er es gedacht hätte. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,681670,00.html
Tja, das kommt davon, wenn man sich vom imperialistischen und kulturlosen USA feiern lässt! Der soll lieber sozialkritische Tatorts machen! Eigentlich traurig und soooo bezeichnend für eine immer noch zu politisch korrekte und eigentlich phanasielose und langweilige Deutsche Filmkultur - das ist in England anders
3. Oh ja...
Fassungsloser 04.03.2010
Bitte noch mehr sozialkritische Tatort-Folgen mit der Krimihandlung als kleine Nebensache am Rande...
4. Ja, ja, Herr Freydank!
Spinatwachtel 04.03.2010
So kann's gehen! Backen wir halt wieder kleinere Brötchen - in good old Germany. Hollywood hat schon ganz anderen für kurze Zeit den Blick vernebelt! B. Brecht z.B. Lesen Sie doch mal seine Hollywood-Elegien! Ist Pflichtlektüre für einen, wie Sie! Hilft vielleicht bei der Selbstfindung. Auch Ihnen.
5. Das war das falsche Beispiel
Portugiese 04.03.2010
Zitat von SpinatwachtelSo kann's gehen! Backen wir halt wieder kleinere Brötchen - in good old Germany. Hollywood hat schon ganz anderen für kurze Zeit den Blick vernebelt! B. Brecht z.B. Lesen Sie doch mal seine Hollywood-Elegien! Ist Pflichtlektüre für einen, wie Sie! Hilft vielleicht bei der Selbstfindung. Auch Ihnen.
Wobei man sehen sollte, das ein grosser Teil des Brecht'schen Werkes (spätestens ab Ende des 2. Weltkrieges) heute schon nicht mehr so hoch eingeschätzt wird und in der Zukunft - Gott sei's gedankt - als Tendenzliteratur vergessen sein wird. Zum Vergleich der Brecht'schen Qualität: das Gedicht Die Partei hat immer Recht....
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