Debütfilm "Im Sommer wohnt er unten" Posen am Pool

Der eine kifft schon vormittags, der andere checkt auch im Urlaub unentwegt den Börsenticker: Im Mittelpunkt der bezaubernden Tragikomödie "Im Sommer wohnt er unten" steht ein ungleiches Brüderpaar - und ein Schwimmbecken.


Wäre die Kinogeschichte ein unbeschriebenes Blatt, das Spielfilmdebüt von Tom Sommerlatte müsste "Swimmingpool" heißen. Ein solches Becken unter freiem Himmel ist der stille Held der Geschichte, im glitzernden Wasser ereignen sich hier all die kleinen, bedeutungsschweren Dramen: Schwimmwettkämpfe werden verbissen geführt, verbotene Küsse ausgetauscht, irgendwann treibt ein verräterisches Bikinioberteil durchs chlorsatte Nass.

Doch der Filmtitel war schon besetzt, doppelt sogar. Charlotte Rampling und Ludivine Sagnier fochten 2003 im gleichnamigen Werk von François Ozon einen Kampf der Generationen aus, Jahrzehnte zuvor hatte Alain Delon im Werben um Romy Schneider den Nebenbuhler im Pool ertränkt.

Nun also siedelt ein junger deutscher Regisseur das Geschehen rund um den Beckenrand an und verpasst seinem Film den ungleich sperrigeren Titel "Im Sommer wohnt er unten". Noch bevor das erste Bild erscheint, kann man es schon plätschern hören. Matthias (Sebastian Fräsdorf), ein gutmütiger, von allen zum "Matti" verniedlichter Faulenzer, gibt dem Sohn seiner Freundin Schwimmunterricht, vor der idyllischen Kulisse eines Ferienhauses unweit der französischen Atlantikküste.

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"Im Sommer wohnt er unten": Bruderzwist unter Sommersonne
Fünftagebart, schläfriger Blick und immer wieder ein Joint zwischen den Lippen: So einen wie Matthias nennt man heute gern "Slacker". Umso resoluter tritt seine französische Freundin Camille (Alice Pehlivanyan) für ihre Interessen ein; egal ob es ums Schwimmtraining des Sohns geht oder, wie schon bald, um Matthias' Konfliktscheue. Denn nach wenigen Filmminuten steuert eine schwarze Limousine das Ferienhaus der Familie Landberg an. Eine Woche früher als besprochen beginnt Matthias' Bruder David seinen Urlaub (sehenswert selbstgefällig: Godehard Giese), begleitet von Ehefrau Lena (Karin Hanczewski).

Das Szenario "Paare im Urlaub" lieferte schon oft Stoff für reichlich Reibereien auf der Kinoleinwand. Kompliziert genug, dass sich plötzlich ungewohnt viel freie Zeit füreinander bietet, in der die bislang so achtlos (oder aber wohlweislich) verdrängten Konflikte gnadenlos an die Oberfläche gespült werden - um mal im Bild des Swimmingpools zu bleiben. Wenn dann auch noch ein zweites Paar mit den ganz eigenen Problemen hinzustößt, sind Machtspielchen und Eifersüchteleien vorprogrammiert.

Maren Ade gelang vor einigen Jahren mit "Alle Anderen" ein präzises Porträt großstädtischer Thirtysomethings im gemeinsamen Sommerurlaub. Feinsinnig tarierte sie damals die Gefühlswelt ihrer Helden Gitti und Chris aus, irgendwo zwischen Vertrautheit und Überdruss. Ähnlich die Ausgangslage der Martin-Walser-Adaption "Ein fliehendes Pferd": Ein vor Virilität strotzender Mann und seine lasziv-naive Freundin treffen dort auf einen biederen Lehrer samt Gattin und bringen deren nur scheinbar stabile Ehe gehörig durcheinander.

Größtmögliche Gegensätze schaffen bestmögliches Drehbuch

Tom Sommerlatte, beim Dreh seines Films keine 30 Jahre alt, reichert das vertraute Sujet nun zusätzlich mit einem Bruderkonflikt an. Der Regisseur und Autor muss wissen, wie so etwas aussieht, er selbst hat nicht weniger als elf Geschwister. Zu ihnen zählt auch Iris Sommerlatte, die sich als Produzentin von "Im Sommer wohnt er unten" verantwortlich zeichnet.

Scharf konturiert und voneinander abgegrenzt sind die Figuren des Films, sie gehorchen ganz dem Prinzip: Größtmögliche Gegensätze schaffen bestmögliches Drehbuch. Da sind die zwei männlichen Sprösslinge reicher Eltern; der eine verweigert sich dem Leistungsprinzip, der andere schwört darauf.

Auch die Frauen an ihrer Seite bilden ein denkbar konträres Gespann, schnell gerät man beim Thema Aufgabenteilung in der Partnerschaft aneinander. Hier die emanzipierte Mutter Camille, dort das devote Mäuschen Lena. Die nennt ihren Mann "Schatzi", führt einen Eisprungkalender und blättert abends demonstrativ durch das Buch "Wir wollen ein Baby", während sie sich mit der Hand den flachen Bauch streichelt. Der betont markige Vater in spe ("Heute wird produziert!") tut sich indes noch schwer mit Kindern, Camilles Sohn verbannt er gleich mal vom Grundstück.

Manches in Sommerlattes Film ist überdeutlich inszeniert, etwa wenn ein altes Familienfoto zeigen soll, dass "Matti" schon in Kindertagen stets abseits der anderen stand. Doch dafür beweist der Jungregisseur in seinem Erstling ein erstaunliches Händchen für Timing. In den jeweils richtigen Momenten weiß er das Tempo hinauszunehmen oder wieder anzuziehen. Bei allen Beziehungsnöten ist "Im Sommer wohnt er unten" letztlich vor allem eins: ein milder Blick auf das besondere Verhältnis zwischen Geschwistern.

Im Video: Der Trailer zu "Im Sommer wohnt er unten"

Im Sommer wohnt er unten

    Deutschland, Frankreich 2014

    Drehbuch und Regie: Tom Sommerlatte

    Darsteller: Sebastian Fräsdorf, Alice Pehlivanyan, Godehard Giese, Karin Hanczewski, William Peiro

    Produktion: Osiris Media

    Verleih: Kinostar

    Länge: 99 Minuten

    FSK: ab 12 Jahren

    Start: 29. Oktober 2015

  • Offizielle Webseite zum Film

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