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Politsatire "Freiland": Der deutsche Beamte übt Revolution

Von Martin Baierlein

Der Kinofilm "Freiland" simuliert eine Staatsgründung von Wutbürgern, die die Schnauze voll haben vom System Deutschland. Doch statt hitziger Revolutionäre sehen wir vor allem deutsche Piefigkeit am Werk.

Gesellschaft und Politik sind schuld. An allem. Findet jedenfalls der Lehrer Niels (Aljoscha Stadelmann). Und um seinen Schülern zu beweisen, zu was die sinistre Staatsmacht alles fähig ist, hat er sich einen ganz besonderen Schulausflug ausgedacht: auf die nächste Demo und direkt in den Strahl eines Wasserwerfers. Frei nach Stuttgart 21 verliert er dabei ein Auge und gleich danach auch seinen Job. Suspendiert und gefrustet schlurft er von nun an als Pirat mit Augenklappe durch die allgegenwärtige Eurokrise und fragt sich: Wie mache ich kaputt, was mich kaputt macht?

Der Buchautor Christian (Matthias Bundschuh), der in seinem Wohnwagen ein bleiern unverkauftes Meisterwerk zum Niedergang der Gesellschaft geschrieben hat, bringt Niels bei einer Lesung auf die rettende Idee: Als tatsächlicher Einäugiger unter lauter Blinden will er König werden und sein eigenes Reich eröffnen. Auf einem heruntergekommenen Gutshaus in Brandenburg wird die Fahne gehisst - der Staat "Freiland" ist geboren.

Der frühere Werbefilmer Moritz Laube will in seinem Spielfilmdebüt "Freiland" nicht die Gesellschaft persiflieren, von der sich die Aufmüpfigen ins Private zurückziehen, er hat es auf die Kleingeistigkeit der Wutbürger selbst abgesehen. Denn die haben auch keinen besseren Plan als die Politiker: In der Kommune mit dem Charme einer Jugendherberge gibt es Ministerposten, Pass- und Suppenausgabe, Fahnenappell zu Marschmusik und einen Propagandasender, der blechern über die Mark Brandenburg schallt. Bewerber müssen bei der Einbürgerungsprüfung alberne Fragen beantworten. Und weil so ein Staat auch wachsen muss, werden Reproduktionsabende organisiert und die Paarungen ausgelost. So ist sie, die Tristesse der Freiheit.

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Satire "Freiland": Piefiger Aufstand
Ein Hauch von Trier

Modernes Kino will das sein: Finanziert wurde aus Privatgeldern und Crowdfunding, die Dialoge wurden von den Schauspielern ohne festes Drehbuch improvisiert. Zwischendurch kommentieren die "Freiländer" in Interviews aus der Rückschau ihr Experiment. Zusammen mit der allgegenwärtigen Handkamera erinnert das an Lars von Triers berühmten Dogma-Film "Idioten" von 1998. Der führte seine Aussteigerkommune bis hin zur legendären Massenorgien-Szene allerdings wirklich an die Schmerzgrenze gesellschaftskritischer Idiotie. Wenn sich in "Freiland" aber das autarke System plötzlich in eine Autokratie verwandelt und gegen seine Gründer wendet, ist der Niedergang weder überraschend noch berührend.

Eine "bitterböse Anarcho-Satire zur Lage der Nation" sollte es werden. Vielleicht ein bisschen wie man es mal bei Herrn Mux gesehen hat, der 2004 in Marcus Mittermeiers "Muxmäuschenstill" mit seiner Wackelkamera radikal-satirisch für die verlorene deutsche Ordnung kämpfte. Aber "Freiland" fehlt diese Schärfe. Die Aussteiger köcheln auf Sparflamme im eigenen Süppchen. Der einzige wirkliche Antagonist der Gesellschaft, der Bürgermeister (Stephan Grossmann), ist ein ziemlich harmloser Einzelvertreter. Und eine nebenbei eingeflochtene Liebesgeschichte geht in der allgemeinen Diskussion komplett unter.

Laut Eigenauskunft wollte Laube "einfach nur zeigen, dass es manchmal überaus politisch sein kann, unpolitisch zu sein". Damit kommt er aber nicht weit. Dass weder er, noch seine Figuren wirklich an die Utopie einer selbstbestimmten und freien Gemeinschaft glauben, hört man aus jeder lauten hohlen Phrase raus. Das im Grunde spannende Experiment erschöpft sich dabei immer mehr in einer Bestandsaufnahme deutscher Beamtenmentalität.

So ist "Freiland" ein stellenweise witzig improvisiertes Gedankenspiel zum Thema Politikverdruss geworden, aber mehr eben auch nicht. Als Satire ist der Film nicht böse, als gesellschaftliche Analyse nicht präzise, als Drama nicht berührend genug. Scheitern scheint hier die einzige Antwort auf die Krise zu sein.


"Freiland". Start: 7.8. Regie: Moritz Laube. Mit: Aljoscha Stadelmann, Matthias Bundschuh, Stephan Grossmann, Henrike von Kuik.

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1. Schlaumaierlein
andreashirsch 07.08.2014
Ja was erwartet der hinter seinem MacBook fantasierende Kritiker denn, einen Film über eine Horde junger, intelligenter Revoluzzer, die die Welt aus den Angeln heben? Haha, der war lange nicht mehr auf dem Land, in einem Freizeitpark oder im Kegelverein der älteren Verwandschaft unterwegs. Wenn Revolution in Deutschland, dann von den Alten. Demographie und faule, unpolitische Jugend fressen sich durch die Gesellschaft. Und unsere Alpha-Journalisten schreiben gegen "Putin". So dumm siehts aus, warum sollte der Film dann so schlecht sein, wie vom hippen Kritiker herbeigeschrieben?
2. No Future
derBob 07.08.2014
Zitat von andreashirschJa was erwartet der hinter seinem MacBook fantasierende Kritiker denn, einen Film über eine Horde junger, intelligenter Revoluzzer, die die Welt aus den Angeln heben? Haha, der war lange nicht mehr auf dem Land, in einem Freizeitpark oder im Kegelverein der älteren Verwandschaft unterwegs. Wenn Revolution in Deutschland, dann von den Alten. Demographie und faule, unpolitische Jugend fressen sich durch die Gesellschaft. Und unsere Alpha-Journalisten schreiben gegen "Putin". So dumm siehts aus, warum sollte der Film dann so schlecht sein, wie vom hippen Kritiker herbeigeschrieben?
Tja, wer keine Zukunft mehr hat, für den bleibt nur noch sich in der "früher war alles besser" Wagenburg zu verschanzen, jegliche Veränderung zu verhindern oder das Rat der Geschichte zurückzudrehen zu suchen und das ganze dann noch als "Revolution" zu verbrämen. Natürlich nur, sofern hiervon die Pensionen/Renten nicht betroffen sind.
3.
kdshp 07.08.2014
Zitat von sysopFarbfilmDer Kinofilm "Freiland" simuliert eine Staatsgründung von Wutbürgern, die die Schnauze voll haben vom System Deutschland. Doch statt hitziger Revolutionäre sehen wir vor allem deutsche Piefigkeit am Werk. http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmsatire-freiland-von-moritz-laube-ueber-deutsche-wutbuerger-a-984711.html
Als erstes würden diese wutbürger zu 100% eine behörde gründen! Was mich im realen leben wundert ist das diese wutbürger die sind die die wählen/unterstützen über die sie so eine WUT haben. Für mich sind diese wutbürger bürger die sich nach oben zugehörig fühlen und deswegen das system wählen um ihren wohlstand zu halten/zu vermehren. Aber sich nach unten darüber aufregen das sie ja so viel steuern zahlen müssen. DAS ist schon recht komisch das mit diesen wutbürgern.
4. Zurück zur Realität
toh 10.08.2014
Ein solcher Staat existiert und funktioniert in Deutschland tatsächlich, bereits seit 2 Jahren, mit eigener Währung, Staatsbank, Gesundheits- ("Kranken-") kasse, Rentenkasse etc. (www.neudeutschland.org) Die einzigen Probleme kommen von den BRD-Behörden, die Selbstbestimmung nicht anerkennen oder tolerieren möchten.
5. Die Kleingeistigkeit der Wutbürger
hermannheester 11.08.2014
Zitat von sysopFarbfilmDer Kinofilm "Freiland" simuliert eine Staatsgründung von Wutbürgern, die die Schnauze voll haben vom System Deutschland. Doch statt hitziger Revolutionäre sehen wir vor allem deutsche Piefigkeit am Werk. http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmsatire-freiland-von-moritz-laube-ueber-deutsche-wutbuerger-a-984711.html
Sie hat sich doch bei Stuttgart 21 mehr als nur überdeutlich hervorgetan. Dort hat man "protestiert" und sich sogar von Wasserwerfern niedermachen lassen. Als es aber darum ging, die Früchte des Zorns auch zu ernten hat man schlapp gemacht und sich überstimmen lassen. Da lobt man sich den "Wagner in der Einbauküche" und gelobe keine Besserung, denn der Staat ist ja doch an allem schuld.
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